11. Oktober 2017

Neue Projekte für Langzeitarbeitslose

Selbstvertrauen stärken, Perspektiven schaffen

Auf dem Arbeitsmarkt hat rund ein Drittel der 290.000 Langzeitarbeitslosen in NRW so gut wie keine Chance. Mit der Folge, dass viele in Krankheit und Isolation abrutschen. Dabei gibt es vielversprechende Methoden und Projekte, die ihnen wieder eine Perspektive geben. Auf einer Tagung der Freien Wohlfahrtspflege NRW wurden sie jetzt vorgestellt – mit prominenter Unterstützung der Wissenschaft.

Gruppenfoto

Gemeinsam mit Diakonie RWL-Referentin Ina Heythausen (links) stellten Ulla Heidrich (Projektleiterin), Heike Herzog (Jobcenter) und Gaby van Dyk (Integrationscoach) das Projekt "AGH plus" vor

Eine Werkhalle, ein Zimmermann, eine Lackiererin, ein Integrationscoach und verschiedene Materialien. Das erwartete 15 langzeitarbeitslose Menschen zwischen 32 und 63 Jahren, als sie im Februar mit dem Projekt "AGH plus" im oberbergischen Waldbröl begannen. Die Idee des vom Jobcenter geförderten Projekts der Diakonie Michaelshoven: Selbstvertrauen durch handwerkliche Kreativität und soziale Gemeinschaft stärken, Talente neu entdecken, Initiative wecken. 

Portrait

Kreativ, spielerisch und immer zum Gespräch bereit: Gaby van Dyk coacht die Projektteilnehmer 

Raus aus Einsamkeit und Lethargie

Seitdem sind nicht nur zahlreiche Möbelstücke für das örtliche Sozialkaufhaus restauriert, Futterstationen für den Naturschutzbund gebaut und Natursteige für die Kita angelegt worden. Die Teilnehmer, die im Jobcenter als "hoffnungslose Fälle" galten, waren kaum krank, schlossen Freundschaften, halfen sich bei Einkäufen und trafen sich am Wochenende, um nicht mehr alleine zu sein. "Sie haben angefangen, Initiative zu entwickeln und sich zu vernetzen", berichtete Coach Gabi van Dyk. Und sie holten sich Hilfe, indem sie zur Schuldnerberatung gingen oder eine Therapie begannen.

Portrait

Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann

Menschen ihre Würde zurückgeben

Das Projekt ist nur ein Beispiel für den sogenannten "Befähigungsansatz", der inzwischen in verschiedenen Initiativen der Wohlfahrtsverbände angewandt wird. Jetzt wurde er auf einer Fachtagung der Freien Wohlfahrtspflege NRW vorgestellt. "Es fehlen nicht nur Jobs im Helferbereich. Auch die bisherigen Förderinstrumente wirken bei vielen Arbeitslosen nicht", kritisierte Christian Heine-Göttelmann, Vorstand der Diakonie RWL und künftiger Vorsitzender der Freien Wohlfahrtspflege NRW, vor rund 150 Arbeitsmarktexperten aus Sozialverbänden und Jobcentern. "Wir brauchen Angebote, die den Menschen Selbstvertrauen und Würde zurückgeben, damit sie überhaupt in einen Job vermittelt werden können." 

Portrait

Expertin für den "Befähigungsansatz": Ortrud Leßmann 

Arbeitslose ernst nehmen

Dabei sollten Jobcenter und Träger die Wünsche der Arbeitslosen ernst nehmen, riet Ortrud Leßmann, Expertin für den "Befähigungsansatz". "Sie können ihre Situation am besten beurteilen und wissen meistens, was ihnen hilft und was nicht." Die Wissenschaftlerin hat ein EU-Forschungsprojekt für Langzeitarbeitslose über 50 Jahren in Salzburg geleitet. Zu häufig gerieten diese Menschen in eine Spirale erfolgloser Bewerbungen und kurzfristiger Qualifizierungsmaßnahmen, die sie unter Druck setzen und demotivieren statt sie tatsächlich fit für den Arbeitsmarkt zu machen. "Leistungsempfänger sind nie nur Empfänger, sie wollen tätig sein und ihr Leben gestalten", betonte Leßmann.

Portrait

Professor Martin Korte erklärte, wie ein Um- und Neulernen im Gehirn funktioniert

Das Gehirn positiv trainieren

Der Weg zurück in ein soziales, gesundes und sinnvoll erlebtes Leben sei vor allem durch ein Um- und Neulernen möglich, betonte der renommierte Braunschweiger Neurobiologe Martin Korte auf der Fachtagung. Der Professor und Buchautor plädierte dafür, neue wissenschaftliche Erkenntnisse der Gehirnforschung in der Begleitung langzeitarbeitsloser Menschen stärker zu berücksichtigen. Dazu gehöre, die ständigen Misserfolge, die sie im Kopf hätten, durch Erfolgserlebnisse und positive Denkweisen zu ergänzen. "Das setzt einen Biochemie-Cocktail im Gehirn in Gang, der motiviert, sich auf Neues einzulassen."  

Portrait

Werner Lüttkenhorst vom Paritätischen Wohlfahrtsverband hat gute Erfahrungen mit dem "Selbstvermittlungschoaching" gemacht

Selbstbewusster durch "Selbstvermittlungscoaching"

Dem Paritätischen Wohlfahrtsverband gelingt das im sogenannten "Selbstvermittlungscoaching". In vier- bis sechsmonatigen Kursen werden Langzeitarbeitslose dabei unterstützt, ihre Stärken und Fähigkeiten zu entdecken und zu nutzen. Dazu gehört auch, sich Firmen herauszusuchen, in denen sie gerne arbeiten würden und dort Gespräche zu führen. "Sie stellen sich gut vorbereitet, selbstbewusst und häufig gesünder bei potentiellen Arbeitgebern vor", erklärte Werner Lüttkenhorst, der diese Projekte leitet.

Publikum

Großes Interesse am Thema: Für den Fachtag wollten sich 300 Experten anmelden. Es gab 150 Plätze

Teilzeitausbildung für Alleinerziehende

Auch die besondere Gruppe der Alleinerziehenden nahmen die Fachkräfte auf ihrer Tagung in den Blick. In vielen Regionen Nordrhein-Westfalens stellen sie bis zu 30 Prozent der Langzeitarbeitslosen. 60 Prozent aller Alleinerziehenden haben keinen Berufsabschluss. Der Großteil sind Frauen. Sie brauchen nicht nur besondere Beratungs- und Coachingangebote, sondern auch eine Kinderbetreuung während der Beratung und Ausbildung. 

Am erfolgreichsten sind Projekte wie das Landesprogramm "Teilzeitberufsausbildung". Die AWO in Düsseldorf beteiligt sich seit 2010 mit jährlich zehn Plätzen daran und vermittelt die Frauen vor allem in kleinere Betriebe, wo sie eine kaufmännische Ausbildung erhalten, oder in Arztpraxen und Kindertagesstätten. 

Frau mit Kind auf dem Arm

Alleinerziehend und ohne Job - Projekte, die Teilzeitausbildungen begleiten, können helfen (Foto: Souza/ pixelio.de)

Dringend nötig: Paradigmenwechsel 

"Leider bilden nur unter ein Prozent der Unternehmen in Teilzeit aus", erklärte Gaby Schmitz, die für das Projekt zuständig ist. "Das muss sich dringend ändern." Auch in der Altenpflege, wo akuter Fachmangel herrscht, wird nach ihrer Erfahrung noch zu selten in Teilzeit ausgebildet.

Zwar habe die Politik erkannt, dass in der Arbeit mit Langzeitarbeitslosen neue Wege beschritten werden müssten, sagte Werner Lüttkenhorst. Doch noch geschehe das zu zögerlich. "Wir brauchen einen Paradigmenwechsel hin zu sozialer Teilhabe und Befähigung." Barbara Molitor vom NRW-Arbeitsministerium versprach am Ende der Tagung, dass das Land nicht nur auf die Zahlen in der Jobvermittlung schaue. "Wir sind im Dialog."

Text: Sabine Damaschke, Fotos: Hans-Jürgen Bauer

Ihr/e Ansprechpartner/in
Ina Heythausen
Arbeitsmarktpolitik und Beschäftigungsförderung, Jugendsozialarbeit
Weitere Informationen
Bewerten Sie diesen Artikel
Durchschnittliche Bewertung: 5 (3 Stimmen)