16. Juli 2019

Behindertensport

In Bewegung kommen und Spaß haben

Menschen mit Behinderungen machen weniger Sport und gehen seltener zu Sportveranstaltungen. Dabei wünschen sich die meisten, fit und aktiv zu sein. In den von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel spielt Sport schon seit Jahrzehnten eine große Rolle. Mit gutem Grund. Neben Spaß und Lebensfreude fördert der Breitensport auch die Inklusion.

Wenn Jessica mittwochs auf dem Trampolin springt, dann ist alles leicht. Je höher sie fliegt, desto fröhlicher und aufgeschlossener wird sie. Im Alltag spricht sie wenig, bewegt sich oft schwerfällig und ist in sich gekehrt. Auf dem Trampolin entdeckt sie ganz andere Seiten an sich: Stärke, Konzentration und Lebensfreude.

Sport und Bewegung wird in den von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel, in denen Jessica lebt, groß geschrieben. Die Menschen mit Behinderungen leben auf dem riesigen Gelände, das sich auf 3, 5 Quadratkilometern zwischen der Bielefelder Innenstadt und dem Teutoburger Wald erstreckt. Krankenhäuser, Altenheime, Werkstätten für Menschen mit Behinderung, eine Hochschule, Kindergärten und Schulen, Hospize, ein Secondhand-Kaufhaus befinden sich in hübschen Backsteingebäuden, umgeben von Grünflächen. Es gibt genug Raum für Sportplätze und Turnhallen.

Die Sportwissenschaftlerin Antje Pyl leitet den Bewegungs- und Sporttherapeutischen Dienst in Bethel.

Sehr beliebt: Schwimmen und Krafttraining

Über 500 Bewohnerinnen und Bewohner sind dort sportlich aktiv. Sie spielen Tischtennis, Fußball, tanzen, machen Gymnastik oder reiten. "Besonders beliebt sind Schwimmen und Krafttraining", weiß Antje Pyl, die den Bewegungs- und Sporttherapeutischen Dienst in Bethel leitet. "Wir schauen genau, welche Ressourcen jeder unserer Bewohner hat und wie er in Bewegung kommen kann", sagt sie. Menschen mit erworbenen Hirnschäden bräuchten oft eine andere Bewegungsmöglichkeit als Menschen mit psychischen Erkrankungen. Aber jeder dürfe in Bethel natürlich die Sportart wählen, auf die er Lust habe.

Dass Menschen mit Behinderungen so viele Möglichkeiten haben, Sport zu treiben und darin gefördert werden, ist noch selten in Deutschland. Nach einer Umfrage der "Aktion Mensch" wünschen sich viele mehr sportliche Angebote. Doch es mangelt nicht nur an barrierefreien Sportanlagen, sondern auch an Trainern. Laut UN-Behindertenrechtskonvention muss auch dieser Lebensbereich neben dem großen Thema Wohnen und Arbeit besser in den Blick genommen und im Sinne von Teilhabe ausgebaut  werden.

Das Training mobilisiert, festigt die Knochen und ist eine Sturzprävention.

Sport schafft Nähe

Antje Pyl ist Sportwissenschaftlerin, hat aber auch eine Ausbildung als Heilerziehungspflegerin und kennt deshalb die Lebenssituation von Menschen mit Behinderungen sehr gut. Sie weiß zum Beispiel, wie wenig Zeit im Alltag in den Wohngruppen bleibt, um die Menschen zu mobilisieren. Deshalb sind die Sportangebote so wichtig. "Das Training festigt die Knochen und ist eine Sturzprävention", sagt sie. "Aber es hilft auch dabei, Aggressionen abzubauen und körperlichen Kontakt, Nähe und Berührung zuzulassen."

Pyl  bietet auch Selbstverteidigungskurse für Mädchen an. Dort lernen sie Grenzen aufzuzeigen. Denn immer wieder müssten behinderte Mädchen und Frauen sich gegen sexuelle Übergriffe wehren, beobachtet sie. "Viele gehen einfach mit einem aufrechten Gang  aus den Kursen raus." Zahlreiche Übungsleiter – darunter Studenten, aber auch Physiotherapeuten - hat die Sportwissenschaftlerin in Bethel ausgebildet, die 40 unterschiedliche Sportgruppen anbieten. "Wenn bei uns jemand einen epileptischen Anfall bekommt, sind alle in der Sportgruppe darauf eingestellt und wissen was zu tun ist", sagt Antje Pyl.

Krafttraining ist sehr beliebt. Die Wege zur nächsten Sporthalle sind kurz.

Kurze Wege, barrierefreie Hallen

Kurze Wege bis zur nächsten Sporthalle sind für die Bewohner in Bethel ein großes Plus. "Viele sind nicht in der Lage, alleine mit dem Bus oder der Bahn zum Training zu fahren." Sie werden abgeholt. Die Sportkurse sind für die Menschen in der Einrichtung schnell erreichbar. Auch geistig Behinderte kennen sich aus, und die Wege und Hallen sind für Rollstuhlfahrer geeignet.

Seit einigen Jahren baut Bethel verstärkt seine inklusiven Sportangebote aus. Tanzen eigne sich dafür besonders, erzählt Antje Pyl. "Da können sich Rollstuhlfahrer gemeinsam mit Nicht-Behinderten zur Musik bewegen." Auch inklusive Tischtennis-Turniere sind beliebt. ´"Sport ist eine Möglichkeit, eine Brücke in die Stadtteile zu schlagen", so die Sportwissenschaftlerin. Der Seniorensport sei dabei, seine Angebote für Menschen mit Behinderungen zu öffnen. Auch der Sportbund in Bielefeld entwickle weitere Angebote.

Die Bethel "athletics" sind für die Bewohnerinnen und Bewohner jedes Jahr ein großes Highlight. Bei dem Sportfest erhalten die aktiven Sportler eine besondere Wertschätzung und Anerkennung. Das sei ein hoher Motivationsfaktor, sagt Antje Pyl. "Jeder erhält eine Medaille und kommt aufs Treppchen." Für Jessica hat sich der Traum einer Medaille noch nicht erfüllt. Aber für sie ist ohnehin das Wichtigste, dass der Sprung aufs Trampolin einfach Spaß macht – immer mittwochs.

Text und Fotos: Sabine Portmann

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Sabine Portmann

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