20. November 2023

Schwerpunkt Inklusion

Mitten im Arbeitsleben

In Deutschland arbeiten mehr als 300.000 Menschen mit Behinderungen in Werkstätten. Rund 2.200 von ihnen haben in den Recklinghäuser Diakonie-Werkstätten ihren Arbeitsplatz gefunden. Die Verantwortlichen setzen sich dafür ein, das oft negative Bild in der Öffentlichkeit nachhaltig zu verändern. 

  • Sarah Röttger schiebt einen Wagen mit Geschirr durch die Recklinghäuser Werkstätten.
  • Im WaschWerk der Recklinghäuser Werkstätten gibt es eine Heißmangel.
  • André Roth ist der Abteilungsleiter des WaschWerks der Recklinghäuser Werkstätten.

Mehr als 120 Mahlzeiten sind an diesem Vormittag während der Mittagspause in den Recklinghäuser Werkstätten rausgegangen. Nun ist es still im großen Speisesaal. Die Tische sind gewischt, Teller und Besteck abgeräumt. Während Sarah Röttger den Wagen mit schmutzigem Geschirr Richtung Spülküche fährt, wird sie von einem Kollegen angehalten. "Ich habe heute noch gar kein Mittagessen bekommen", beklagt er sich. Die junge Frau unterbricht ihre Arbeit, begleitet den Mann ins Büro des Hauswirtschaftsbereichs und sorgt dafür, dass er sein Essen doch noch bekommt.

Sarah Röttger hat eine psychische Erkrankung, auf dem ersten Arbeitsmarkt fühlte sie sich ständig überfordert, erzählt sie. Daher arbeitet sie seit inzwischen mehr als zehn Jahren in den Recklinghäuser Werkstätten. Ihr fester Tagesablauf und die regelmäßige Struktur in den Abläufen tun ihr gut. Und selbst unvorhersehbare Situationen wie die mit dem hungrigen Kollegen regelt sie mittlerweile entspannt und unaufgeregt. "Hier fühle ich mich einfach sicher, geborgen und verstanden", sagt sie. "In einem Job außerhalb ist das nicht so."

Im WaschWerk der Recklinghäuser Werkstätten gibt es verschiedenen Aufgaben, etwa das Sortieren der Wäsche.

Modernes Arbeiten: Hannah Pliether (li.) und Jacqueline Mühlmann sortieren die frisch gereinigte Wäsche, indem sie die Codes in der Kleidung scannen.

Elf Standorte, acht Gewerke

Insgesamt 2.200 Beschäftigte arbeiten an den elf Standorten der Recklinghäuser Werkstätten. Sie können sich für eine Beschäftigung in einem der acht Gewerke entscheiden: DruckWerk, HolzWerk, MetallWerk, GrünWerk, MontierWerk, PackWerk, TextilWerk oder WaschWerk. "Ziel ist es, dass jeder seinen Bereich findet", sagt Christoph Marienbohm, technischer Leiter der Werke.

Jacqueline Mühlmann etwa ist neu in der Wäscherei. Die junge Frau sitzt im Rollstuhl. Mit einem Scanner liest sie die Codes in den frisch gereinigten Arbeitshosen aus, daraufhin leuchtet eine Lampe am entsprechenden Regalfach, in das ihre Kollegin Hannah Pliether die Wäsche einsortiert. "Vorher war ich woanders, hier gefällt es mir ganz gut", sagt Jacqueline Mühlmann. Wenige Meter weiter faltet ihre Kollegin Christine Neumann Tischdecken und Bettbezüge. Sie sagt: "Meine Lieblingsposition ist hier an der Heißmangel – schon seit 32 Jahren."

Im WaschWerk wird die verschmutzte Kleidung in Industriemaschinen gereinigt.

Zahlreiche Unternehmen aus der Region lassen ihre Wäsche im WaschWerk der Recklinghäuser Werkstätten reinigen.

Innovativ und kreativ

Dabei stand das WaschWerk kurz vor der Schließung, nachdem die Großaufträge der Bergbaubetriebe im Ruhrgebiet weggefallen waren. "Aber mit innovativen Ideen, Kreativität und in Kooperation mit der Uni Dortmund und einer Agentur konnten wir das Projekt wieder aktivieren", berichtet Marienbohm. "Jetzt läuft es richtig gut."

Neben Innovation legen die Recklinghäuser Werkstätten Wert auf Kundenorientierung und verstehen sich als "professionelle Dienstleisterin mit besonderen Kompetenzen". Marienbohm weiter: "Mit unseren Angeboten gehen wir mit der Zeit." Im erst vor wenigen Jahren gegründeten ScanWerk beispielsweise werden Akten von Firmen und Behörden abgeholt, digital aufbereitet und anschließend vernichtet. Im KreativWerk produzieren Mitarbeitende nachhaltige und hochwertige Unikate wie Tischsets, Cremes und Kerzen. "Hier wird auf hohem Niveau qualifizierte Arbeit geleistet."

Im WissensWerk der Recklinghäuser Werkstätten lernen die Beschäftigten verschiedene Berufsfelder kennen.

Laura Schwickert und Marco Drieselmann arbeiten am Empfang im WissensWerk. Sie sammeln dort Erfahrung im Bereich Bürokommunikation.

Zeit, sich zu entwickeln

Besonders stolz sind die Verantwortlichen der Recklinghäuser Werkstätten auf das WissensWerk – so nennt sich der Berufsbildungsbereich der Werkstätten. Der weitläufige, helle Neubau wurde gemeinsam mit den Mitarbeitenden entwickelt und im April 2022 eröffnet. Dort lernen Menschen mit jeglicher Art von Behinderung, die keine Ausbildung auf dem ersten Arbeitsmarkt machen können, in einer zweijährigen Berufsbildungsphase verschiedene Berufsfelder von Bürokommunikation bis Logistik kennen. "Hier können sich die Menschen ausprobieren, haben Zeit, sich zu entwickeln – und hier darf auch mal was schiefgehen", beschreibt Leiterin Jutta Hübner die Arbeitsweise. Was sie kritisiert: "Lediglich einzelne Qualifizierungsbausteine werden anerkannt, nicht jedoch die gesamte Ausbildung – obwohl wir das schon lange fordern."

Dennoch könnten viele Beschäftigte aus dem WissensWerk nach Abschluss ihrer Berufsbildungsphase in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt werden. "Die Kompetenzen dafür haben sie durchaus. Unsere Aufgabe ist es aber dann, sie für einen solchen Arbeitsplatz vorzubereiten", so Hübner weiter. Ein Beispiel: Manche Mitarbeitenden hätten ein Problem damit, pünktlich am Arbeitsplatz zu erscheinen. Hübner: "Mit denen üben wir dann gezielt das Stempeln, damit sie nicht mehr zu spät kommen." 

Mit Erfolg: "Ich habe inzwischen schon ein dreiwöchiges Außenpraktikum beim DRK gemacht", berichtet etwa Laura Schwickert, die am Empfang des WissensWerks arbeitet und das Berufsfeld Bürokommunikation kennenlernt. "Jetzt suche ich ein Praktikum in der Verwaltung." Sven Pernberg hingegen hat während seiner Berufsbildungsphase seine Leidenschaft für Metall- und Holzverarbeitung entdeckt. "Ich bin schon 40 Jahre alt und habe früher eine Bäckerlehre gemacht", erzählt er, "aber dann musste ich wegen einer psychischen Erkrankung raus aus dem ersten Arbeitsmarkt." Nun kann er sich jedoch vorstellen, ein Praktikum bei einer Schreinerei im Außenbereich zu machen.  

Heike Strototte leitet das Geschäftsfeld Arbeit und Qualifizierung der Diakonie im Kirchenkreis Recklinghausen, die Trägerin der Recklinghäuser Werkstätten ist.

Heike Strototte leitet das Geschäftsfeld Arbeit und Qualifizierung der Diakonie im Kirchenkreis Recklinghausen. Sie sagt: "Wir passen die Arbeit an die Menschen an."

Passgenauer Arbeitsplatz

Rund 140 Beschäftigte der Recklinghäuser Werkstätten haben einen sogenannten Außenarbeitsplatz. Das heißt, sie arbeiten in einem Betrieb außerhalb der Werkstätten oder absolvieren dort ihre Ausbildung. "Werkstätten können das Sprungbrett für einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt sein", sagt Heike Strototte, Geschäftsfeldleitung Arbeit und Qualifizierung der Diakonie im Kirchenkreis Recklinghausen, die Trägerin der Werkstätten ist. Viele Betriebe litten unter Personalmangel und suchten daher Fach- und auch Hilfskräfte. Wichtigste Voraussetzung für eine erfolgreiche Zusammenarbeit sei, dass die Herausforderungen offen angesprochen würden. "Die Arbeitgeber sollten den Arbeitsplatz passgenau für diese Menschen gestalten", so Strototte weiter. "Weil das viele jedoch verunsichert, kooperieren wir mit den Betrieben und beraten und begleiten sie mit unserem Fachwissen und unserer Erfahrung."

Josef Neuhoff arbeitet im Fördergruppenhaus der Recklinghäuser Werkstätten und verschraubt dort Metallklammern.

Josef Neuhoff hat einen hohen Förderbedarf. Er übernimmt einfache Arbeiten wie etwa das Verschrauben von Metallklammern.

Ohne Druck

Die wichtigste Botschaft, die sie in diesem Zusammenhang senden wolle: "Die Werkstatt ist Dienstleisterin für Kompetenzen in der Begleitung von Menschen mit Behinderung. Und diese Kompetenzen sollten sich noch viel stärker in den Betrieben auf dem ersten Arbeitsmarkt wiederfinden." Heike Strototte würde sich außerdem wünschen, dass viel mehr Betriebe Menschen mit Behinderungen fest einstellten. "Arbeit mit Menschen mit Behinderung kann eigentlich jeder Arbeitgeber leisten, man muss lediglich die Arbeit für die Beschäftigten passend machen", sagt sie.

Auf der anderen Seite müsse man akzeptieren, dass ein Großteil der Beschäftigten bewusst in einer Werkstatt arbeite, weil ihnen der Druck "in der normalen Arbeitswelt" zu hoch sei oder sie für ihre Aufgaben mehr Zeit brauchten. Strototte: "Hier in der Werkstatt orientieren wir uns an den Ressourcen der Beschäftigten und schauen individuell, was sie benötigen und können."

Die Mitarbeitenden im Fördergruppenhaus verrichten simple Montagearbeiten.

Petra Gröne kann selbstständig simple Montagearbeiten erledigen. Sie presst sogenannte Pilzkopfdübel zusammen. 

Selbstständigkeit fördern

Im Fall von Josef Neuhoff und Petra Gröne, die beide im Fördergruppenhaus tätig sind, besteht die Arbeit aus simplen Montageaufgaben: Petra Gröne presst sogenannte Pilzkopfdübel zusammen, Josef Neuhoff verschraubt Metallklammern, die beispielsweise in Dachdeckerbetrieben verarbeitet werden. "Alle Beschäftigten hier haben einen sehr hohen Hilfebedarf, aber sie können ihre Arbeitsschritte selbstständig erledigen, nachdem sie angeleitet und mit den Maschinen vertraut gemacht wurden", erklärt Gruppenleiterin Juanita Albers.

Das sogenannte Ackerprojekt geht noch einen Schritt weiter: Menschen mit Behinderungen wie Vanessa Trinh erklären Grundschulkindern auf  dem Feld alles rund um den Gemüseanbau. Sie säen gemeinsam, ernten und kümmern sich auch um den Verkauf – alles ohne externe Anleitung. "Das Projekt, bei dem die Selbstständigkeit der Teilnehmenden gefragt ist, läuft nun schon im dritten Jahr und ist ein voller Erfolg für alle Beteiligten", so Jutta Hübner.            

Vanessa Trinh arbeitet im Ackerprojekt der Recklinghäuser Werkstätten.

Vanessa Trinh hat Salat geerntet. Im Ackerprojekt leitet sie selbstständig Grundschulkinder an.

Teil der Arbeitswelt

Christoph Marienbohm als technischer Leiter der Werke wünscht sich, dass Werkstätten nicht mehr als abgeschlossener Bereich, "als Blackbox" gesehen würden. "Wir arbeiten hier offen und transparent und verstehen uns als Teil der Arbeitswelt." Viele Menschen außerhalb wüssten aber gar nicht, wie das System Werkstätten funktioniert. "Da würden wir uns mehr Interesse wünschen", ergänzt Heike Strototte. "Wir möchten außerdem endlich weg von dem Mitleids- und Ausbeuterimage." Denn der häufigste Vorwurf neben dem, dass Werkstätten sich nicht öffnen würden, sei die schlechte Bezahlung.

"Die Entgeltsituation ist tatsächlich ein Dauerthema", sagt Anja Kott, die 1985 in den Recklinghäuser Werkstätten angefangen hat und mittlerweile Vorsitzende des Gesamtwerkstattrats mit 15 Personen ist. Durchschnittlich bekommen Beschäftigte in einer Werkstatt in NRW rund 220 Euro. Ziel ihrer Kolleginnen und Kollegen sei "ein faires Entgeltsystem und ein gutes Auskommen für alle Beschäftigten". In den Recklinghäuser Werkstätten etwa bekommen die Beschäftigten einen Grundbetrag, außerdem eine Art Bonus nach einem Punktesystem. "Das ist eine faire und solidarische Lösung", so Kott. "Schließlich können manche nicht so viel leisten wie andere, obwohl sie sich anstrengen. Und auch diese Menschen sollen gerecht entlohnt werden."

Klaus-Dieter Lange arbeitet seit fast 40 Jahren im MetallWerk der Recklinghäuser Werkstätten.

Klaus-Dieter Lange arbeitet seit fast 40 Jahren im MetallWerk: "Ich leiste hier jeden Tag sieben bis acht Stunden qualifizierte Arbeit."

Inklusion fördern

Bei den Mitarbeitenden in den Recklinghäuser Werkstätten ist die Bezahlung dennoch ein Thema. Klaus-Dieter Lange etwa, der seit 39 Jahren im MetallWerk arbeitet, kritisiert: "Ich leiste hier jeden Tag sieben bis acht Stunden qualifizierte Arbeit und kann mir nicht einmal einen Urlaub leisten, weil alles noch teurer geworden ist. Ich habe den Glauben an die Politik verloren." Christoph Marienbohm versteht den Frust, betont aber: "Wir haben ein gutes und faires Entgeltsystem, das ein möglichst einheitliches Auskommen für alle garantiert. Für eine Einführung des Mindestlohns in Werkstätten fehlt der rechtliche Rahmen."

Außerdem sei es oberstes Ziel der Werkstätten, die Inklusion zu fördern und möglichst vielen Menschen mit unterschiedlichsten Arten von Behinderungen die Chance auf Teilhabe am Arbeitsleben zu geben. "Deshalb bieten wir auch so viele verschiedene Beschäftigungen an", sagt der technische Leiter der Werke. "Wenn wir nur darauf schauen würden, wirtschaftlich zu arbeiten, wären wir längst pleite."

Sven Pernberg lernt im WissensWerk der Recklinghäuser Werkstätten den Bereich Holzverarbeitung kennen und hat dort ein Holzschiff gebaut.

Sven Pernberg lernt im WissensWerk den Bereich Holzverarbeitung kennen. Er hat in vielen Stunden Arbeit dieses Holzschiff gebaut.

Eigenes Solidarsystem

Heike Strototte als Leiterin der Recklinghäuser Werkstätten ergänzt: "Wir können sicherstellen, dass unsere Beschäftigten nicht ausgenutzt werden. Das geht auch aus unserem Auftrag klar hervor: Wir sind eine Einrichtung der beruflichen Rehabilitation. Wir haben daher – im Gegensatz zu Arbeitgebern auf dem ersten Arbeitsmarkt – überhaupt kein Problem damit, die hier zu verrichtenden Arbeit unseren Beschäftigten anzupassen." Dennoch kritisiert sie das bestehende Entgeltsystem scharf: "Für mich ist es ein Skandal, dass allein die Werkstätten das Geld für die Entgelte erwirtschaften müssen. Im Kern heißt das nämlich, dass Leistungsstärkere das Entgelt für Leistungsschwächere mit erwirtschaften. Wir haben also ein eigenes Solidarsystem aufgebaut. Schwierig finde ich dabei, dass wir das Geld eigentlich dafür bräuchten, um unsere Beschäftigten noch besser fördern zu können."

Text und Fotos: Verena Bretz, Shutterstock

Ihr/e Ansprechpartner/in
Anja Burdziak
Zentrum Eingliederungshilfe
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