28. Juli 2017

Diakonie gegen Armut

Zwischen Stadtghetto und Dorfidylle - Armut im Saarland

In der Armutsdiskussion steht das Saarland selten im Fokus. Dabei liegt die Armutsquote an der Saar mit 17,6 Prozent deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Während sie in bestimmten Stadtvierteln sofort sichtbar ist, zeigt sie sich auf dem Land nur versteckt. Eine Herausforderung für das Diakonische Werk an der Saar, wie Geschäftsführer Wolfgang Biehl erläutert.

Portrait

Wolfgang Biehl (Foto: Helmut Paulus/Diakonie Saar)

Wenn wir in Deutschland über Armut reden, dann geht es meist um die ostdeutschen Bundesländer und das Ruhrgebiet, aber selten ums Saarland. Erleichtert oder ärgert Sie das?

Fürs Image des Landes mag es besser sein. Doch ich finde es ärgerlich, dass unsere Landesregierung die Armut nicht stärker thematisiert und bekämpft. Auch in unserem Bundesland sinkt seit Jahren die Arbeitslosigkeit. Das verbucht die Politik als Erfolg. Aber davon profitieren viele Menschen nicht. Wir haben hier, genau wie im Ruhrgebiet, eine verfestigte Langzeitarbeitslosigkeit. In den städtischen Vierteln ist die Armut direkt zu sehen, aber auf dem Land wird sie häufig über die dortigen Familienstrukturen verdeckt. Das verführt dann dazu, sie weniger ernst zu nehmen.

Häuserzeile auf dem Land

Typische Bergarbeiter-Reihenhäuser im Saarland (Foto: Helmut Paulus/Diakonie Saar)

Was bedeutet das für die Arbeit des Diakonischen Werkes?

Wir engagieren uns heute stark in städtischen sozial schwachen Vierteln Saarbrückens, Völklingens, Neunkirchens oder in Saarlouis, müssen aber gerade im Hinblick auf Altersarmut die ländlichen Regionen mehr in den Fokus nehmen. Sie ist im Saarland von 2003 bis 2014 von 11 auf 18,6 Prozent gestiegen. Dort, wo die Mieten günstig sind und die Familien sich gegenseitig unterstützen, wohnen viele ehemalige Bergleute, die derzeit noch recht gute Knappschaftsrenten bekommen, aber diese Generation stirbt aus. Die nachfolgenden Generationen leben oft von schlechter bezahlten Jobs oder Minijobs. Die Armut auf dem Land wird stärker sichtbar werden und wir brauchen auch hier mehr unterstützende Angebote.

Gruppenfoto

Volker Bourgett und Steffi Grönitz kümmern sich im Clearinghaus Völklingen um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

Das Saarland ist Grenzregion. Was heißt das, wenn wir über Armut reden?

Wir haben hier viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, die von Paris aus nach Frankfurt oder Hamburg weiterreisen wollten, aber von der Bundespolizei an der Grenze aufgegriffen wurden. Daher entstanden im Saarland unter Beteiligung der Diakonie im Jahr 2011 die ersten Clearinghäuser. In unserer Straßensozialarbeit mit Wohnungslosen treffen wir öfter auf Menschen, die auch in Saarbrücken, Forbach oder Saargemünd unterwegs sind. Wir kooperieren mit französischen Sozialverbänden wie "EMMAUS". Es wäre schön, wenn es mehr grenzüberschreitende Zusammenarbeit geben würde. Früher haben wir uns an grenzüberschreitenden Programmen des Europäischen Sozialfonds beteiligt. Aber die gibt es so nicht mehr. Europa ist heute eher "kleinstaatlich" unterwegs. Ich bedauere das sehr.

Portrait

"Respekt"-Projektleiter Matthias Schindel vor dem Café, in dem er schulmüde Jugendliche betreut

Welche von Armut betroffene Gruppe macht Ihnen bei der Diakonie die meisten Sorgen?

Im Saarland ist mittlerweile jedes fünfte Kind arm. Das bedrückt uns. Etwas materielle Not versuchen wir mit der Spendenaktion "Sternenregen" in Zusammenarbeit mit dem Privatfunk Radio Salü zu lindern. Wir verteilen Geld für Schulmaterialien, Nachhilfe oder auch Möbel fürs Kinderzimmer. Es geht aber auch darum, Kindern durch Bildungsangebote zu helfen, aus dem Kreislauf der Armut herauszufinden und ihnen kulturelle Teilhabe zu ermöglichen. Das versuchen wir mit unseren Kinderbildungszentren und Kinderhäusern oder in besonderen Projekten wie "Respekt", die sich an Schulabbrecher und obdachlose Jugendliche wenden.

Gruppenbild

Das Sozialkaufhaus in Saarlouis ist das größte im Saarland. Geleitet wird es von Heike Göbel und Martin Kalkoffen

Für Sie spielen die Sozialkaufhäuser eine große Rolle, wenn es um die Bekämpfung von Armut geht. Warum?

Aus drei Gründen. Wir bieten dort qualitativ hochwertige Ware für arme Menschen an. Wir schaffen in den Sozialkaufhäusern Arbeitsplätze für Langzeitarbeitslose. Und wir leisten mit ihnen einen Beitrag zur Bewahrung der Schöpfung, indem wir Kleider und Waren recyceln, die sonst im Müll gelandet werden. Das ist unser Anspruch und unsere Konzeption. Die Diakonie hat im Saarland Sozialkaufhäuser in Saarbrücken, Völklingen und Saarlouis. Ein viertes in Sulzbach mussten wir schließen, weil die Kommune dafür keine Mittel aufbringen wollte. Das hat uns sehr geärgert.

Portrait

Für arme Haushalte bietet die Diakonie einen Stromsparcheck an. Mitarbeiter Ahmad Salman kommt mit Duschkopf und Sparleuchten

Fühlen Sie sich im Saarland von der Politik alleine gelassen, wenn es um Armutsprävention und -bekämpfung geht?

Natürlich hat sie das Thema auch auf der Agenda und dazu verschiedene Studien in Auftrag gegeben. Es gibt auch einen Aktionsplan gegen Armut. Doch wir entdecken darin keinen Ansatz für eine längerfristige strategische und effektive Armutsbekämpfung. Es geht meistens um Projekte, die schon existieren und mit denen sich die Politiker in den Medien gut darstellen können. Ich bin schon seit vierzig Jahren in der Sozialarbeit im Saarland unterwegs und stelle fest, dass wir es inzwischen mit einer neuen Politikergeneration zu tun haben. Diese fragt stärker danach, was ihr nützt, damit sie wiedergewählt wird. Viele Politiker haben keinen kirchlichen Hintergrund mehr oder eine Nähe zu den Wohlfahrtsverbänden. Das erschwert unsere Arbeit. Ich vermisse die sozialpolitischen Visionen in der Politik.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke. Fotos: Sabine Damaschke

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Sabine Damaschke
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