Dienstag, 29. Juni 2021

Mehr Teilhabe für Menschen mit intensivem Unterstützungsbedarf

Diakonie RWL wendet sich mit Positionspapier an NRW-Regierung

Düsseldorf, 29. Juni 2021. Teilhabe steht jedem Menschen zu. Doch nicht alle Angebote für Menschen mit Behinderung werden diesem Anspruch gerecht. "Wer besonders viel Unterstützung benötigt, geht in dem regulären System der Eingliederungshilfe oft unter", sagt Christian Heine-Göttelmann, Vorstand des Diakonischen Werks Rheinland-Westfalen-Lippe (Diakonie RWL). Mit einem Positionspapier hat sich deshalb eine Arbeitsgemeinschaft aus diakonischen Trägern unter Leitung der Diakonie RWL an das nordrhein-westfälische Gesundheits- und Sozialministerium gewandt.

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Behinderung und Teilhabe

, Zentrum Teilhabe, Inklusion und Pflege
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"Es ist höchste Zeit, dass wir mit mehr Ressourcen und individualisierten Konzepten das System verändern", so Heine-Göttelmann. "Wir müssen eine bessere Finanzierung ermöglichen. Die Teilhabe und Inklusion aller muss uns das wert sein."

Mitarbeitende, Betroffene und Mitbewohner sind oft überfordert

Bislang lebten Menschen mit intensivem Unterstützungsbedarf, die eine kognitive Beeinträchtigung haben und gleichzeitig unter schweren psychischen Erkrankungen leiden, häufig in regulären Wohngruppen. Die Mitarbeitenden, die Mitbewohner und die Betroffenen selbst seien dort häufig überfordert. Viele dieser Menschen wechselten zwischen Psychiatrie und Eingliederungshilfe oder sogar zwischen Forensik und Eingliederungshilfe hin und her.

"Manche verhalten sich hochgradig aggressiv, andere neigen zu selbstverletzendem Verhalten", beschreibt Heine-Göttelmann. "Für alle Beteiligten ist das eine herausfordernde Situation. In den regulären Angeboten der Behindertenhilfe verschlechtert sich der psychische Zustand der Menschen mit Bedarf an intensiver Unterstützung oft rapide." Die Wut und Aggressionen zeigten deutlich, dass diese Angebote für Menschen aus diesem Personenkreis nicht passend sind.

"Die Gruppe der Menschen mit außergewöhnlichem Unterstützungsbedarf wurde zu lange ignoriert", sagt Svenja Pleuß, Diakonie RWL-Referentin für Teilhabe und Inklusion. "Wir machen seit Jahren darauf aufmerksam, dass wir neue Angebote schaffen müssen." Denn wenn die Menschen gezielt, individualisiert und intensiv unterstützt würden, verbessere sich häufig das psychische Wohlbefinden und manchmal könnten sie sogar in reguläre Angebote der Behindertenhilfe zurückkehren.

Positionspapier zeigt wichtigste Handlungsfelder auf

"Die Zielgruppe ist sehr heterogen", erklärt Svenja Pleuß. Um jedem und jeder einzelnen gerecht zu werden, müssten Fachkräfte gezielt weitergebildet und besonders qualifiziert werden. "Die Menschen brauchen Mitarbeitende mit ausgeprägten sozialen Kompetenzen, die eine hohe Reflexionsfähigkeit mitbringen", unterstreicht Heine-Göttelmann.

Wohnen, Arbeiten und Freizeit – für diese Bereiche macht das Positionspapier konkrete Vorschläge. "Wohngruppen sind meist nicht geeignet für Menschen, die eine intensive Unterstützung benötigen. Sie brauchen größtmögliche Autonomie und Selbstbestimmung in ihren eigenen vier Wänden", betont Svenja Pleuß. Es sei wichtig, dass sie Rückzugsmöglichkeiten finden. Die Wohnungen sollten deshalb ausreichend Platz und die notwendige Ausstattung bieten.

Das Papier für mehr Teilhabe hat Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann gemeinsam mit Diakonie RWL-Referentin Svenja Pleuß in einer Kommission des NRW-Gesundheits- und Sozialministeriums vorgestellt. Der Ausschuss wurde nach Bekanntwerden der Vorwürfe gegen die Stiftung Wittekindshof einberufen und setzt sich mit den Unterstützungs- und Unterbringungskonzepten für die Zielgruppe auseinander. "Wir sind froh, dass uns die Möglichkeit gegeben wurde, unsere Rolle und Verantwortung als Landesverband wahrnehmen zu dürfen. Wir wollen die Politik dafür sensibilisieren, dass die dringend notwendigen Veränderungen zumindest anfangs neue Kosten mit sich bringen werden."

Das Positionspapier, sowie ein Interview mit Bethel-Vorstand Professor Dr. Ingmar Steinhart und Sandra Waters, Geschäftsführerin von Bethel.regional, zum Reformbedarf bei den Angeboten für Menschen mit außergewöhnlich intensivem Unterstützungsbedarf finden Sie hier.