27. November 2023

Schwerpunkt Inklusion

"Werkstatt ist so viel mehr"

Ingo Plaßmeier setzt sich als Werkstattrat in der Diakonie Stiftung Salem in Minden und bei der Landesarbeitsgemeinschaft der Werkstatträte in NRW ein – aus Überzeugung. Er möchte Beschäftigten eine Stimme geben. In der Politik wünscht er sich mehr Mitsprache, um die Situation für Menschen mit Behinderungen nachhaltig zu verbessern.

  • Junger Mann mit Downsyndrom arbeitet in einer Werkstatt für behinderte Menschen.

Warum engagieren Sie sich für den Werkstattrat?

Ingo Plaßmeier: Ursprünglich habe ich selbst gar nicht mit dem Gedanken gespielt, mich bei der Wahl zum Werkstattrat aufstellen zu lassen. Aber dann kamen Kollegen auf mich zu und ermutigten mich, mich zur Wahl zu stellen. Damals wusste ich noch nicht so richtig, worauf ich mich einlasse. Ich wollte helfen und etwas bewirken. Das hat wohl etwas damit zu tun, dass ich ein Kümmerer bin und mich auch nicht davor scheue, mich auch mal mit anderen anzulegen. Ich finde: Ein Gewitter reinigt die Luft. Ein Konflikt ist auch immer eine Chance. Und deswegen habe ich mich schließlich für den Werkstattrat entschieden.

Wie sieht Ihre Arbeit als Werkstattrat aus?

Plaßmeier: Die Themen haben sich in den vergangenen zwei Jahren gewandelt. Früher ging es meistens darum, dass das Essen nicht schmeckte oder zu teuer war. Oder Beschäftigte beschwerten sich über sanitäre Anlagen. Heute kommen die Menschen mit vielen verschiedenen Fragen und Sorgen zu mir. Viel häufiger formulieren sie politische Forderungen – wegen des geringen Lohnes oder fehlender Barrierefreiheit. 

Und wie gehen Sie damit um?

Plaßmeier: Mir ist es wichtig, dann helfen zu können. Deswegen lese ich mich ständig in die Materie ein und setze mich mit den Themen und politischen Diskussionen auseinander. Ich möchte Antworten schon parat haben, wenn mich jemand fragt. Manchmal fehlen Kolleginnen und Kollegen einfach wichtige Informationen, um die Situation bewerten und wieder klar sehen zu können. Halbwissen tut nie gut. Auch dann bin ich im Einsatz. 

Mir ist es auch wichtig, die Menschen in den Werkstätten für Grenzüberschreitungen zu sensibilisieren. Auch Beleidigungen und Schubser sind Gewalterfahrungen, die wir vermeiden müssen. Ich gehe regelmäßig durchs Haus. Und ich merke: In vielen Fällen, in denen Beschäftigten nicht sofort etwas einfällt, kommen sie in den Tagen danach auf mich zu.

Ingo Plaßmeier bei einer Veranstaltung

Die Arbeit von Werkstattrat Ingo Plaßmeier ist in den letzten Jahren immer politischer geworden.

Welche Sorgen haben die Menschen bei Ihnen in den Werkstätten?

Plaßmeier: Es sind inzwischen häufig Existenzängste, die mir begegnen. Dabei geht es oft darum, dass Kolleginnen und Kollegen davon hören, dass es Werkstätten bald nicht mehr geben könnte. Sie haben Angst vor dieser Situation. Und es geht um finanzielle Absicherung. Beschäftigte, die 37,5 Stunden in der Woche arbeiten, erhalten im Durchschnitt am Ende des Monats 220 Euro. Das ist ein Stundenlohn, der zwischen 1,35 und 1,60 Euro liegt. Diplomatisch gesprochen: Das liegt weit entfernt vom Thema Mindestlohn – obwohl viele Bereiche bei uns in den Werkstätten sogar gewinnbringend arbeiten und auch für die Wirtschaft als Zulieferer relevant sind. 

Beschäftigte in den Werkstätten müssen ein sozialverträgliches Auskommen haben und durch ihre Arbeit finanziell unabhängig sein, anstatt noch beim Sozialamt vorstellig werden zu müssen. Man muss allerdings unterscheiden: Diese Sorgen begegnen uns vor allem bei Menschen mit psychischen Einschränkungen. In anderen Bereichen sieht das anders aus. Die Sorgen der Beschäftigten sind genauso unterschiedlich wie deren Erkrankungen.

Eine Frau im Rollstuhl arbeitet in einer Zimmerwerkstatt.

Rollstuhlfahrer*innen lassen sich leichter auf den ersten Arbeitsmarkt integrieren, erklärt Ingo Plaßmeier: "Die sind geistig fit."

Welchen Themen begegnen Sie bei Beschäftigten mit anderen Behinderungen?

Plaßmeier: Beschäftigte mit kognitiven oder körperlichen Behinderungen haben oft andere Themen. Sie wollen sich am ersten Arbeitsmarkt ausprobieren. Und sie haben zuweilen auch das Gefühl, dass sich die Werkstätten in diesem Bereich nicht genug kümmern. Aber ich meine: Wir müssen da auch realistisch sein. Die meisten Menschen in Werkstätten haben diese Chance nicht, weil der Arbeitsmarkt das nicht hergibt. Natürlich gefallen uns die Bilder von Rollstuhlfahrern, die auf dem ersten Arbeitsmarkt angekommen sind. Die sind geistig fit und stehen mitten im Leben. Aber viele Beschäftigte bringen Mehrfachbehinderungen und ganz andere Vorbedingungen mit. Und wenn wir beim Thema sind: Viele Menschen mit psychischer Erkrankung wollen gar nicht zurück, denn sie hat der erste Arbeitsmarkt krank gemacht. Und sie wollen auf keinen Fall zurück ins Haifischbecken.

Wenn die Menschen mit ihren Sorgen und Wünschen zu Ihnen kommen: Welche Möglichkeiten haben Sie? Welche Wirkung zeigt die Arbeit als Werkstattrat? 

Plaßmeier: Wir haben hier bei uns ein gutes Verhältnis zur Werkstattleitung. Das ist nicht überall so. Wenn es etwa um Themen der baulichen Veränderungen oder Barrierefreiheit geht, dann ist die Werkstattleitung unser Ansprechpartner. Grundsätzlich wenden wir uns aber bei Beschwerden von Beschäftigten zuerst an die Gruppenleitung: Wir suchen das Gespräch und differenzieren. Bei sozialen Fragen rund um Sozialleistungen oder Bustickets sprechen wir die Sozialarbeiter an. Dann führen wir auch schon mal Sechs-Augen-Gespräche. Dabei kann ich dann auch viel lernen.

Und wie sieht Ihr Kontakt zur Politik aus?

Plaßmeier: Die Landesarbeitsgemeinschaft der Werkstatträte in NRW arbeitet eng mit den Politikern auf Landesebene und teilweise auch auf Bundesebene zusammen und vertritt etwa 80.000 Werkstattbeschäftigte in NRW. Wir sind viel mit Claudia Middendorf, der Beauftragten der Landesregierung für Menschen mit Behinderungen, im Gespräch, auch mit dem Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales, den Kostenträgern, also den Landschaftsverbänden LWL und LVR, und auch den Wohlfahrtsverbänden. Die LAG Werkstatträte NRW arbeitet in mehreren wichtigen Gremien in NRW mit, die dem Inklusionsbeirat NRW zuarbeiten. Wir sind auch in der Landesinitiative Gewaltschutz NRW vertreten.

Haben Sie den Eindruck, dass Ihr Engagement etwas bringt?

Plaßmeier: Ich habe schon den Eindruck, dass wir gehört werden, und ich nehme Informationen dann natürlich direkt mit zu uns in die Werkstätten. Aber wir haben leider noch viel zu wenig Einfluss. In den vergangenen Jahren ist die Zusammenarbeit besser geworden und wir werden mehr gehört. Schwierig allerdings ist es, dass Gesetzestexte nicht barrierefrei sind. Wir bekommen Unterlagen, haben aber oft nur wenig Zeit, sie zu prüfen und müssen uns durch Paragrafen und sehr spezielle Formulierungen kämpfen. Auch an dieser Stelle würden wir uns eine Verbesserung wünschen.

Mann mit Beinprothese in einer Möbelfabrik.

Als Werkstattrat kümmert sich Ingo Plaßmeier um die Sorgen seiner Kolleg*innen, damit diese sich voll auf ihre Arbeit konzentrieren können.

Warum ist es gut, dass es Werkstatträte gibt?

Plaßmeier: Wir sind die Stimme der Beschäftigten. Wir kümmern uns und wir sind laut. Unsere Botschaft an die Kollegen ist folgende: Du kannst dich auf deine Arbeit konzentrieren, wir entlasten dich. Mach Dir keine Sorgen.

Und was wünschen Sie sich von der Gesellschaft, also von der breiten Öffentlichkeit?

Plaßmeier: Die Menschen haben ein bestimmtes Bild von Werkstätten im Kopf. Und das kann man ihnen auch nicht vorwerfen. Wir erwarten Akzeptanz, aber sind selbst noch nicht transparent genug. Wir müssen den Menschen ermöglichen, sich ein echtes Bild von Werkstätten zu machen und ihnen einen Blick hinter die Kulissen anbieten.

Und was würden die Menschen dann entdecken können?

Plaßmeier: Ich kenne das von mir selbst. Bevor ich nach der Reha zum ersten Mal Kontakt zu einer Werkstatt aufgenommen habe, dachte ich: Da sitzen Menschen und sortieren Schrauben. Ich tat die Idee damals ab, selbst in einer Werkstatt zu arbeiten. Aber als ich dann hinter die Kulissen sah, entdeckte ich ein breites Arbeitsfeld: Gartenbau, Holz- und Metallverarbeitung. Ich baute plötzlich Adapter für Windkraftanlagen. Werkstatt ist so viel mehr, als die meisten Menschen denken. Und wir müssen ihnen ermöglichen, das auch zu entdecken.

Die Fragen stellte Theresa Demski. Fotos: Landesarbeitsgemeinschaft der Werkstatträte NRW/Shutterstock

Ihr/e Ansprechpartner/in
Anja Burdziak
Zentrum Eingliederungshilfe
Weitere Informationen
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Behinderung und Teilhabe

In den Werkstätten für Menschen mit Behinderungen vertritt der Werkstattrat die Interessen der Beschäftigten gegenüber der Werkstattleitung. Ähnlich wie ein Betriebsrat redet er beim Entgelt, den Arbeitszeiten, Pausen und beim Kantinenessen mit. Eine solche Vertretung der Beschäftigten mit Behinderungen muss es laut Gesetz in jeder Werkstatt geben. Wahlberechtigt sind nur die Beschäftigten im Arbeitsbereich einer Werkstatt.