21. August 2019

Beratung von Menschen mit Behinderung

Lotsen für mehr Selbstbestimmung

Anträge, Fristen und viele verschiedene Ansprechpartner – der Weg zur Teilhabe ist lang und kompliziert. In jeder Region gibt es jetzt deshalb bundesweit die ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatungsstellen (EUTB). Dazu verpflichtet das Bundesteilhabegesetz. Dort beraten Menschen mit Behinderung Ratsuchende mit Behinderung - wie Nicole Andres, die im Dortmunder Verein "MOBILE – Selbstbestimmtes Leben Behinderter" arbeitet.

Hellgelbe Wände, eine Yucca Palme in der Ecke und Süßigkeiten auf dem Tisch – es ist gemütlich in Nicole Andres Büro. Ihre Gäste sollen sich wohlfühlen. Denn die Sorgen, mit denen die ratsuchenden Menschen zu ihr kommen, sind existenziell: Es geht um Wohnungsnot, Grundsicherung, Assistenz, Pflege und ein selbstbestimmtes Leben.

Die 29 Jahre alte Andres ist Beraterin in der ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatungsstelle "MOBILE" (EUTB) in Dortmund. Der Verein ist Mitglied der Diakonie RWL. Hinter dem sperrigen Begriff verbirgt sich ein Unterstützungsangebot für Menschen mit Behinderung und deren Angehörige. 

Alle Beratungsstellen sind barrierefrei und offen für Menschen mit unterschiedlichen Arten von Behinderungen.

Eine offene Tür für Ratsuchende

Wer Rat sucht, kann einen Termin ausmachen oder einfach spontan während der Öffnungszeiten vorbeischauen. So wie Sylvia Günther. Sie kommt mit ihrem Sohn Jonas und dessen Assistent zur Beratung. Zur Begrüßung umarmt sie Nicole Anders herzlich. Die beiden Frauen kennen sich gut. "Wir haben lange, häufig sehr emotionale Gespräche geführt", berichtet Günther.

Ihr Sohn Jonas hat seit seiner Geburt eine Tetraspastik. Der 30-Jährige ist  stark in seinen Bewegungen eingeschränkt und auf eine Rund-um-die-Uhr Betreuung angewiesen. 16 Monate habe es gedauert, bis ihr Antrag auf eine Assistenz für Jonas bewilligt wurde, erzählt Sylvia Günther. "Ohne den Beistand in der Beratung hätte ich irgendwann aufgegeben."

Nicole Andres zeigt Sylvia Günther eine Broschüre über die ergänzende unabhängige Teilhabeberatung.

Mutmacher: Nicole Andres (links) hört zu, informiert und stärkt die Ratsuchenden. Für Sylvia Günther ist die Beratung eine große Unterstützung.

Beratung von Peers

Die EUTB-Beratungsstellen sind noch jung. Anfang 2018 wurden sie durch das neue Bundesteilhabegesetz in jeder Region geschaffen. Nach dem Peer-Counseling-Prinzip beraten hier Menschen mit Behinderung die Ratsuchenden mit Behinderung, aber auch deren Angehörige. Die kostenlose Beratung ist vertraulich, unabhängig und findet auf Augenhöhe statt. "Wir können den Menschen ganz anders begegnen", sagt Andres, "wir stehen vor den gleichen Fragen. Viele der Probleme, die unsere Kunden beschäftigen, müssen wir selbst auch bewältigen."

Nicole Andres ist mit einer Muskelerkrankung zur Welt gekommen und sitzt im Rollstuhl. Ihre vier Kolleginnen, mit denen sie sich insgesamt zweieinhalb Vollzeitstellen teilt, sind körperlich beeinträchtigt, erblindet oder haben ein beeinträchtigtes Sehvermögen. "Wir bringen ganz unterschiedliche Erfahrungen mit und können dadurch individuell auf unsere Kunden eingehen", sagt sie. Alle im Team sind ausgebildete Beraterinnen und haben Rehabilitationspädagogik, Psychologie oder Sozialwesen studiert.

Jonas Günther hat eine Tetraspastik und ist auf eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung angewiesen.

Pflegemangel bedroht selbstbestimmtes Leben

Zu Spitzenzeiten kommen etwa 50 Menschen pro Monat in die Beratungsstelle im Dortmunder Kreuzviertel. "Wir sind die erste zentrale Anlaufstelle für Menschen mit Behinderungen", so Andres. Zu Beginn der Beratung höre sie vor allem zu, erzählt die ausgebildete Diakonin. Es gehe ihr aber auch darum, Mut zu machen und die Menschen zu stärken. Und das mit Erfolg: "Es tut mir als pflegender Angehörigen unglaublich gut, dass jemand wirklich Anteil nimmt. Ich konnte meine Hilflosigkeit und Erschöpfung rauslassen und wurde verstanden", bestätigt Sylvia Günther.

Seit Anfang 2018 bietet auch der Verein "MOBILE" die von Behörden und Einrichtungen unabhängige Teilhabeberatung an. Von der Schule bis zur Rente oder dem Persönlichen Budget sei thematisch alles dabei, erzählt Andres, "aber ein Dauerbrenner ist die Beantragung einer Assistenz." Sylvia Günther stimmt zu und erzählt, wie schwierig es für sie gewesen sei, die Anträge auszufüllen: "Und als dann die Bewilligung kam, gab es keine Pflegekräfte für meinen Sohn." Der Pflegemangel schränkt das Leben von Menschen mit Behinderungen erheblich ein.  In solchen Situationen stoße die Beratung an ihre Grenzen, sagt Andres. "Das frustriert und bereitet mir Sorgen."

Portrait

Das BTHG hat die Beratungsstellen ermöglicht, wird aber auch zu mehr Beratungsbedarf führen, sagt Diakonie RWL-Referentin Svenja Pleuß.

EUTB noch zu unbekannt

Bis Ende 2022 sind die unabhängigen Beratungszentren finanziert. "Wir halten die EUTBs für sehr wichtig", betont Svenja Pleuß, Referentin für Behinderung und Teilhabe bei der Diakonie RWL. "Wir freuen uns, dass in dem neuen Entwurf des Angehörigen-Entlastungsgesetzes eine dauerhafte Finanzierung geplant ist." 

Die Beratungsstellen bieten keine Rechtsberatung, klären aber über die individuellen Rechte auf und vermitteln an die jeweiligen zuständigen Stellen. Noch kennen viele Menschen mit Behinderung die Teilhabeberatungen nicht. Andere betrachteten sich nicht als Menschen mit Behinderung und nähmen Angebote deshalb nicht wahr, beobachtet Andres. Regelmäßig verteilen Nicole Andres und ihre Kolleginnen Infomaterialien, um das kostenlose Beratungsangebot bekannter zu machen. "Im Mai, kurz vor der Europawahl, kam dann von Passanten ‘Danke, wir haben schon gewählt’", erzählt Andres schmunzelnd.

Unterstützung finden - Sylvia Günther und Jonas Günther lassen sich in der Beratungsstelle "MOBILE" in Dortmund beraten.

Orientierung im Dschungel der Bürokratie

Der große Ansturm könnte den Beratungsstellen erst noch bevor stehen. Das Bundesteilhabegesetz (BTHG) hat die Gründung der EUTBs ermöglicht, wird aber aller Voraussicht nach auch zu mehr Beratungsbedarf führen, sagt Pleuß.

Beim Verein "MOBILE" seien bislang nur wenige Anfragen zum neuen Gesetz eingegangen, berichtet Andres. "Es ist die Ruhe vor dem Sturm." Die Beraterin rechnet spätestens ab Januar mit vielen Nachfragen von ihren Kunden. Bis dahin wollen Nicole Andres und Sylvia Günther die Stellen bekannter machen, damit niemand im Dschungel der Bürokratie verloren geht.

Text: Ann-Kristin Herbst; Fotos: Ann-Kristin Herbst und Pixabay (Zweites Foto)

Ihr/e Ansprechpartner/in
Svenja Pleuß
Referent/in


Behinderung und Teilhabe

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Eine Beratung für alle

Die Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung (EUTB) ist zentrale Anlaufstelle und Wegweiser für alle Fragen rund um das Thema Teilhabe und Behinderung. Ihr Motto: "Eine für Alle" – eine Beratungsstelle für alle Anfragen. Alle Menschen mit Behinderung, von Behinderung bedrohte Personen und auch deren Angehörige können kostenlos Rat einholen. Die Beratung ist ergänzend und unabhängig von den Stellen, die Leistungen bezahlen oder erbringen. Die Berater unterliegen der absoluten Schweigepflicht. Sie sind selbst Menschen mit Behinderung und sollen mit spezifischem Expertenwissen auf Augenhöhe beraten ("Peer-Counseling").
Das Bundesteilhabegesetz (BTHG) sieht für jede Region Beratungsstellen vor. Bundesweit haben sich seit Anfang 2018 mehr als 500 EUTB gegründet, die jährlich mit mehr als 58 Millionen Euro aus Bundesmitteln unterstützt werden.