6. Februar 2018

Inklusion – Gute Beispiele

Teilhabe durch Technik im PIKSL-Labor

Das Internet für alle zugänglich und sicher machen – dafür wirbt der heutige Safer Internet Day. Für die Dozenten des PIKSL-Labors ist das Alltag. In dem bundesweit einmaligen diakonischen Projekt arbeiten sie an einer barrierefreien Zukunftstechnik. Das Besondere: Die Experten sind Menschen mit Lernschwierigkeiten. 

Frau sitzt vor einem PC

Elisabeth Herrmanns lässt sich ihre Mails am PC vorlesen

Eine Tasse Kaffee zubereiten und dann die Mails checken. Für Elisabeth Herrmanns beginnt der Arbeitstag im PIKSL-Labor genauso wie für Tausende andere berufstätige Menschen. Mit einem Unterschied: die 47-jährige Düsseldorferin kann nicht lesen und schreiben.

Auf ihrem Rechner hat sie ein spezielles Programm, das ihr die Mails vorliest. Unverzichtbar sei das für sie, erzählt Elisabeth Herrmanns, denn sie ist viel unterwegs. Sie arbeitet an Forschungs- und Unternehmensprojekten mit, gibt Workshops und Computerkurse für Senioren.

"Seit der Gründung des PIKSL-Labors 2011 bin ich dabei", sagt sie stolz. "Das hat mich verändert. Ich bin viel selbstbewusster geworden, denn mein Leben macht mir richtig Spaß." Jahrelang sortierte und verpackte Elisabeth Herrmanns in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen Schrauben und Klebstoff. Betreut wurde sie damals wie heute von "In der Gemeinde leben gGmbH" (IGL), einer Tochtergesellschaft der Diakonie Düsseldorf und Stiftung Bethel. 

Immer geduldig und hilfsbereit: Elisabeth Herrmanns mit zwei Seniorinnen aus ihrem Kurs

Gefragte und geduldige Expertin

Als die IGL vor sieben Jahren das PIKSL-Projekt startete, um die Digitalisierung auch für Menschen mit Behinderungen nutzbar zu machen, stand Elisabeth Herrmanns sofort als Entwicklerin und Mitdesignerin zur Verfügung. "Ich habe die ganze Technik von der Pike auf gelernt", erzählt sie. "Und immer Tipps gegeben, was man verbessern muss."

Heute ist sie eine gefragte Expertin, wenn es darum geht, das Internet barrierefrei zu gestalten. Und sie ist eine geduldige Dozentin in den Computer- und Social Media-Kursen. "Wenn jemand nervös wird, weil er mit Maus, Passwörtern oder Benutzerbuttons nicht klar kommt, setze ich mich daneben und sage: Keine Sorge, wir schaffen das schon." Und tatsächlich, im PIKSL-Labor, so bestätigt Leiterin Nadja Zaynel, habe bislang noch jeder Kursteilnehmer gelernt, was er lernen wollte. 

Portrait

Nadja Zaynel, promovierte Kommunikationswissenschaftlerin,  leitet das PIKSL-Labor in Düsseldorf

Herzstück des Projekts: Seniorenkurse

Die 32-jährige Kommunikationswissenschaftlerin betreut mit fünf Kollegen und vier Menschen mit Behinderungen, die hier alle als Experten bezeichnen, verschiedene Projekte. Herzstück von PIKSL, das übersetzt "Personenzentrierte Interaktion und Kommunikation für mehr Selbstbestimmung im Leben" heißt, sind die Seniorenkurse. Sie finden im ehemaligen Ladenlokal in Düsseldorf-Flingern statt, das täglich geöffnet ist und von Bewohnern des Stadtteils auch als Internetcafé genutzt wird. 

Benjamin Freese zeigt die Liste der Kursziele: Alle Teilnehmer möchten sicherer im Umgang mit PC und Internet werden

Zaynels Kollege Benjamin Freese ist zuständig für "PIKSL mobil". Regelmäßig fährt er mit einem Rucksack voller i-Pads in die Einrichtungen der IGL, um den Bewohnern die Welt der digitalen Medien spielerisch näherzubringen – und somit Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen.

"Das ist gelebte Inklusion", betont er. In Bielefeld gibt es einen weiteren Ableger des PIKSL-Labors. Tobias Marczinzik, Leiter der PIKSL-Skalierungsabteilung, kümmert sich darum, dass bis zum Jahr 2020 weitere Standorte entstehen. Finanziert wird das Düsseldorfer PIKSL-Labor aus verschiedenen Stiftungs- und Projektfördermitteln. "Wir haben beantragt, auch als alternativer Anbieter anerkannt zu werden", erzählt Nadja Zaynel. Eine neue Art von Beschäftigungsmöglichkeit, die zeigen möchte, dass Menschen mit Behinderungen mehr können als nur einfache, praktische Tätigkeiten auszuüben. 

Fünf Leute sitzen im Kreis und reden

Arbeits- und Projektbesprechung im PIKSL-Labor

Ideenbörse und Zukunftswerkstatt

Für den Strom- und Gasanbieter E.ON hat das PIKSL-Labor ein barrierefreies Zahlhilfeportal mitentwickelt, für die Deutsche Bank Firmentrainings in Sachen Arbeiten in inklusiven Teams gemacht und für die Bundeszentrale für politische Bildung Leitfäden in einfacher Sprache für den Umgang mit sozialen Medien entworfen. Mit der Hochschule Rhein-Waal in Kleve entstand eine Idee für ein barrierefreies System zur Nutzung des Öffentlichen Nahverkehrs und mit der Fachhochschule Düsseldorf ein barrierefreies CMS-System für Webseiten.

Besonders stolz ist Elisabeth Herrmanns auf das Audioguidesystem "Lingusio" für Museumsbesucher, das das PIKSL gemeinsam mit der Folkwang Universität in Essen entwickelt hat. Es versteckt sich in einem bunten Schal. "So bekommt man im Museum viel mehr mit als wenn man einen Kopfhörer auf hat."

Frau am PC

Was ist leicht, was schwer zu verstehen? Monika Knieper testet Software-Tools

Neues Projekt "Easy Reading"

Seit Januar wirken die Experten an einem neuen, großen internationalen EU-Projekt mit. Unter dem Titel "Easy Reading" soll es bis zum Jahr 2020 Software-Tools entwickeln, die Menschen mit Beeinträchtigungen individuell und barrierefrei bei der Nutzung digitaler Medien unterstützen.

"Wir überprüfen, ob die Software für uns leicht oder schwer zu bedienen ist", erzählt Expertin Monika Knieper.  An dem mit zwei Millionen Euro geförderten EU-Projekt sind Programmierer und Rehabilitationswissenschaftler der Technischen Uni Dortmund sowie Kooperationspartner aus Österreich, Schweden, Frankreich, Großbritannien und Israel beteiligt. 

Die PIKSL-Experten arbeiten an einem barrierefreien, aber auch sicheren Zugang zu sozialen Netzwerken

Barrierefreier Datenschutz? Fehlanzeige

"Bei den sozialen Medien gibt’s noch viel zu tun", ergänzt Jennifer Wiche und kommt auf das Thema Datenschutz zu sprechen. Dort änderten sich die Menüs ständig, kritisiert sie. Die Möglichkeiten der User, selbst einzustellen, was sie von sich preisgeben wollen, seien nur schriftlich und viel zu kompliziert formuliert. "Wenn’s um Datenschutz geht, ist das Internet nicht barrierefrei", so das einstimmige Urteil der drei Expertinnen. Für das PIKSL-Labor bleibt also noch viel zu tun. 

Text: Sabine Damaschke,  Fotos: Sabine Damaschke, Benjamin Freese (PIKSL)

Der internationale Safer Internet Day findet jährlich statt. Diesmal steht er unter dem Motto "Create, connect and share respect: A better internet starts with you".

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Sabine Damaschke
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