29. November 2023

Schwerpunkt Inklusion

Die Werkstatt als Sprungbrett

Im Sauerlandpark Hemer arbeiten zwölf Beschäftigte der Iserlohner Werkstätten zusammen mit den festangestellten Mitarbeitenden. Solche Außenarbeitsplätze können der erste Schritt in ein reguläres Arbeitsverhältnis sein.

  • Die Iserlohner Werkstätten gGmbH vermittelt Mitarbeitende auf Außenarbeitsplatze, etwa in den Sauerlandpark Hemer.

Der Weg durch den Hans-Prinzhorn-Irrgarten ist nicht leicht zu finden. Wer in dem 2.000 Quadratmeter großen Labyrinth im Sauerlandpark Hemer ans Ziel gelangen will, braucht ein wenig Geduld. Zu verdanken ist das auch den Gärtner*innen des Parks, die die Hecken des Irrgartens im Renaissance-Stil stets exakt in Form halten.

Zum Team gehören seit 2011 auch Mitarbeitende der Iserlohner Werkstätten gGmbH (ISWE), die hier auf einem sogenannten Außenarbeitsplatz arbeiten. Dabei sind sie voll in die Arbeitsabläufe integriert. "Das geht Hand in Hand", sagt Carolin Meschede, eine der derzeit zwölf ISWE-Beschäftigten im Sauerlandpark. Auch äußerlich sind die ISWE-Beschäftigten nicht von den im Park angestellten Gärtner*innen zu unterscheiden. Alle tragen die grüne Arbeitskleidung mit dem Schriftzug des Sauerlandparks.

Vermittlung als höchstes Ziel

Werkstätten wird hin und wieder vorgeworfen, die Inklusion von Menschen mit Behinderungen eher zu hemmen als zu fördern. Carolin Meschede und ihr Kollege Holger Schröer sehen das anders. Die Zusammenarbeit mit den anderen Beschäftigten des Sauerlandparks sei sehr gut, betonen beide. Meschede und Schröer sind zwei der rund 170 ISWE-Beschäftigten mit Behinderungen, die auf einem Außenarbeitsplatz tätig sind. Andere Außenarbeitsplätze sind zum Beispiel bei Industriefirmen, in Pflegeheimen, Kitas oder in der Verwaltung angesiedelt.

Mit dem Konzept der Ausgelagerten Arbeitsplätze bieten die ISWE ihren Beschäftigten die Möglichkeit, einen ersten Schritt in die reguläre Arbeitswelt zu gehen. "Wir schauen bei jedem Menschen, wie er weiterqualifiziert werden kann und wo seine Potenziale liegen", erklärt Anne Reichert, Abteilungsleiterin Einzelaußenarbeitsplätze bei den ISWE. Dabei suchen die ISWE auch gezielt nach Wunscharbeitsplätzen für einzelne Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. "Die Vermittlung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt ist unser höchstes Ziel", betont Reichert.

Die Iserlohner Werkstätten gGmbH vermittelt Mitarbeitende auf verschiedene Außenarbeitsplatze, etwa in ein Computergeschäft.

170 ISWE-Beschäftigte mit Behinderung arbeiten auf einem Außenarbeitsplatz, etwa als Verkäufer in einem Computergeschäft.

Erster Schritt: Außenarbeitsplatz

In den vergangenen drei Jahren konnten die ISWE 20 Mitarbeitende in ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis vermitteln. Der Wechsel auf einen Außenarbeitsplatz ist dabei in der Regel der erste Schritt. Das ist zunächst meist ein Gruppenarbeitsplatz, bei dem mehrere Mitarbeitende unter Anleitung einer Fachkraft für Arbeits- und Berufsförderung beschäftigt sind. Im Sauerlandpark kümmert sich ISWE-Mitarbeiter Oliver Dehn um die zwölfköpfige Gruppe. "Ich unterstütze dort, wo es hakt oder hängt und qualifiziere die Mitarbeitenden", erklärt Dehn.

Die Mitarbeiter*innen lernen zum Beispiel, wie Unkraut entfernt wird oder aber den Umgang mit Geräten wie Rasenmäher und Heckenschere. Jeden Morgen gibt es zusammen mit dem festangestellten Team des Parks eine Besprechung, in der die Aufgaben verteilt werden. Die ISWE-Mitarbeiter machen sich dann zusammen mit den anderen Gärtnern, aber je nach Fähigkeit teilweise auch allein oder in Kleinteams daran, Hecken zu schneiden, Blumen zu pflanzen oder Laub zu entfernen.

Anne Reichert und Alexandra Gehrke von den ISWE begleiten die Mitarbeitenden auf den Außenarbeitsplätzen.

Anne Reichert, Abteilungsleiterin Einzelaußenarbeitsplätze bei den ISWE, und Alexandra Gehrke, Abteilungsleiterin Gruppenaußenarbeitsplätze bei den ISWE (re.). 

Begleiten und beraten

Ein Gruppenaußenarbeitsplatz kann auf Wunsch auch Sprungbrett in eine selbstständigere Tätigkeit auf einem Einzelaußenarbeitsplatz sein. So sei zum Beispiel ein Mitarbeiter aus dem Sauerlandpark-Team allein in einen kommunalen Gartenbaubetrieb gewechselt, sagt Reichert. Mit Erfolg: Derzeit liefen Gespräche über die Aufnahme des Mitarbeiters in ein reguläres Arbeitsverhältnis. Auch auf den Einzelaußenarbeitsplätzen begleiten die ISWE die Mitarbeitenden regelmäßig und beraten den Betrieb. Allerdings ist keine Fachkraft mehr permanent vor Ort.

Einmal im Jahr findet ein Teilhabegespräch mit dem Beschäftigten und der Betriebsleitung statt. "Wenn der Betrieb dann zufrieden ist, nutzen wir das, um eine Festanstellung anzusprechen", sagt Reichert. Auch nach der Festanstellung können die ISWE aber weiterhin in größeren Abständen beraten, falls der Mitarbeiter dies wünscht und es durch den Leistungsträger bewilligt wird.

Produktionshelfer können in Unternehmen die Fachkräfte unterstützen.

Menschen mit Behinderung können als Produktionshelfer den Fachkräften einfache Tätigkeiten abnehmen. 

Gewinn für Unternehmen

Es könnten noch mehr Menschen mit Behinderungen in Betrieben regulär angestellt sein, beobachtet Reichert. Immer noch gibt es Vorurteile. Häufig würden die Mitarbeitenden der Werkstätten falsch eingeschätzt, sagt Erich Quittmann, Gärtner im Sauerlandpark. Nach seiner Erfahrung haben sie jedoch ein hohes Entwicklungspotenzial. "Sie wachsen im Verlauf der Arbeit über sich hinaus." Oftmals wüssten Unternehmen aber einfach auch zu wenig über Förderungsmöglichkeiten, sagt Reichert. Und die Antragsverfahren seien ihnen häufig zu kompliziert. 

Dabei könne die Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen angesichts des Fachkräftemangels ein echter Gewinn für Unternehmen sein, sagt Alexandra Gehrke, Abteilungsleiterin Gruppenaußenarbeitsplätze. "Wir werben immer wieder dafür, dass Betriebe einmal anders auf ihre Arbeitsprozesse schauen und prüfen, wo Fachkräfte entlastet werden können." So könnten Menschen mit Behinderungen erheblich zur Produktivitätssteigerung beitragen, indem sie Fachkräften einfache Tätigkeiten abnähmen. Ein erfolgreiches Beispiel sei eine Firma für Oberflächenbeschichtung, die Menschen mit Behinderungen beschäftige. Diese arbeiteten den Fachkräften zu, indem sie Teile auspackten und aufhängten sowie nach der Bearbeitung wieder einpackten.

Menschen mit Behinderungen können auch auf einem Bauernhof arbeiten.

Es gibt verschiedene  Außenarbeitsplätze für Menschen mit Behinderung. Diese Frau arbeitet als Hofhelferin auf einem Bauernhof.

Lebenslanges Rückkehrrecht

Grundsätzlich können Werkstatt-Mitarbeitende frei entscheiden, ob der Übergang in ein reguläres Arbeitsverhältnis für sie infrage kommt. Manchmal gebe es aber auch Hemmnisse, die sie davon abhielten, diese Chance zu ergreifen, sagt Reichert. Die Angst, die Sicherheit des Arbeitsplatzes zu verlieren, könne mit dem Hinweis auf das lebenslange Rückkehrrecht in die Werkstatt schnell ausgeräumt werden.

Schwieriger sei es, wenn Mitarbeitende durch den Wechsel in den allgemeinen Arbeitsmarkt finanzielle Einbußen hätten. Das mag zunächst überraschen, da die geringe Bezahlung einer der größten Kritikpunkte in der öffentlichen Diskussion um Behindertenwerkstätten ist. Im bundesweiten Durchschnitt verdienen Werkstatt-Beschäftigte nach Angaben des Bundesarbeitsministeriums 226 Euro monatlich. Hinzukommen aber Arbeitsförderungsgeld, Erwerbsminderungsrente oder Grundsicherung sowie eventuell Mietzuschüsse. Wenn diese Posten in einem regulären Arbeitsverhältnis mit Mindestlohn wegfallen, stehen die Menschen unter Umständen finanziell schlechter da.

Zudem können ihnen bei einer regulären Beschäftigung im Niedriglohn-Sektor Einbußen bei der Rente entstehen. Denn Werkstatt-Mitarbeitende erhalten eine Aufstockung ihrer Rentenbeiträge, die sich am Durchschnittseinkommen orientiert. Dieses Ungleichgewicht ist einer der Gründe für die derzeitige politische Diskussion um eine Reform der Entgeltregelung in den Werkstätten.

Ausflüge und Grillabende gehören für das Team vom Sauerlandpark Hemer dazu.

Das Team vom Sauerlandpark Hemer macht gemeinsame Ausflüge und Grillabende. "Wir sind hier wie eine kleine Familie", sagt Holger Schröer.

Wie eine kleine Familie

Für Carolin Meschede und Holger Schröer spielen diese Überlegungen jedoch keine Rolle. Beide fühlen sich auf ihrem Gruppenaußenarbeitsplatz im Sauerlandpark so wohl, dass sie bleiben wollen. "Es ist die gute Zusammenarbeit im Team", sind sich Meschede und Schröer einig. Und damit meinen sie nicht nur die Arbeit Seite an Seite mit den Park-Gärtner*innen. Daneben veranstaltet das Team auch gemeinsame Ausflüge und Grillabende. "Wir sind hier wie eine kleine Familie", sagt Holger Schröer.

Text: Claudia Rometsch, Fotos: Iserlohner Werkstätten gGmbH , Shutterstock

Ihr/e Ansprechpartner/in
Anja Burdziak
Zentrum Eingliederungshilfe
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