22. Januar 2019

Teilhabechancengesetz

Endlich wieder mittendrin

Über sieben Jahre war Karin Kuschmierz arbeitslos. Jetzt gibt das neue Teilhabechancengesetz ihr eine echte Perspektive - als Bürohelferin bei der Neuen Arbeit Essen, einem diakonischen Beschäftigungsträger. Für die Umsetzung des neuen Bundesgesetzes in NRW unterzeichnet die Freie Wohlfahrtspflege heute eine Vereinbarung mit der Landesregierung.

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Karin Kuschmierz ist stolz auf ihr eigenes Büro mit Namensschild.

Für Karin Kuschmierz ist es immer wieder ein kleiner Glücksmoment, wenn sie morgens ihre Bürotür aufschließt. Auf dem Schild steht ihr Name. Sie hat einen eigenen Schreibtisch und Computer. Für die kommenden drei Jahre ist sie beim diakonischen Beschäftigungsträger Neue Arbeit Essen sozialversicherungspflichtig beschäftigt, in Vollzeit und einem Tätigkeitsfeld, das sie liebt.

Beim mobilen sozialen Dienst koordiniert die 56-jährige Bürohelferin die Einsätze der Mitarbeiter, die alte und pflegebedürftige Menschen in Essen zum Arzt begleiten oder für sie einkaufen. "Endlich bin ich wieder mittendrin", sagt sie. "In der Arbeitswelt habe ich ein kleines Stück vom großen Kuchen abbekommen."

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Um die Einsätze von Mitarbeitenden zu koordinieren, sind viele Telefonate nötig. Karin Kuschmierz hat Spaß an dieser Arbeit.

Über sieben Jahre war die alleinerziehende Mutter arbeitslos. Bewerbungstrainings, Qualifizierungen, Ein-Euro-Jobs – Karin Kuschmierz hat alles mitgemacht, aber keine Stelle gefunden. "Mit jeder Absage wurde ich unsicherer und ängstlicher. Zum Schluss habe ich mir gar nichts mehr zugetraut und mich nur noch wie eine kleine, unwichtige Nummer gefühlt", erzählt sie.

Das neue Teilhabechancengesetz eröffnet der gelernten Verkäuferin endlich die Perspektive auf ein neues Leben mit sinnvoller Arbeit, netten Kollegen und einem richtigen Gehalt. Karin Kuschmierz ist eine der ersten langzeitarbeitslosen Menschen in Nordrhein-Westfalen, die vom Teilhabechancengesetz profitieren.

Gruppenbild

Die Freie Wohlfahrtspflege, Arbeitgeberverbände, Gewerkschaften und kommunale Spitzenverbände in NRW haben mit NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (Mitte) eine Absichtserklärung zur Umsetzung des Teilhabechancengesetzes unterzeichnet. (Foto: Jürgen Schulzki)

Chancen für 15.000 Menschen

Im Rahmen des seit Januar geltenden Bundesgesetzes sollen 2019 in NRW rund 15.000 sozialversicherungspflichtige Stellen für Langzeitarbeitslose entstehen. Dafür hat die Landesregierung jetzt eine Absichtserklärung mit der Freien Wohlfahrtspflege NRW unterzeichnet, zu der auch die Diakonie gehört. Sie verpflichtet sich gemeinsam mit Arbeitgeberverbänden, Gewerkschaften, den kommunalen Spitzenverbänden, dem Arbeitsministerium und der Bundesagentur für Arbeit, neue geförderte Beschäftigungsverhältnisse zu schaffen und langfristig den Übergang in ungeförderte Beschäftigung zu unterstützen.

Die Stellen, die durch das Teilhabechancengesetz entstehen, werden in den ersten beiden Jahren zu 100 Prozent vom Staat gefördert, in den Jahren danach degressiv zu 90 bis 70 Prozent. Für die sogenannte "Teilhabe am Arbeitsmarkt" will die Bundesregierung bis 2022 bundesweit rund vier Milliarden Euro bereit stellen.

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Diakonie RWL-Referentin Ina Heythausen begleitet die diakonischen Träger bei der Umsetzung des Teilhabechancengesetzes.

Gute Erfahrungen mit geförderten Jobs

"In der Diakonie und Freien Wohlfahrtspflege haben wir lange dafür gekämpft, dass es mehr öffentlich geförderte Stellen für langzeitarbeitslose Menschen gibt", erklärt Diakonie RWL-Arbeitsmarktexpertin Ina Heythausen. "Denn die Erfahrungen in Modell- und Landesprogrammen sind durchweg positiv. Die Menschen fühlen sich gebraucht und wertgeschätzt, weil sie wieder am Arbeitsleben teilnehmen. Sie bekommen Berufspraxis, entwickeln Selbstbewusstsein und haben Chancen, im Anschluss eine ungeförderte Stelle zu finden."

Auch Karin Kuschmierz hat sich schon anderthalb Jahre als Bürokraft bei der Neuen Arbeit Essen bewährt - und zwar im Rahmen eines Bundesprogramms mit Modellcharakter. Doch der Sprung in ein Unternehmen gelang ihr nicht. "Wer lange arbeitslos war, traut sich oft wenig zu und braucht Zeit, um wieder in Betriebsabläufe und die Betriebskultur hineinzufinden", beobachtet Jessica Weiner, die bei dem Essener Beschäftigungsträger für arbeitsmarktpolitische Projekte zuständig ist. "Deshalb sind wir froh, dass das Teilhabechancengesetz den Teilnehmern nun bis zu fünf Jahre lang eine öffentlich geförderte Beschäftigung ermöglicht."

Neue Arbeit-Geschäftsführer Michael Stelzner (l.) zeigt Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann und der DGB-NRW-Vorsitzenden Anja Weber die Oldtimerwerkstatt.

Kreative und sinnvolle Arbeit

Bei der Neuen Arbeit sind bereits 31 langzeitarbeitslose Menschen über die "Teilhabe am Arbeitsmarkt" eingestellt worden. Im Laufe des Jahres sollen es noch mehr werden. Sie arbeiten im Garten- und Landschaftsbau, in der Designerwerkstatt "Kronenkreuz", in der Oldtimerwerkstatt oder bei "Essen für Kids", einem Cateringservice für Kitas und Grundschulkinder.

Arbeitsbereiche, mit denen der Beschäftigungsträger auch Geld erwirtschaften darf. Die neuen Mitarbeitenden müssen mindestens 25 Jahre alt sein und innerhalb der letzten sieben Jahre mindestens sechs Jahre Leistungen nach dem SGB II (Hartz IV) erhalten haben. Unterstützt werden sie von einem Jobcoach. Neben freien und kommunalen Beschäftigungsträgern sollen auch Firmen diese öffentlich geförderten Stellen schaffen.

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Jessica Weiner ist bei der Neuen Arbeit Essen für arbeitsmarktpolitische Projekte zuständig.

Jobcoaches unterstützen im Alltag

"Die intensive Begleitung der Teilnehmer ist ein entscheidender Baustein für den Erfolg des Teilhabechancengesetzes, um Abbrüche zu verhindern und Übergänge in ungeförderte Stellen zu begleiten", betont Jessica Weiner.

Karin Kuschmierz ist davon überzeugt, dass sie es ohne einen Coach, der ermutigt, anspornt und mit dem Jobcenter verhandelt, nicht so weit gebracht hätte. "Schon in meiner ersten öffentlich geförderten Stelle als Bürohelferin habe ich immer wieder gehört: Du schaffst das." Der Beweis dafür ist ihr Türschild. Das alte hat sie deshalb nach Hause mitgenommen und laminiert. "Es soll mich daran erinnern, dass ich stolz auf mich sein kann."

Text und Fotos: Sabine Damaschke

Ihr/e Ansprechpartner/in
Ina Heythausen
Arbeit und Beschäftigung, Jugendsozialarbeit
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