4. Dezember 2023

Schwerpunkt Inklusion

Werkstatt trifft Politik

Gemeinsam mit ihren Mitgliedern hat die Diakonie RWL die demokratischen Landtagsfraktionen in NRW zu Werkstattbesuchen eingeladen. Zwei Politiker*innen der SPD sind der Einladung gefolgt. Dabei geht es darum, die wertvolle Arbeit in Werkstätten erlebbar zu machen. In den Gesprächen wurde deutlich: Größere Differenzen bei der Frage nach einer Werkstattreform gibt es nicht.

  • SPD-Politikerin Silvia Gosewinkel hat sich zum Gruppenfoto mit allen Beteiligten vor der Martin-Luther-King-Werkstatt der Evangelischen Perthes-Stiftung aufgestellt.
  • SPD-Politiker Thorsten Klute hat sich mit allen Beteiligten zum Gruppenbild vor dem Eingang zur Bethel-Werkstatt  aufgestellt.
  • SPD-Politikerin Silvia Gosewinkel unterhält sich in der Martin-Luther-King-Werkstatt der Evangelischen Perthes-Stiftung mit der Werkstaträtin Nadine Kramer.
  • SPD-Politiker Thorsten Klute unterhält sich im Bielefelder proWerk mit Carsten Becker, Abteilungsleitung Medien. Dahinter steht Uwe Faudt, Beschäftigter im Arbeitsbereich.

Duschvorhänge für Kreuzfahrtschiffe der Aida-Flotte, daneben ein Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel mit handgroßen Holzfiguren, bunte Mandalas, hochwertige Tasthandschuhe für die Daimler-Autowerke, Krankenhausbetten zur Montage, durch die Backstube tanzt ein junger Mann – alles das ist Werkstatt.

"Werkstatt heißt, dass wir die Arbeit passend machen für die Menschen, die hier arbeiten", sagt Peter Nolte. Das sei der gesetzliche Auftrag. "Unsere Kolleginnen und Kollegen kommen jeden Tag gern hierher und wir sind dafür da, dass das so bleibt." Nolte ist der technische Leiter der Martin-Luther-King-Werkstatt des Evangelischen Perthes-Werkes in Kamen. Die Werkstatt öffnet heute ihre Türen für die SPD-Politikerin Silvia Gosewinkel, die ihr Wahlkreisbüro in Kamen hat. Gosewinkel, gelernte Logopädin, ist seit einem guten Jahr Abgeordnete im Landtag von Nordrhein-Westfalen. In ihrer Fraktion ist sie die Beauftragte für Inklusion.

Beschäftigte zeigen ihre Werkstatt

Neben Werkstattleiter Peter Nolte führen drei Werkstatträte, also demokratisch gewählte Vertreter*innen der Beschäftigten, Silvia Gosewinkel durch den Betrieb. Einer von ihnen ist Michael Schäfer. Der 64-Jährige amtiert bereits in seiner zweiten Legislatur als Vorsitzender des Kamener Werkstattrates. "Ich hätte jetzt schon in Rente gehen können", erzählt er. Aber er wollte gern bis 65 arbeiten. "Hier habe ich mein soziales Umfeld, eine gute Arbeit und demnächst eine sichere Rente. Die Menschen fühlen sich hier wohl, werden respektvoll behandelt und – für viele das Wichtigste – können ohne Druck arbeiten."

Der hohe Druck war es, weshalb Michael Schäfer vor einigen Jahren seinen Beruf als Busfahrer aufgeben musste. So wie ihm geht es vielen Menschen hier. Der Anteil von psychisch erkrankten Menschen ist hoch. Und schon sind die Besucher mittendrin in der aktuellen Diskussion um Werkstätten.

SPD-Politikerin Silvia Gosewinkel unterhält sich in der Martin-Luther-King-Werkstatt mit Werkstattleiter Peter Nolte und Werkstatträtin Jennifer Miska.

Werkstattleiter Peter Nolte und Werkstatträtin Jennifer Miska (re.) führen SPD-Politikerin Silvia Gosewinkel durch die Martin-Luther-King-Werkstatt.  

Austausch auf Augenhöhe

Dirk Bennemann ist eine erfahrene Fachkraft in der Kamener Werkstatt. Er ist für ein weiteres Ziel der Werkstätten verantwortlich: den Übergang von Werkstatt-Beschäftigten auf den regulären Arbeitsmarkt. Er sagt: "Bei uns arbeiten rund 800 Menschen, nur etwa jede zwanzigste Person kommt überhaupt infrage für einen Außenarbeitsplatz." Dabei wolle der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) mindestens fünf Prozent erreichen. "An diesem Ziel wirken wir gern mit – das ist nur nicht immer so leicht möglich, wie manche sich das vorstellen", sagt Bennemann.

Außenarbeitsplätze sind oft ein guter Zwischenschritt, bevor sich jemand auf dem ersten Arbeitsmarkt versucht. Arbeitet jemand auf einem Außenarbeitsplatz, beispielsweise in einer Gärtnerei, als Pfleger von Grünanlagen oder in Montagehallen der Industrie, bleibt die Person erst einmal in der Werkstatt beschäftigt. "Bei einem Außenarbeitsplatz muss der externe Betrieb das soziale Umfeld herstellen können", sagt Dirk Bennemann. Das klappe leider nicht immer gut. "In der Werkstatt schätzen die Beschäftigten ihr sicheres soziales Umfeld." Wie genau ein Weg verlaufe, sei natürlich nicht immer plan- und vorhersehbar, auch wenn die Mitarbeitenden ihre Beschäftigten gut kennen. Aber, sagt dazu die Politikerin Silvia Gosewinkel, genau das mache gelingende Inklusion ja aus: "Es geht immer um Einzelfälle, wie bei jeder und jedem anderen von uns auch."

Michael Dreiucker leitet bei der Perthes-Stiftung den Bereich Perthes-Arbeit. Er öffnet gern die Werkstatt auch für Besuche aus der Politik: "Wir freuen uns über das Interesse der Politik an unserer Arbeit und auf ein Wiedersehen, damit wir zeigen können, wie sehr Menschen mit Behinderungen von unseren Angeboten dauerhaft profitieren", sagt er. Im Berufsbildungsbereich zeigen Jugendliche der Abgeordneten stolz, was für tolle elektrische Schaltkreise sie programmiert haben. Einen halben Raum weiter ist heute Backwerkstatt angesagt, Mehl staubt, einige summen schon mal "In der Weihnachtsbäckerei". Weiter hinten ist eine Beschäftigte erbost, weil sie nicht ins heiße Bügeleisen fassen darf. Schnell gehen die Besucher*innen weiter, man will ja niemanden aufregen.

Silvia Gosewinkel, die als Logopädin auch in Werkstätten gearbeitet hat, sagt: "Ich komme gern wieder, es ist spannend hier." Ein Ein-Tages-Praktikum für das kommende Jahr wird noch an Ort und Stelle vereinbart. So geht Austausch auf Augenhöhe.

SPD-Politiker Thorsten Klute schaut Charlotte Becker, Beschäftigte im Arbeitsbereich, bei der Arbeit im Bielefelder proWerk zu.

Charlotte Becker (re.), Beschäftigte im Arbeitsbereich, zeigt SPD-Politiker Thorsten Klute, welche Montagearbeiten sie erledigt.

Briefmarken für Bethel

Schnitt. 100 Kilometer weiter nordöstlich, eine Woche zuvor: Im Bielefelder proWerk, so nennen die von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel ihre Werkstatt, ist Thorsten Klute zu Besuch. Der ehemalige Staatssekretär für Integration im NRW-Arbeitsministerium sitzt ebenfalls seit der jüngsten NRW-Wahl als Abgeordneter im Landtag. Für die SPD-Fraktion ist er der Fachpolitiker für die Themen Gesundheit und Pflege und somit auch für die Eingliederungshilfe.

"Herzlich willkommen in Bethel", sagt Michaela Diesen, die Geschäftsführerin des proWerks. "Wir produzieren hier zu 50 Prozent für die Industrie und zu 50 Prozent für die Endverbraucher." Die Betheler Druckerei ist wahrlich beeindruckend, hier kann Klute, Sohn eines Druckers, auch direkt andocken. "Das riecht hier wie in meinen Ferien früher", sagt er. Viele verbinden mit Bethel die Aktion "Briefmarken für Bethel". Rund 400 Pakete, Päckchen und Briefe mit Marken erreichen das proWerk an jedem Werktag. In der Werkstatt werden die Marken ausgeschnitten, sortiert und für professionelle Sammler*innen aufbereitet. Die Briefe und Postkarten werden fachgerecht geschreddert und entsorgt. Diese Tätigkeiten können auch Menschen übernehmen, die schwerste Mehrfachbehinderungen haben. Auch hier gilt: Die Arbeit wird für die Menschen passend gemacht. Nicht andersherum.

Thorsten Klute: "Die Debatte zur Weiterentwicklung der Werkstätten wird mit viel Idealismus geführt. Wir alle wollen viel erreichen, aber es wird nicht gelingen, alle Menschen auf den ersten Arbeitsmarkt zu bringen." Das heiße im Umkehrschluss, so Klute, dass es geschützte Räume für angepasste Arbeit auch in Zukunft brauche.

SPD-Politiker Thorsten Klute unterhält sich in der Druckerei mit Uwe Faudt, Beschäftigter im Arbeitsbereich.

Uwe Faudt, Beschäftigter im Arbeitsbereich, führt Thorsten Klute (li.) durch die Betheler Druckerei und zeigt ihm eine alte Druckmaschine.

"Beteiligt uns!"

Werkstatträtin Sarah Baum führt den Politiker in ihrem Rollstuhl durch die Werkstatt. Schon lange setzt sich die resolute Frau sehr engagiert für ihre Mitbeschäftigten ein: "Ich würde niemals in einer Fördertagesstätte arbeiten, dann würde ich ganz aufhören zu arbeiten – und das sagen viele hier." Kann das sein? Dass andere Arbeit Menschen sogar vergraulen und von der Arbeit fernhalten würde? Dass also der Blick von Entscheider*innen auf Inklusion manchmal so gar nicht zu dem passt, was sich Menschen mit Behinderungen wünschen?

Ein großes Thema, das in diesem Zusammenhang viele Menschen beschäftigt, ist die Frage, warum Werkstattbeschäftigte derzeit keinen Mindestlohn bekommen. Thorsten Klute sagt, der Bund, der über das Sozialgesetzbuch weite Teile der Eingliederungshilfe regelt, mache hier Druck. Auch die NRW SPD hatte das Thema 2022 in ihrem Wahlprogramm für NRW stehen. Und: "Lohn und Rente muss man zusammendenken." Es sei keinesfalls so, betont Michaela Diesen, dass die Werkstätten keine höheren Löhne zahlen wollten. "Aber alle Entgelte müssen die Werkstätten selbst erwirtschaften", so Diesen. Gehe eine Maschine kaputt oder wolle man sich für die Zukunft rüsten, müssten diese Kosten ebenfalls aus den Umsätzen in der Werkstatt erwirtschaftet werden.

Für Thorsten Klute ist klar: "Der erste Arbeitsmarkt sollte immer das Ziel sein, für alle Menschen." Die bisherige Realität sei eine andere. Viele Menschen nachhaltig auf einem umfassenden inklusiven Arbeitsmarkt zu beschäftigen, gelinge immer noch viel zu selten – was an der Arbeitswelt liege, nicht an den Werkstätten. "Und solange das so ist", sagt Klute, "brauchen wir adäquate Beschäftigungsformen." Dann könne es aber auch nicht sein, dass die Werkstätten alle anfallenden Kosten allein tragen müssten. "Das ist uns bewusst."

Nicole Burek ist die Vorsitzende der Frauenbeauftragten im proWerk. Sie verteidigt vehement den sogenannten NRW-Weg, nach dem alle Menschen mit Behinderungen, die das wünschen, in einer Werkstatt beschäftigt werden, auch Menschen mit Schwerstmehrfachbehinderungen. "Ich fordere alle Politiker*innen auf: Beteiligt uns! Lasst uns an den schönen Werkstätten festhalten und diese weiterentwickeln, aber schiebt uns nicht in Tagesförderstätten ab." Sie sei psychisch erkrankt, sie komme vom ersten Arbeitsmarkt und wisse, wovon sie rede. "Und ich sage ganz klar: Ich will da nicht wieder hin."

Text und Fotos: Franz Werfel

Ihr/e Ansprechpartner/in
Franz Werfel
Stabsstelle Politik und Kommunikation
Weitere Informationen