5. November 2020

Modellprojekt Begleitete Elternschaft

Unterstützung statt Bevormundung

Menschen mit geistiger Behinderung haben das Recht, eine Familie zu gründen und als Eltern unterstützt zu werden. Doch oft fehlen passende Hilfsangebote. Der Dortmunder Verein MOBILE, ein Mitglied der Diakonie RWL, hat in einem gemeinsamen Projekt mit der Universität Siegen erforscht, was junge Eltern mit Lernschwierigkeiten brauchen. 

  • Paar mit geistiger Behinderung telefoniert (Foto: Shutterstock)
  • Spielendes Kleinkind von hinten (Foto: pixabay)

Bei den Schneiders stehen oft ein Schälchen mit Gummibärchen und eine PET-Mineralwasserflasche auf dem Tisch. "Die Sozialarbeiterin hat extrem geschimpft", sagt Michelle Schneider. "Die hat immer gesagt, wir sollten Glasflaschen kaufen, weil es für die Kinder nicht gut ist aus Plastikflaschen zu trinken." Auch die Süßigkeiten sorgten für Kritik. Sie fühle sich manchmal sehr bevormundet, gibt Michelle Schneider zu.

Sie und ihr Mann sind als Eltern mit Lernschwierigkeiten auf Unterstützung angewiesen. Grundsätzlich sei sie auch sehr dankbar für die Hilfe, die sie seit der Geburt ihres vierjährigen Sohnes bekomme, betont die Mutter. Die Sozialarbeiterinnen hätten ihr sehr viel Mut gemacht, als sie sich mit dem Baby manchmal überfordert fühlte. "Sie hatten immer gute Tipps und Ratschläge." Bei der Geburt ihrer Tochter vor zwei Jahren sei sie schon viel sicherer gewesen. "Aber manche schimpfen. Dann machen wir dicht."

Rahmenkonzept erarbeitet

Die Schneiders gehören zu einer Gruppe von Eltern mit Lernschwierigkeiten oder so genannter geistiger Behinderung, die am Modellprojekt des Dortmunder Vereins MOBILE Selbstbestimmtes Leben Behinderter teilnahmen. In Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste (ZPE) der Universität Siegen untersuchte MOBILE, was Eltern mit Lernschwierigkeiten brauchen, um mit ihren Kindern zusammenleben zu können.

Miriam Düber von der Universität Siegen (Foto:privat)

Unter welchen Bedingungen funktioniert die Hilfe für Eltern mit Lernschwierigkeiten gut? Das hat Miriam Düber von der Universität Siegen erforscht. (Foto: privat)

Ziel des dreijährigen Projekts, das Ende des Jahres abgeschlossen wird, war es außerdem, erstmals in Nordrhein-Westfalen ein Rahmenkonzept Begleitete Elternschaft zu entwickeln. Denn bislang sei noch nicht untersucht worden, unter welchen Bedingungen Hilfe für Eltern mit Lernschwierigkeiten gut funktioniere, sagt Miriam Düber von der Universität Siegen.

Drei Jahre lang führten die Pädagoginnen unter anderem Interviews mit betroffenen Eltern, Fachkräften und Vertretern der Kostenträger und veranstalteten Workshops. Die daraus entstandenen Empfehlungen sind nun frei im Internet zugänglich und sollen dazu beitragen, die Versorgung mit Hilfsangeboten zu verbessern.

Passende Hilfen sind Mangelware

Denn passende Unterstützung für Eltern mit geistiger Behinderung ist in Nordrhein-Westfalen Mangelware, stellte Christiane Sprung vom Verein MOBILE immer wieder fest. "Wir bieten seit 2006 Begleitete Elternschaft an und bekommen immer wieder Anrufe von Menschen, die dringend nach Unterstützung für Eltern mit Lernschwierigkeiten suchen", berichtet Sprung.

Christiane Sprung vom Verein MOBILE begleitet Eltern mit Behinderung (Foto: privat)

"Das Recht auf Elternassistenz ist im Bundesteilhabegesetz verankert",  betont Christiane Sprung vom Verein MOBILE. (Foto: privat

Oft meldeten sich auch Träger der Jugendhilfe, die sich nicht in der Lage sähen, Eltern mit geistiger Behinderung zu begleiten. Wenn keine passende Unterstützung in der Nähe gefunden werde, könne das auch dazu führen, dass Familien in weit von ihrem Heimatort entfernt gelegene stationäre Eltern-Kind-Einrichtungen ziehen müssten.

Für Sprung und Düber steht daher fest, dass das Angebot verbessert werden muss. Denn die UN-Behindertenrechtskonvention schreibe ausdrücklich vor, dass Menschen mit Behinderungen das Recht haben, eine Familie zu gründen und dabei unterstützt zu werden, betont Düber. Auch im Bundesteilhabegesetz sei das Recht auf Elternassistenz verankert.

Viele Vorbehalte bei Jugendämtern

Doch dass Menschen mit Lernschwierigkeiten Eltern würden, sei nach wie vor oft nicht gerne gesehen, beobachtet Sprung. Das stellte die Pädagogin bei den Gesprächen mit Vertreterinnen und Vertretern der Leistungsträger der Jugendhilfe und der Eingliederungshilfe, also den Jugendämtern oder Landschaftsverbänden, fest. Auch bei den Mitarbeitenden der Einrichtungen und Dienste habe sie diese Erfahrung gemacht. "Es gibt noch viele Vorbehalte und Ängste." Hinzu komme wenig Offenheit für das Thema.

Paar auf einem Spaziergang mit Kinderschuhen in den Händen (Foto: pixabay)

Eltern wünschen sich Fachkräfte, die sie "auf Augenhöhe" begleiten. (Foto: pixabay)

"In 95 Prozent der Telefonate habe ich gehört: Ach, das betrifft uns gar nicht", berichtet Christiane Sprung. Insbesondere im Bereich der Eingliederungshilfe, die für die Unterstützung behinderter Menschen zuständig ist, habe sie das erschreckend gefunden.

Zwar seien Eltern mit geistiger Behinderung bislang eine relativ kleine Gruppe. "Aber die Zahlen steigen, denn viele junge Menschen mit Behinderung fordern ihr Recht auf Selbstbestimmung selbstbewusster ein als die ältere Generation."

Nicht für die Eltern entscheiden

In den Interviews und Workshops sei dennoch deutlich geworden, dass die betroffenen Mütter und Väter stark unter Druck stünden, sagt die Pädagogin. Die Bedürfnisse der Eltern haben die Projektmitarbeiterinnen in einem Positionspapier festgehalten, das ebenfalls auf der Projekt-Website veröffentlicht wurde. So wünschten sich die Eltern Fachkräfte, die sie dabei unterstützen, eigene Entscheidungen zu treffen, aber nicht für sie entscheiden. Und sie möchten, dass die Familienhelferinnen sie ernst nehmen und ihnen auf Augenhöhe begegnen.

Oft funktioniert das auch schon. Viele Eltern hätten sich sehr wertschätzend über die Unterstützung geäußert, sagt Sprung. Auch die Schneiders haben einige Fachkräfte ins Herz geschlossen. "Die sind für unsere Kinder wie eine Tante oder eine Ersatz-Oma", sagt Michelle Schneider. Reibereien gebe es nur mit Helferinnen, die sich wie Lehrerinnen benähmen. "Mit einer Lehrerin kommt man schwieriger zurecht und nimmt auch nicht so gut etwas an."

Text: Claudia Rometsch

Ihr/e Ansprechpartner/in
Petra Welzel
Referent/in

Bundesteilhabegesetz

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