7. September 2018

Jugendarbeitslosigkeit

Von der Produktionsschule ins Werkstattjahr

Arbeiten lernen, pünktlich sein, überhaupt zur Arbeit kommen: All das haben Jugendliche in Produktionsschulen geübt – und dabei noch ihren Schulabschluss gemacht. Doch die NRW-Landesregierung hat das erfolgreiche Programm zum 1. September zugunsten eines Werkstattjahres gestrichen. Die Beschäftigungsträger der Diakonie RWL bedauern das. Viele starten trotzdem mit dem "Werkstattjahr NRW", um benachteiligten Jugendlichen weiterhin eine Chance zu geben.

Jugendlicher mit Schweißerbrille

Für viele Jugendliche war die Produktionsschule eine echte Chance für einen Neuanfang.

In den Werkstätten des Jugendwerks Köln wird geschweißt, gehämmert, geschraubt und gelernt. Jedes Jahr betreut der vor 39 Jahren gegründete Träger, ein Mitglied der Diakonie RWL,  rund 1.500 Jugendliche im Rahmen von Jugendsozialarbeit, schulergänzenden Angeboten, Ausbildungs- und Berufsvorbereitung und ausbildungsbegleitenden Hilfen.

Vor drei Jahren kam die Produktionsschule mit 41 Plätzen für Jugendliche zwischen 16 und 25 Jahren dazu. Vergangene Woche hat das Jugendwerk den letzten Jahrgang verabschiedet. Für Geschäftsführerin Annette Nowinski war das ein schwerer Schritt.

"Wir haben viel Zeit und Energie in die Produktionsschule gesteckt", erklärt sie, "und hätten das Programm gerne weitergeführt, weil es so erfolgreich war." Denn in der Produktionsschule fanden viele Jugendliche wieder eine Perspektive für ihr Leben.

Portrait

Annette Nowinski, Geschäftsführerin des Jugendwerks Köln, hätte die Produktionsschule gerne weitergeführt.

Stellen abbauen, Werkstätten schließen

Alle galten bei den Jobcentern als "schwer vermittelbar", weil sie zum Beispiel die Schule geschmissen, gedealt oder gestohlen hatten und aus sehr schwierigen Familienverhältnissen stammten. 90 Prozent der Teilnehmenden ohne Schulabschluss holten ihn nach. Der Großteil machte nach dem Jahr mit Ausbildung, Arbeit, weiterführender Schule oder Maßnahmen weiter.

Nun muss das Jugendwerk Stellen abbauen, Werkstätten schließen und ein neues Programm für sehr viel weniger Jugendliche organisieren. Zum 1. September hat die Landesregierung die Produktionsschulen eingestellt und dafür das "Werkstattjahr.NRW" aufgelegt. Statt 2.800 Plätzen, die es insgesamt in den Produktionsschulen NRW gab, werden im Werkstattjahr nur noch 1.600 vorgehalten.

Jugendlicher mit Windrad

Eigene Windräder zu bauen, hat vielen Jugendlichen Spaß gemacht. Im Werkstattjahr geht es nun nicht mehr.

Jugendliche über 18 Jahre bleiben auf der Strecke

Von den zehn Trägern, die sich in der Diakonie RWL am Landesprogramm "Produktionsschule NRW" beteiligt hatten, machen nun sieben mit einem "Werkstattjahr.NRW" weiter. Dazu gehört auch das Jugendwerk Köln. Statt 41 Jugendliche pro Jahr wird es nun nur noch zwölf betreuen. Sie dürfen bei Beginn der Maßnahme nicht älter als 18 Jahre sein und müssen beim Jobcenter gemeldet sein.

Die schwer vermittelbaren Jugendlichen, die älter als 18 Jahre sind, sollen nun durch die Angebote der Jobcenter erreicht werden. Diakonie RWL-Referentin Sabine Zander bezweifelt, dass das gelingt. "Das Auslaufen der Produktionsschule und die Wiedereinführung des Werkstattjahrs hat die Angebote für benachteiligte Jugendliche wieder geschwächt", sagt sie. Das neue Ausschreibungsverfahren produziere Trägerwechsel und dies bedeute, dass konzeptionelle Ansätze, Qualifikationen des Personals und die gute Vernetzung in die Region verloren gingen und wieder neu aufgebaut werden müssten.

Portrait

Diakonie RWL-Arbeitsmarktexpertin Sabine Zander sieht die sechsmonatigen Betriebspraktika im Werkstattjahr kritisch.

Knackpunkt Betriebspraktika

Auch das Konzept des Werkstattjahres, bei dem bis zu sechsmonatige Betriebspraktika im Vordergrund stehen sollen, hielten die diakonischen Träger für nicht zielführend, so Zander weiter. "Zwar ist es wichtig und richtig, den Kontakt zu Betrieben in der Region herzustellen", ergänzt Annette Nowinski. "Aber wir wissen aus den Produktionsschulen, dass viele Jugendliche aufgrund der Vielzahl an Problemen, mit denen sie belastet sind, ein sechsmonatiges Praktikum nicht durchhalten würden."

Mit den Partnern des Programms  "Produktionsschule in Köln", zu denen Jobcenter und Arbeitsagentur gehören, hatten sie ein Konzept abgesprochen, das die individuelle Situation der Jugendlichen berücksichtigt und Freiraum für die Gestaltung der Praktikumsphasen ließ - ein wesentlicher Grund für die erfolgreiche Arbeit der Kölner Produktionsschule. Ob eine passende individuelle Förderung für die Jugendlichen weiterhin möglich ist, wird die Praxis zeigen.

Zwei Frauen in der Küche

Selbst kochen fürs Catering - das ist künftig nicht mehr möglich.

Leistungsprämie als finanzieller Anreiz

Positiv bewertet Annette Nowinski, dass eine Leistungsprämie für die Jugendlichen als finanzieller Anreiz über das Werkstattjahr verankert wird. Auch haben sie weiterhin die Chance, sich in verschiedenen Bereichen beruflich zu erproben. Diese reichen von Snackbar und Cateringservice bis zur Fertigung und Reparatur von Holz- und Metallprodukten. Die eigene Küche und der Elektrobereich, in dem die Windräder hergestellt wurden, muss das Jugendwerk allerdings schließen.

Von den neun Mitarbeitenden, die die Jugendlichen betreut haben, bleiben noch fünf übrig. Statt fünf Anleitern in den Werkstätten gibt es jetzt nur noch zwei. Einen weiteren Anleiter behält der Beschäftigungsträger auf eigene Kosten. "Wir wollen auch mit den Teilnehmenden des Werkstattjahres Produkte herstellen, die wir verkaufen", erklärt Annette Nowinski.

Die Snackbar des Jugendwerks bleibt geöffnet.

Kehrtwende in der Arbeitsmarktpolitik

Jedenfalls tut der diakonische Jugendhilfeträger alles dafür, damit sich erfolgreiche Elemente der Produktionsschule auch im neuen Werkstattjahr wiederfinden. Ob das auf Dauer gelingt, wird sich erst noch zeigen müssen.

In das neue Landesprogramm fließt nicht nur weniger Geld und die Zielgruppe hat sich verjüngt. Nun wählt statt des Landes die Bundesagentur für Arbeit die Träger aus. "Das ist eine Kehrtwende in der nordrhein-westfälischen Arbeitsmarktpolitik", meint Annette Nowinski. Das Werkstattjahr sei Arbeitsminister Karl-Josef Laumann so wichtig gewesen, dass er dafür das erfolgreiche Programm der Produktionsschulen eingestellt habe. "Und jetzt überlässt er die Entscheidung, wer sich daran beteiligt, einfach der Arbeitsagentur."

Text: Sabine Damaschke, Fotos: Jugendwerk Köln

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Sabine Zander
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