3. Mai 2022

Geflüchtete mit Behinderung

Einen behüteten Ort schaffen

Nach tagelanger Flucht kommen sie völlig erschöpft in Ostwestfalen an: Die v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel haben rund 200 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit Behinderungen aus der Ukraine aufgenommen. Auch die Diakonische Stiftung Wittekindshof beherbergt ukrainische Geflüchtete, zwei Drittel von ihnen sind gehörlos.

  • Eine Frau im gelben Schutzkittel trägt einen kleinen Jungen auf dem Arm
  • Ein Kind mit Behinderung kommt in Bethel nach langer Flucht aus der Ukraine an.

15.10 Uhr in Bielefeld, aufatmen, Sicherheit. Nach fünf Tagen endet für den Jugendlichen mit schwersten Behinderungen endlich die Flucht aus der Ukraine. Die letzte Etappe reist der 16-Jährige mit einem Spezialtransporter des Deutschen Roten Kreuzes (DRK): Non-Stop aus dem polnischen Kolberg nach Bethel, mehr als 670 Kilometer. Im Minutentakt folgen 26 weitere Fahrzeuge mit insgesamt 34 Kindern mit schwersten Behinderungen und sieben Betreuerinnen mit ihren eigenen vier Kindern.

Den Ehrenamtlichen und Bethel-Mitarbeitenden, die die Gruppe empfangen, bietet sich ein erschütterndes Bild: Die Kinder sind in einem schlechten Zustand, apathisch. Die Strapazen der Flucht stehen ihnen deutlich ins Gesicht geschrieben. "Jetzt geht es für die Kinder erst einmal darum, ausreichend zu trinken und zu essen und zur Ruhe zu kommen", sagt Friedrike Koch, die die Aktion gemeinsam mit Anna Kollenberg und Bethel.regional-Geschäftsführerin Sandra Waters maßgeblich vorbereitet hatte.

Schutz und passende Pflege für junge Menschen

Die Gruppe mit den schwerstbehinderten Kindern aus der Nähe von Kiew ist im Haus Mamre untergebracht. Hunderte gespendete Kuscheltiere, frische Blümchen und bunt bemalte Bilder sollen den traumatisierten Kindern das Einleben so warm und herzlich wie möglich gestalten. Sieben Bethel-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus unterschiedlichen Hilfefeldern kümmern sich gemeinsam mit den sieben ukrainischen Betreuerinnen um die Kinder. Unterstützt werden sie von einer zweiköpfigen Nachtwache.

Eine Ukrainerin trägt ein Kind auf der Flucht.

Einen behüteten Ort will Bethel für die Geflüchteten aus der Ukraine bieten.

Das Team bietet mit Pflegekräften und Kinderintensivmedizinern eine hohe Fachlichkeit, betont Sandra Waters. "Es ist uns eine Herzensangelegenheit, für alle Kinder und Jugendlichen aus der Ukraine in Bethel einen behüteten und sicheren Ort mit passender Pflege und Betreuung zu geben." Welche psychischen Spuren das Erlebte bei den Kindern hinterlassen hat, sei noch nicht absehbar.

Auf die erste Gruppe folgte schnell eine zweite: 77 Kinder und Jugendliche mit leichter und mittlerer Intelligenzminderung, ebenfalls aus der Nähe von Kiew, finden direkt nebenan ein vorübergehendes Zuhause. Die v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel haben mittlerweile rund 200 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene aufgenommen. Ihnen geht es den Umständen entsprechend gut. Trotz der besonderen Situation ist die Stimmung in beiden Häusern fröhlich.

Die jungen Menschen sind sehr lebendig und aktiv: Gemeinsam mit Mitarbeitenden und Ehrenamtlichen schmieren sie Brote, decken Tische auf und ab, spielen und kommunizieren über alle Sprachbarrieren hinweg. Außerdem starten erste Angebote für die Freizeit, darunter Gärtnern, Sport und Holzarbeiten. Auch für den Schulbesuch laufen die Vorbereitungen.

Eine Mitarbeiterin von Bethel begleitetet einen jungen Mann mit einer Behinderung.

Unterstützung gesucht: Bethel stellt unbefristet Fachkräfte für die Arbeit mit den jungen Menschen aus der Ukraine zu stemmen. 

Fachkräfte und Ehrenamtliche gesucht

Die von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel wollen in ihren bundesweiten Einrichtungen die Plätze für Menschen aus dem Krisengebiet weiter ausbauen. Ein großes Problem sind allerdings fehlende Fachkräfte, die sich um Geflüchteten mit Behinderungen und um Waisenkinder kümmern könnten.

Bethel sucht deshalb dringend nach Fachkräften aus dem Bereich Pädagogik und Pflege, aber auch hauswirtschaftliche Mitarbeitende, Nicht-Fachkräfte und Ehrenamtliche. "Wir gehen davon aus, dass die Gruppe aufgrund der Situation in der Ukraine mittelfristig bleiben wird und stellen dementsprechend auch unbefristet ein", betont Sandra Waters. "Wir werden es aus eigener Kraft nicht stemmen können."

Viele Bethel Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter engagieren sich bereits über das normale Maß hinaus. Hinzu kommt die große Hilfsbereitschaft und Herzlichkeit vieler Menschen, die sich ehrenamtlich einbringen. "Wir sind begeistert", sagt Sandra Waters. "In Bethel gibt und gab es immer eine enorme Solidarität und Hilfsbereitschaft. Jetzt aber kommen so viele Bürgerinnen und Bürger aus ganz OWL und bieten ihre Unterstützung und Hilfe an – das ist zutiefst beeindruckend!"

Ein warmes Willkommen: Dierk Starnitzke nimmt die Geflüchteten in Empfang. (Foto: Wittekindshof)

Ein warmes Willkommen: Dierk Starnitzke nimmt die Geflüchteten in Empfang.

Beeindruckendes Engagement zeigte auch die Evangelisch Freikirchliche Gemeinde Hartum, die zunächst 80 Menschen aus einer Gehörlosen-Gemeinde in der Ukraine privat beherbergte. Seit vielen Jahren steht die deutsche mit der ukrainischen Gemeinde in Kontakt: Der ukrainische Gehörlosen-Chor reiste ein bis zwei Mal im Jahr in den Kreis Minden-Lübbecke und gestaltete dort Gottesdienste.

"Es ist unser Auftrag, Menschen zu helfen"

Die Geflüchteten bei Privatleuten unterzubringen, stieß mit der Zeit aber an Grenzen. Für die Hälfte von ihnen organisierte die Stadt Minden Wohnraum. Auch die Diakonische Stiftung Wittekindshof entschied sich, zu helfen: 45 Frauen, Männer und Kinder wohnen nun auf dem Gründungsgelände in Bad Oeynhausen-Volmerdingsen, etwa zwei Drittel von ihnen sind gehörlos. "Es ist unser diakonischer Auftrag, Menschen zu helfen", betont Pfarrer Dierk Starnitzke, theologischer Vorstand des Wittekindshofs.

Innerhalb kürzester Zeit machte die Stiftung das Marthahaus bezugsfertig, das schon 2015/16 Flüchtlinge beherbergte. Viele Mitarbeitende packten mit an, der Hausmeisterservice beispielsweise sorgte für ausreichend Betten, die Wäscherei lieferte Bettdecken und Handtücher und die Großküche versorgte die Gäste am Einzugstag mit Mittagessen und Abendbrot. Ein Psychologe, der sein Büro im Marthahaus hat und russisch spricht, wird für Fragen ansprechbar sein. Zudem wurden Waschmaschinen und Reinigungsmaterial wie Staubsauger organisiert, damit die Familien so unabhängig wohnen können wie es geht.

Text und Fotos: v. Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel/Diakonische Stiftung Wittekindshof/Shutterstock, Redaktion: Jana Hofmann

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Jana Hofmann
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