16. März 2021

AstraZeneca Impfstopp

Zwischen Frust und Zuversicht

Endlich an der Reihe: Lange haben die diakonischen Einrichtungen in der Eingliederungshilfe, die Kliniken und die Mitarbeitenden in den Kitas und der Jugendhilfe auf den Impfstart gewartet. Dann die Ernüchterung. Impfungen mit dem Wirkstoff AstraZeneca mussten für drei Tage ausgesetzt werden.

  • Christoph Pasch,Werkstättenleiter des Evangelischen Johanneswerks, mit einem Impfstatement (Foto: Evangelisches Johanneswerk)
  • Heike Strototte, Leiterin der Recklinghäuser Werkstätten der Diakonie, mit einem Impfstatement (Foto: Diakonie im Kirchenkreis Recklinghausen)
  • Elke Grothe-Kühn, Gesundheitsexpertin der Diakonie RWL, mit einem Impfstatement (Foto:privat)
  • Sabine Prott, Leitern des Diakonie RWL-Geschäftsfeldes Kitas, mit einem Impfstatement (Foto: Herbst/Diakonie RWL)

Der Frust ist wieder da. Nach Monaten voller Sorge und Ängste, sich mit dem Corona-Virus anzustecken, waren die Impftermine für die Beschäftigten der Altenbochumer und der Märkischen Werkstätten ein Lichtblick. "Ich habe mich sehr für unsere 870 Beschäftigten gefreut", sagt Christoph Pasch, Geschäftsführer des Studjo, so der Name der beiden zusammengeschlossenen Werkstätten des Evangelischen Johanneswerks. Die Impfbereitschaft habe bei den Mitarbeitenden mit und ohne Behinderung bei 95 Prozent gelegen.

"Wochenlang haben wir über die Impfungen aufgeklärt, immer wieder erklärt, dass AstraZeneca ein hochwirksamer Impfstoff ist." Die Speisesäle in den beiden Werkstätten wurden für die Impftermine vorbereitet. Impfeinwilligungen und Anamnesebögen ausgefüllt und gesammelt. Und dann der plötzliche Impfstopp. "Ich frage mich schon, wie viel Vertrauen dadurch verloren geht."

utta Boltjes arbeitet in der Diakonie Werkstatt Hubertusstraße/Recklinghausen. Sie gehörte zu den Ersten, die geimpft wurden. (Foto: Diakonisches Werk Recklinghausen)

Ein Pieks: Jutta Boltjes arbeitet in der Diakonie Werkstatt Hubertusstraße/Recklinghausen. Sie gehörte zu den Ersten, die geimpft wurden. (Foto: Diakonisches Werk Recklinghausen)

Impfen in der Werkstatt

Noch einmal ganz von vorne anfangen, das müssen auch die Recklinghäuser Werkstätten. 170 Beschäftigte haben dort bereits ihre erste Impfung erhalten. "Das war ein enormer logistischer Aufwand", erzählt Leiterin Heike Strototte. An einem Standort wurde geimpft, neun weitere sollten jetzt folgen. "Bei uns sind nach dem Aussetzen der Folgetermine für die Zweitimpfung alle Emotionen dabei: Von Enttäuschung über Verständnis bis hin zur Erleichterung, dass noch einmal ganz genau hingeschaut wird, ob die bekannt gewordenen Thrombosen wirklich im Zusammenhang mit der Impfung stehen", so Strototte.

Alle geimpften Beschäftigten hätten die erste Dosis gut überstanden. Insgesamt gebe es wenig Unruhe nach dem Impfstopp. "Wir arbeiten in Werkstätten und gehen das entsprechend hemdsärmelig an. Wir machen weiter, packen's an und lassen das mit einer großen Portion Zuversicht auf uns zukommen."

Frau liegt mit Beatmungsmaske im Klinikbett (Foto: Shutterstock)

Gefüllte Intensivstationen: Ohne einen schärferen Lockdown werden die Infektionszahlen rapide ansteigen, befürchtet die Lungenklinik Hemer. (Foto: Shutterstock)

Hotspot im Märkischen Kreis

Seit Wochen steigen die Corona-Infektionen in Deutschland wieder an. Besonders betroffen ist der Märkische Kreis mit einer Inzidenz von 150 pro 100.000 Einwohner. "Wir machen regelmäßige Reihentestungen", sagt Christoph Pasch. Bei der letzten wurde bei drei Menschen das Virus nachgewiesen. "Die Impfung wäre gerade hier eine Entlastung für uns gewesen. Wir hätten gewusst, dass die Menschen geschützt sind", so Pasch.

Auch die Lungenklinik Hemer des Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverbandes fürchtet, dass es ohne schnelle Impfungen und einen schärferen Lockdown zu einem rapiden Anstieg schwerer Corona-Erkrankungen im Hochinzidenzgebiet des Märkischen Kreises mit der britischen Mutante B1.1.1.7 kommt. Eigentlich hätten weitere Mitarbeitende in dieser Woche mit AstraZeneca geimpft werden sollen. Gegen den Impfstoff habe es zum Glück kaum Vorbehalte gegeben, sagt Klinikleiter Torsten Schulte, weder im Hinblick auf die Wirksamkeit noch auf mögliche Nebenwirkungen.

Dennis Goebel, Vorstand der Stiftung kreuznacher diakonie  (Foto: Stiftung kreuznacher diakonie)

Mit Aufklärungskampagnen gegen die Impfskepsis: Dennis Goebel, Vorstand der Stiftung kreuznacher diakonie, musste die Mitarbeitenden erst von AstraZenica überzeugen. (Foto: Stiftung kreuznacher diakonie)

Werben für AstraZeneca

Anders sah das im Klinikum der Stiftung kreuznacher diakonie aus. "Die Impfbereitschaft war bei AstraZeneca anfänglich eher gering", berichtet Vorstand Dennis Göbel. "Wir haben durch interne Schulungs- und Aufklärungskampagnen dafür gesorgt, dass sie zwischenzeitlich wieder bei bis zu 90 Prozent lag." Goebel befürchtet, dass die Verunsicherung unter den Mitarbeitenden nun wieder deutlich ansteigen wird.

Elke Grothe Kühn, die bei der Diakonie RWL für die evangelischen Kliniken zuständig ist, hält den Impfstopp für fatal. Natürlich sei es richtig, dass AstraZeneca gründlich überprüft werde. "Aber wir befinden uns in der dritten Welle einer gefährlichen Pandemie und können uns einen Verzug der Impfungen nicht leisten."

Ähnlich sieht das Tim Rietzke, Leiter des Geschäftsfelds Familie und junge Menschen. "Ich finde es wichtig, die Impfungen schnellstmöglich wieder aufzunehmen. Jeder Tag, den wir verlieren, ist ein Tag mit weiteren Infizierten und schlimmstenfalls weiteren Toten." Gerade im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe seien die Impfungen enorm wichtig. "Ohne einen direkten persönlichen Kontakt zwischen den Kindern und den Mitarbeitenden funktioniert die Arbeit nicht." Der einzige wirksame Schutz für Kinder und die Erzieherinnen und Erzieher seien flächendeckende und schnelle Impfungen.

Eine Ärztin bereitet in den Recklinghäuser Werkstätten den AstraZeneca-Impfstoff vor. (Foto: Diakonisches Werk Recklinghausen)

Spritze aufziehen: Eine Ärztin bereitet in den Recklinghäuser Werkstätten den AstraZeneca-Impfstoff vor. (Foto: Diakonisches Werk Recklinghausen)

Schnell entscheiden, wie es weitergeht

Bislang wurden laut Robert Koch-Institut in Deutschland mehr als 1,6 Millionen Dosen des AstraZeneca-Impfstoffs verabreicht, bei insgesamt rund 9,4 Millionen Erst- und Zweitimpfungen. Nach dem Stopp rechnet das Zentralinstitut für die Kassenärztliche Vereinigung nun mit deutlichen Verzögerungen im Impfzeitplan – und zwar um mindestens einen Monat.

"Wir brauchen jetzt von der Politik eine rasche Entscheidung, ob der Impfstoff weiterhin einsetzbar ist", fordert Andreas Zeeh, Leiter des Zentrums Teilhabe, Inklusion und Pflege. Die meisten Bewohner der Seniorenheime seien mittlerweile zwar geimpft, so Zeeh. "Aber was ist mit den Mitarbeitenden in der ambulanten Pflege? Wir müssten jetzt dringend diejenigen impfen, die täglich mit Risikogruppen in Kontakt stehen. Da kommt es auf jeden Tag an!"

Betreuerin in einer Werkstatt mit einer Beschäftigten mit Behinderung (Foto: Shutterstock)

Sehnsucht nach einer Zusammenarbeit ohne Maske: Die Werkstätten hoffen auf einen neuen Impfstart. (Foto: Shutterstock)

Hoffen auf neuen Impfstart 

Bis es mit den Impfungen weiter gehen kann, heißt es extrem vorsichtig sein, Abstand halten, Masken tragen, lüften und regelmäßig testen. Nicht in allen Bereichen gibt es eine ausreichende Zahl an Schnelltests, kritisiert Kita-Expertin Sabine Prott.

"Wichtig ist jetzt umso mehr, dass die Beschäftigten in den Kitas weiterhin wöchentlich zwei kostenlose Testungen wahrnehmen können. Sehr hilfreich wäre auch, wenn ihnen zertifizierte Selbsttests zur Verfügung gestellt würden."

In der Altenbochumer Werkstatt sind die Beschäftigten erleichtert: Ab der kommenden Woche wird mit dem Moderna-Impfstoff geimpft. "Das sind richtig gute Neuigkeiten", sagt Christoph Pasch vom Evangelischen Johanneswerk. Er hofft, dass die Werkstätten jetzt auch mit ihrer Forderung nach der Impfung von Angehörigen, die Werkstattsbeschäftigte mit schweren Behinderungen zu Hause pflegen, bei den Politikerinnen und Politikern durchdringen. "Das würde unsere Werkstätten um einiges sicherer machen." Heike Strototte vom Diakonischen Werk Recklinghausen betont, ihre Einrichtungen hätten aus eigener Kraft ein komplettes "Werkstatt-Impfzentrum" aufgebaut. "Das war eine enorme Leistung. Ich finde, jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, um das auch mal anzuerkennen."

Text: Ann-Kristin Herbst und Sabine Damaschke

Ihr/e Ansprechpartner/in
Ann-Kristin Herbst

Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit / Social Media

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Als Reaktion auf den vorläufigen Stopp der Corona-Schutzimpfungen mit dem Vakzin von Astra-Zeneca stellt das Land NRW ab sofort 150.000 bislang zurückgehaltene Impfdosen der Firmen Biontec/Pfizer und Moderna zur Verfügung. Mit den Dosen sollen vor allem die Über-80-Jährigen in den Impfzentren und die behinderten Menschen in den Eingliederungseinrichtungen geimpft werden, sagte NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) am Dienstag in Düsseldorf. Die Impfdosen stammen aus einer Reserve, die das Land NRW für Zweitimpfung mit den beiden Vakzinen vorgesehen hatte. Die geplanten Impfungen für Erzieherinnen und Erzieher in den Kindertageseinrichtungen sowie für Lehrkräfte werden dagegen bis auf weiteres ausgesetzt. Die Impfdosen sollen bis Ende März verabreicht werden. (epd)