8. Januar 2019

Hilfen für Autisten

Ein Alltag voller Merklisten

Sie sind Genies im Umgang mit Zahlen, können aber nicht mit Menschen. Es ist ein einseitiges Bild, das in Filmen und Büchern über Autisten vermittelt wird. Oft verklärt es, wie stark ihr Hilfebedarf ist. Denn Menschen mit Autismus brauchen eine sehr genaue Alltagsstruktur. Im Dietrich-Bonhoeffer-Zentrum des Diakoniewerks im Kirchenkreis Recklinghausen bekommen sie die nicht nur im Wohnheim, sondern auch in der Werkstatt.

Gebäude

Blick auf die Werkstatt des Dietrich-Bonhoeffer-Zentrums in Herten

6.30 Uhr, der Wecker klingelt. Vor Luca (Name geändert) liegt ein ganz gewöhnlicher Arbeitstag. Er beginnt ihn routinemäßig mit Anziehen, Zähne-Putzen und einem ausgiebigen Frühstück. Wenn er dabei einen Blick aus seinem Fenster wirft, kann er die bereits beleuchteten Räumlichkeiten seines Arbeitsplatzes entdecken. Denn die Werkstatt, in der Luca die nächsten sieben Stunden arbeiten wird, liegt seinem Zimmer direkt gegenüber.

Der kurze Weg zur Arbeit ist kein Zufall. Eine klare Strukturierung des Alltags und eine Verminderung von Reizen jeglicher Art sind für Luca enorm wichtig. Der junge Erwachsene leidet unter der sogenannten Autismus-Spektrum-Störung. Eine laute Straße zu überqueren oder mit einem überfüllten Bus zu fahren, kann ihn schon überfordern. Luca ist einer von 24 Autisten, die im Wohnheim des Dietrich-Bonhoeffer-Zentrums in Herten leben.

Ordentlicher Schreibtisch mit Regal

Reizarme Umgebung: Arbeitsplatz in der Montagewerkstatt

Auf einem Gelände leben und arbeiten

Schätzungsweise ein Prozent der Weltbevölkerung ist von der Autismus-Spektrum-Störung betroffen. Ein Lächeln erkennen, eine Berührung genießen, eine beiläufige Geste verstehen – diese alltäglichen Dinge sind für sie oft schwierig. Auch haben sie große Probleme, sich anderen mitzuteilen und an Gruppen anzupassen. Starke Verhaltensauffälligkeiten und eine oft überdurchschnittlich ausgeprägte Sinnes- und Reizwahrnehmung erschweren zusätzlich ihren Alltag.

Der Großteil benötigt ständige Assistenz und lebt, wenn die Familie die Betreuung nicht mehr leisten kann, in Wohngruppen und arbeitet in Werkstätten. Dort aber ist es oft laut und hektisch, was viele Autisten überfordert. Daher gründete die Diakonie im Kirchenkreis Recklinghausen 2015 das Dietrich-Bonhoeffer-Zentrum in Herten. Es ist eine Besonderheit, dass Menschen mit Autismus hier auf einem Gelände leben und arbeiten.

Portrait

Leiterin Judith Schmetzer erklärt den Wochenplan eines Bewohners.

Viele Verhaltensauffälligkeiten

"Der Pflegeaufwand ist bei Personen mit einer Autismus-Spektrum-Störung nicht sehr hoch", erklärt Judith Schmetzer, Leiterin des Zentrums. "Vielmehr sind es die Verhaltensauffälligkeiten, auf die geachtet werden muss." 

Die Diplom-Heilpädagogin betreut im Schichtdienst mit weiteren 42 Heilerziehungspflegern und Sonderpädagogen hier vor allem Menschen mit frühkindlichem Autismus, einer besonders schweren Entwicklungsstörung. Viele der durchschnittlich 25 Jahre alten Bewohner bringen Verhaltensauffälligkeiten mit. Zum Teil ziehen sie sich ganz von ihrer Umwelt zurück oder verletzen sich selbst.

Vermindern lassen sie diese Verhaltensauffälligkeiten nur mit einer klaren Tagesstruktur und genauen Anweisungen. Diese finden sich im Wohnheim fast überall in Form von Tafeln, Zeitplänen oder Bildkärtchen wieder. Wann muss ich meine Socken, meine Hose wechseln? Wie oft muss ich mein Bett frisch beziehen? Individuell abgestimmte Tages- und Wochenpläne der Bewohner direkt vor ihren Zimmertüren geben ihnen Antworten.

Zwei Menschen halten ein Tablet

Ein Sprachcomputer erleichtert die Kommunikation mit Hilfe von Bildern und Piktogrammen.

Alltag mit Listen und Tafeln

Wer Probleme mit dem Sprechen oder dem Sprachverständnis hat, plant seine Aktivitäten und Aufgaben mit Hilfe von Fotos oder Piktogrammen. Auch anstehende Wochenendausflüge, wie das gemeinsame Therapeutische Schwimmen oder der Besuch der Eltern, können die Bewohner auf ihren Tafeln notieren. Neben der allgegenwärtigen Strukturierung von Raum, Zeit und Aktivitäten ist vor allem eine gleichbleibende Umgebung wichtig.

"Wenn hier jemand ein neues Bild aufhängen würde, kann das bei unseren Bewohnern schon zu aggressivem Verhalten führen", erzählt Judith Schmetzer. Auch Rückzugsräume sind wichtig. Daher haben die 23 männlichen und ihre einzige weibliche Mitbewohnerin neben einem eigenen Zimmer jeweils auch ein Badezimmer. Geteilt wird sich in jeder der insgesamt acht Wohngruppen lediglich eine große Küche, die auch als Gemeinschaftsraum genutzt wird.

Portrait

Mitarbeiter Danny Dedecke bereitet jeden Arbeitsplatz so vor, dass die Beschäftigten sich gut zurecht finden.

Kahle Wände in der Werkstatt

So klar wie das Wohnheim ist auch die gegenüberliegende Werkstatt strukturiert. Hier arbeiten derzeit mehr als 30 Menschen in den Bereichen Hauswirtschaft, Gartenarbeit und Montage. In den hauswirtschaftlichen Räumlichkeiten wird das Mittagessen zubereitet, gebacken, aufgeräumt oder der Müll getrennt.

Nebenan in der Montageabteilung wird fleißig verpackt, gezählt und zusammen gesteckt. Sogar Aufträge für den ersten Arbeitsmarkt werden hier ausgeführt. Mitarbeiter Danny Dedecke hat richtig Spaß an seiner Arbeit. "Mir gefällt es sehr, Assistent bei den Aufgaben zu sein", betont er und zeigt auf eine selbstgebastelte Steckhilfe. "Hier ist nämlich Kreativität gefragt." Die größtenteils kahlen Wände der Werkstatt und ihre geräuscharme Kulisse wirken auf den ersten Blick etwas unpersönlich, letztendlich sind sie aber eine wichtige Voraussetzung dafür, dass die Beschäftigten nicht durch ihre Umwelt abgelenkt werden.

Mann pflanzt Blumenzwiebeln ein

Auch das Einpflanzen von Blumenzwiebeln erfolgt nach einem strukturierten Plan.

Gartenarbeit nach genauem Plan

Wer lieber an der frischen Luft arbeitet, macht sich im Gartensektor nützlich. Hier wird das Außengelände des Zentrums gepflegt und in den Gewächshäusern und Beeten sogar eigenes Gemüse angebaut. In den kälteren Monaten sorgen die Beschäftigten dann für ein winterfestes Gelände, pflanzen Blumenzwiebeln ein, oder verpacken Saatgut.

Judith Schmetzer beschreibt die Bewohner am liebsten mit einem Wort: "bezaubernd". "Hier hat jeder einen ganz individuellen Charakter, das macht die Arbeit trotz Herausforderungen sehr spannend", sagt sie. "Meistens kann ich auch noch etwas lernen, denn viele Bewohner haben ein ganz spezielles Hobby."

Portrait

Stolz zeigt Felix seine selbstgebaute Gastherme.

So wie Felix. Der 24-Jährige hat sein Zuhause ebenfalls im Dietrich-Bonhoeffer-Zentrum gefunden. Nach Feierabend bastelt und fotografiert er am liebsten alles, was mit Gasthermen und Rohren zu tun hat. Für ihn konnte durch das Zentrum endlich etwas einkehren, wonach sich viele Menschen mit einer Autismus Spektrum Störung sehnen: Geborgenheit. 

Text und Fotos: Lina Hoffmann

Ihr/e Ansprechpartner/in
Petra Welzel
Referent/in

Bundesteilhabegesetz

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Autismus-Spektrum-Störungen sind "Tiefgreifende Entwicklungsstörungen". Da die Unterscheidung in einzelne Krankheitsbilder zunehmend schwer fällt, wird heute häufig der Begriff der "Autismus-Spektrum-Störung" (ASS) als Oberbegriff verwendet. Intensive Unterstützung erhalten Menschen mit ASS nicht nur im Dietrich-Bonhoeffer-Zentrum, sondern auch in anderen diakonischen Einrichtungen. In den Iserlohner Werkstätten gibt es spezielle konzeptionelle, teilweise auch räumlich separate Angebote. Mit dem Autismus Therapie Zentrum Dortmund, einem Elternverein, besteht eine enge Kooperation. Die Fliedner Werkstätten entwickeln zusammen mit Autisten geeignete Möglichkeiten zur Teilhabe am Arbeitsleben. In vielen betreuten Wohneinrichtungen wie zum Beispiel bei der Evangelischen Stiftung Hephata leben die Betroffenen gemeinsam mit Menschen mit anderen Beeinträchtigungen zusammen, erhalten aber spezielle Förderung. (Petra Welzel)