7. November 2019

Ausbildung für junge Geflüchtete

Mit "Work First" in eine neue Zukunft

Vor drei Jahren ist Hanan Makhoul aus Syriens Hauptstadt Damaskus nach Deutschland geflüchtet. Jetzt macht die 33-jährige Lehrerin eine Ausbildung zur Sozialassistentin. Begleitet wird sie dabei von "Work First" der Diakonie Michaelshoven. Ein Projekt für geflüchtete Frauen, das vom Arbeitslosenfonds der rheinischen Kirche und Diakonie RWL gefördert wird.

  • Hanan Makhoul

In Syrien führte Hanan ein gutes Leben. Die junge Syrerin hatte in Damaskus Geschichte studiert und als Lehrerin gearbeitet. Sie lebte mit ihrer Familie, hatte viele Freunde. Als der Krieg im Land ausbrach, musste Hanan flüchten – und ihr glückliches Leben hinter sich lassen. In Deutschland angekommen, folgte erstmal Ernüchterung.

Vier Monate lebten Hanan und ihre Schwester in einer Turnhalle in Olpe. Das bedeutete nicht nur, mit hunderten anderen Menschen auf engstem Raum zusammenzuleben, sondern  auch zu warten. Statt direkt loszulegen mit dem Deutschlernen, sich eine Arbeit und deutsche Freunde zu suchen, mussten Hanan und ihre Schwester in der Flüchtlingsunterkunft ausharren. "Es war schrecklich am Anfang und ich war oft traurig. Aber ich habe nicht aufgegeben und bin nach Rückschlägen immer wieder aufgestanden", sagt sie.

Schultafel

Schul- und Studienabschlüsse von Flüchtlingen werden in Deutschland oft nicht anerkannt.  (Foto: Gerd Altmann/pixabay)

Ausbildung statt Studium

Hanans Hoffnung, dass ihre akademische Ausbildung in Deutschland anerkannt wird, erfüllte sich nicht. Obwohl sie sämtliche Zeugnisse aus Syrien vorweisen konnte, wurde sie auf das Level eines Realschulabschlusses eingestuft. Eine herbe Enttäuschung, aber Hanan blieb trotz allem zuversichtlich und suchte andere Möglichkeiten.  "Ich wollte gerne im sozialen Bereich arbeiten und eine Ausbildung machen", erzählt die Syrerin. "Aber ich wusste nicht, wie ich an eine Ausbildung kommen sollte. Ich hatte keine Kontakte und keine Ahnung."

Regelmäßig besuchte sie Deutschkurse, eignete sich ein gutes Sprachniveau an, um möglichst schnell einen Arbeitsplatz zu finden. Sie machte ein Praktikum als Buchhändlerin, jobbte in einem Imbiss, um mehr Kontakt zu Deutschen zu haben und die Sprache besser zu lernen.

Portrait

 Ina Heythausen begleitet für die Diakonie RWL Arbeitsmarkt-Projekte wie "Work First".

"Es war nur ein Tipp"

Eine Bekannte beim Jobcenter Köln war es dann, die ihr den entscheidenden Tipp gab, sich beim Projekt "Work First" vorzustellen. Finanziert wird das dreijährige Gemeinschaftsprojekt der Diakonie Michaelshoven, des diakonischen Beschäftigungsträgers  "Zug um Zug" und Jobcenters Köln mit Mitteln des Arbeitslosenfonds der rheinischen Kirche. "Work First ermöglicht eine sehr individuelle - an den Fragen und Wünschen der Frauen orientierte – Beratung", erklärt Ina Heythausen, die bei der Diakonie RWL für Beschäftigungsprojekte zuständig ist. "Das begünstigt den Weg der Frauen in den Arbeitsmarkt."

Sabine Quiter von der Diakonie Michaelshoven ist Jobcoach bei Work First und kümmerte sich um Hanans Anliegen, eine Ausbildung im sozialen Bereich zu machen. Aber erstmal war es ein steiniger Weg. Vier Monate dauerte es, bis sie Hanan vermitteln konnte. "Ich hatte zunächst viele Absagen bekommen. Im Berufskolleg der Diakonie Michaelshoven fragte ich schließlich nach einem Ausbildungsplatz als Sozialassistentin", erzählt sie. Hanan erhielt endlich eine Zusage. Mit ihrer fröhlichen, positiven Art konnte sie direkt überzeugen.

Hanan Makhoul mit Jobcoach Sabine Quiter von der Diakonie Michaelshoven

Jobcoach Sabine Quiter (l.) begleitet die Teilnehmerinnen auf ihrem Weg in Ausbildung und Arbeit.

Passgenau und individuell

Work First ist im September 2018 gestartet. Bisher sind 25 Frauen in die Beratung aufgenommen worden, elf von ihnen konnten bereits in Arbeit vermittelt werden. Das besondere an Work First sind die niedrigschwelligen Zugangsvorausetzungen. "Viele Frauen bringen gar keine Arbeitserfahrung mit", sagt Kirsten Schröer-Jacobs, Koordinatorin beim diakonischen Beschäftigungsträger "Zug um Zug". "Wir  finden dann gemeinsam heraus, was ihnen zusagen könnte und in welchem Umfang die Stelle sein soll." Viele könnten nicht mehr als 15  Stunden pro Woche arbeiten, da ihre Kinder dann nicht versorgt seien.  

Innerhalb von drei Monaten sollen die Frauen in Arbeit vermittelt werden. Weitere Qualifikationen erfolgen dann während der Beschäftigung. "Eine Teilnehmerin wurde erst in Deutschland alphabetisiert. Wir konnten sie in ein Praktikum in der Altenpflege vermitteln, das jetzt auch verlängert wurde. Wenn es auf Dauer zwischen ihr und dem Arbeitgeber passt, hat sie dort Chancen auf einen Ausbildungsplatz", erzählt Sabine Quiter.

Altenpflege ist ein Beruf mit Zukunft.  Auch der diakonische Beschäftigungsträger GESA in Wuppertal vermittelt erfolgreich junge Flüchtlinge in die Pflege.

Einstieg in eine neue Zukunft

Bisher wurden Frauen in die Altenpflege, Reinigung oder den Service in Hotels oder Fastfood-Restaurants vermittelt. "Hinzu kommt Hanan als Sozialassistentin und eine Teilnehmerin, die wir als Arzthelferin vermitteln konnten", erzählt Kirsten Schröer-Jacobs. Durch den Einstieg in die Arbeitswelt werden den Frauen weitere Türen geöffnet. "Sie müssen ja nicht für immer in diesen Berufen bleiben. Allein die Referenz kann ihnen zu anderen Jobs verhelfen."  Nach Beginn einer Arbeitsaufnahme werden die Frauen noch neun weitere Monate von Work First betreut.

Hanan hat ihre Ausbildung im September begonnen. Sie dauert zweieinhalb Jahre und besteht hauptsächlich aus einem schulischen Teil und einem Praktikum. Mittlerweile hat sie auch eine eigene Wohnung in Köln-Kalk. Endlich ist die Zeit in Turnhallen und anderen Flüchtlingsunterkünften vorbei. Endlich sei sie in Deutschland angekommen, betont sie erleichtert.

Text: Pia Kramer, Fotos: Jana Stein/ Diakonie Michaelshoven

Ihr/e Ansprechpartner/in
Ina Heythausen

Arbeit und Beschäftigung, Jugendsozialarbeit

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