3. April 2020

Krisenteam Bethel

30 Jahre mit Rat und Tat

In schwierigen Situationen sind sie nicht nur mit Rat und Erfahrung zur Stelle, sondern auch mit tatkräftiger Hilfe.  Seit 30 Jahren unterstützt das Krisenteam von Bethel.regional Mitarbeitende und Klienten in Einrichtungen der von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel in Bielefeld. Eine herausfordernde Aufgabe - besonders jetzt in der Corona-Krise, wenn die Werkstätten geschlossen sind und die Sorge vor einer Infektion groß ist. 

  • Krisenteam Bethel
  • Normalerweise herrscht hier reger Trubel: Jetzt ist der Bethelplatz menschenleer.
  • Türschild einer geschlossenen Werkstatt in Bethel

Aktuell bestimmt die Corona-Krise die Arbeit des Krisenteams. Die fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter konzentrieren sich auf die dringendsten Fälle und bleiben jeweils in einer Einrichtung, um weitere Kontakte zu vermeiden, erklärt Krisenteam- und Regionalleiterin Anna Kollenberg. "Es ist für alle Beteiligten eine belastende Situation." Die Werkstätten sind geschlossen, die Sorge vor einer Infektion ist allgegenwärtig. Geplant sei, dass auch Mitglieder des Krisenteams, die dazu bereit sind, in bereits vorbereiteten Quarantäne-Bereichen mitarbeiten.

"Es hilft nur eins, dass alle zusammenstehen", sagt Anna Kollenberg, und das erlebe sie in Bethel: Mitarbeitende von Pro-Werk beschäftigen die Menschen jetzt in den Einrichtungen, Kontakte werden so weit wie möglich reduziert. "All das bedeutet aber auch eine große Umstellung für Beschäftigte und Klienten."

Tobias Reinagel-Beuter vom Krisenteam Bethel

Tobias Reinagel-Beuter bespricht die Anfragen, die an das Krisenteam gestellt werden, mit einer Kollegin.

Hilfe bei "herausforderndem Verhalten"

Und wie sieht die Arbeit in "normalen" Zeiten aus? Wenn das Telefon klingelt und es Anfragen gibt, gehe es meistens um "herausforderndes Verhalten" von Menschen mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen, wie die Mitarbeitenden sagen. Das kann aggressives Auftreten sein, selbst- oder fremdverletzendes Verhalten, erklärt Anna Kollenberg und nennt als Beispiel einen Bethel-Bewohner, der von Woche zu Woche renitenter wurde. Der Mann reißt Lampen von der Wand, zerdeppert Schränke in seinem Zimmer, wird handgreiflich. Irgendwann sind die Mitarbeitenden in dem Behindertenwohnheim mit ihrem Latein am Ende – und rufen das Krisenteam von Bethel.regional an. "Wir vereinbaren dann zeitnah einen Termin", sagt Pädagogin Ramona Falk. Vor Ort wird die Lage besprochen und der Einsatz geplant.

Den Druck aus der Situation zu nehmen, das ist häufig der erste Schritt. "Das kann auch bedeuten, einen Waschlappen zu greifen und mit anzupacken", sagt Anna Kollenberg. Im Unterschied zu einem Beratungsdienst arbeitet das Krisenteam im Notfall mit, um Mitarbeitende vor Ort zu entlasten, ihnen Zeit und Luft zu geben, etwa, damit sie sich in Ruhe einem Patienten widmen können. Gleichzeitig bieten die Krisen-Profis ihr Know-how an, schulen Mitarbeitende zum Beispiel in einem Deeskalationstraining und kümmern sich um die Klienten – stehen also allen Beteiligten mit Rat und Tat zur Seite.

Elke Winkler vom Krisenteam Bethel

Schon beim ersten Telefonat versucht Elke Winkler, den Menschen die Angst zu nehmen und Stabilität zu vermitteln.

Angst und Verzweiflung

Was braucht der Mensch in der Krise? Was hilft ihm? Das sind zentrale Fragen, die das Handeln des Teams bestimmen. Im Fall des aggressiven Bewohners wird schnell klar, dass der Mann zutiefst verunsichert ist. Er lebt in einem Haus, das bald geschlossen werden soll. Mitbewohner wissen bereits, wohin sie umziehen. "Nur mich will niemand. Alles bricht weg", so muss sich die Situation für ihn darstellen. In seiner Hilflosigkeit schlägt er um sich. "Viele Klienten haben keine andere Möglichkeit sich auszudrücken", weiß Erzieherin Elke Winkler, die seit 21 Jahren im Krisenteam mitarbeitet. Dem Mann wieder Sicherheit und Stabilität zu geben, ist ein Schlüssel, um ihm zu helfen. Inzwischen weiß er, wohin er umziehen wird und dass Mitarbeiter, die er kennt, ihn begleiten werden.

"Hinter aggressivem Verhalten stecken oft Angst und Verzweiflung", so die Erfahrung von Anna Kollenberg. Der Verlust von Bezugspersonen oder einer geregelten Tagesstruktur, Erkrankungen oder ein Umzug, all das kann Krisen auslösen. "Ich arbeite zum Beispiel gerade mit einem Klienten, der seinen Arbeitsplatz in einer Werkstatt verloren hat", erzählt Diakon Tobias Reinagel-Beuter. Auch dieser Mann verhält sich aggressiv, wirft mit Gegenständen um sich. Ohne Arbeit und geregelten Tagesablauf spitzt sich die Situation weiter zu, schließlich schalten die Mitarbeitenden das Krisenteam ein. Vormittags geht der Sozialarbeiter nun mit dem Mann spazieren und unternimmt mit ihm kleine Ausflüge. "Das ist unser großes Pfund, das wir die Zeit dafür haben und dem Menschen unsere ungeteilte Aufmerksamkeit schenken können."

Eine Hand hält eine andere fest

Festhalten und Trösten - das ist oft der erste Schritt aus der Krise. (Foto: Wunderela/pixabay)

Wege aus der Krise finden

Rund 60 Fälle betreut das Krisenteam im Jahr, einige dauern nur wenige Tage, andere ziehen sich über Wochen oder Monate hin. In jedem Fall aber ist der Einsatz zeitlich begrenzt, sollen die Betroffenen und Mitarbeitenden in die Lage versetzt werden, ihren Weg aus der Krise zu finden. Bei dem Mann, den Tobias Reinagel-Beuter aktuell betreut, geht es etwa darum, wieder eine Tagesstruktur aufzubauen und einen Arbeitsplatz zu finden. Das Krisenteam gibt Anregungen, um die konkreten Schritte kümmern sich die Mitarbeitenden vor Ort.

Zuständig ist das Krisenteam für stationäre Einrichtungen der v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel in Bielefeld, etwa in der Behindertenhilfe, Psychiatrie oder Kinder- und Jugendhilfe. "Uns wird großes Vertrauen entgegen gebracht. Für die Mitarbeitenden ist unser Einsatz entlastend und hilfreich im Arbeitsalltag", sagt Kollenberg, die selbst lange Jahre Einrichtungsleiterin war und auch die Gründungsphase des Krisenteams miterlebt hat. Damals war vieles in der Behindertenhilfe und Psychiatrie im Wandel. Die Selbständigkeit der Klienten sollte gefördert und mehr Normalität in den Alltag gebracht werden.

Doch wie umgehen mit "herausforderndem Verhalten", wenn Sanktionen oder Zwangsmaßnahmen nicht mehr erwünscht sind? So entstand das Krisenteam. Aus anfangs drei sind inzwischen fünf Stellen geworden. Die Grundidee aber hat bis heute Bestand: Das Krisenteam hilft in einer verfahrenen Situation, gibt mit einem professionellen Blick von außen einen Input und zeigt Wege aus der Krise.

Text und Fotos: Silke Tornede; Teaserfoto: pixabay

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke

Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit

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