24. Mai 2019

Ausbildung für junge Geflüchtete

Mit Bildungscoaching in den Job

Ob Pflege oder Handwerk – In Deutschland werden händeringend Fachkräfte gesucht. Das ist auch eine Chance für junge Flüchtlinge. Doch die Hürden, sprachlich, kulturell und fachlich eine Ausbildung zu schaffen, sind hoch. Projekte wie "BiJu" des Wuppertaler Bildungs- und Beschäftigungsträgers GESA helfen ihnen beim schwierigen Weg in den Job. Mit Erfolg.

Oumar mit dem stellvertretenden Pflegedirektor des Wuppertaler Petrus-Krankenhauses, Mario Löblein

Vor vier Jahren ist Oumar mit der Hoffnung auf ein besseres Leben aus Guinea nach Deutschland geflüchtet. Ein besseres Leben – das hieß für ihn auch, in seinem Traumberuf  arbeiten zu können. "Schon als ich klein war, wollte ich im medizinischen Bereich studieren", erzählt er. "In Guinea ist die medizinische Versorgung sehr schlecht und auch meine Mutter war häufig krank. Ich wollte schon immer anderen Menschen helfen, sie unterstützen."

Auf dem Weg in seinen Traumberuf ist Oumar jetzt einen großen Schritt weitergekommen. Seit sieben Monaten macht der 20-jährige Flüchtling eine Ausbildung zum Krankenpfleger im Wuppertaler Petrus-Krankenhaus. Die Probezeit hat er erfolgreich absolviert. Die größten Schwierigkeiten, so berichtet er, habe er mit medizinischen Fachbegriffen gehabt. In seiner Freizeit hat er deshalb jede Menge You-Tube-Videos angeschaut. Sie halfen ihm, Ausbildungsinhalte besser zu verstehen.

Besonders wichtig aber war für Oumar, mit seinen vielen Fragen zur deutschen Sprache, Kultur und Bürokratie nicht alleine zu sein. Ein Bildungscoach des Wuppertaler Bildungs- und Beschäftigungsträgers GESA steht ihm zur Seite.

Portrait

Maria Giesemann leitet das Projekt "BiJu" der GESA

Mut, an sich selbst zu glauben

Seit Februar 2017 führt die GESA das Projekt "Bildungscoaching für Jugendliche mit Fluchthintergrund" (BiJu) im Auftrag des Jugendamtes der Stadt Wuppertal durch. Es bietet unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen Unterstützung bei der beruflichen Orientierung und auf dem Weg in eine Schul- und Berufsausbildung. Ein einmaliges Projekt, das es nach Ansicht der GESA und der beteiligten Wuppertaler Unternehmen auch in anderen Städten geben sollte.

Bislang haben 82 Jugendliche von BiJu profitiert. Ihnen konnten über 60 Praktika in 50 Unternehmen in und um Wuppertal vermittelt werden, die sich an dem Projekt beteiligen. Aktuell werden 60 junge Erwachsene betreut. Die Vermittlungsquote in Ausbildung oder eine Einstiegsqualifizierung liegt derzeit bei rund 24 Prozent. "Wir schauen uns die Situation der Jugendlichen genau an und achten besonders auf ihre Stärken und Ressourcen und geben ihnen Mut, an sich zu glauben", sagt Maria Giesemann, Fachbereichsleitung bei der GESA und verantwortlich für das Projekt.

Hauseingang

Offene Türen für junge Flüchtlinge auf Jobsuche - die GESA in Wuppertal

In der Gesellschaft angekommen

Die fünf Bildungscoaches treffen die Jugendlichen regelmäßig und unterstützen sie über mehrere Jahre in ihrem Integrationsprozess. Dazu gehört, dass sie gemeinsam mit ihnen Interessen und Fähigkeiten ermitteln, den Jugendlichen verschiedene Berufe und ihre Anforderungen näherbringen, Bewerbungstrainings machen und ihnen bei der Suche nach Praktika und Lehrstellen helfen. Wenn ein Ausbildungsplatz gefunden ist, begleiten sie die jungen Flüchtlinge weiter zu wichtigen Terminen, etwa mit der Ausländerbehörde oder dem Jobcenter.

Seit er im Petrus-Krankenhaus arbeitet, hat Oumar das Gefühl, nicht nur in der Arbeitswelt der Pflege, sondern auch in der deutschen Gesellschaft angekommen zu sein. "Meine Aufgabe besitzt ein hohes Arbeitstempo. Auch an die Arbeit im Schichtwechsel muss man sich gewöhnen", erzählt er. "Deshalb gehe ich zum Entspannen mit meinen Kollegen ins Kino, treffe mich mit Freunden, koche gerne."

Portrait

René Füllbier, Fertigungsleiter der Wuppertaler Firma FREUND, freut sich über die Untertützung durch BiJu.

BiJu stabilisiert die Ausbildung

Auch Mario Löblein, stellvertretender Pflegedirektor, honoriert die Integrationsbemühungen seines Pflegeazubis aus Guinea. "Oumar erbringt eine beachtliche Leistung und stellt sich einer großen Herausforderung", sagt er. "Diesen Mut sollte man hervorheben – vor allem mit Blick auf die anfänglichen Sprachschwierigkeiten." Entscheidend für diese positive Entwicklung sei das BiJu-Projekt, das Jugendliche nicht nur in eine Ausbildung hineinvermittle, sondern auch eine darüber hinaus gehende Betreuung biete. "Das stabilisiert und sichert das Ausbildungsverhältnis."

Ähnlich sieht es René Füllbier, Fertigungsleiter bei FREUND, einem großen Wuppertaler Werkzeughersteller. Er ist Mentor von Mohammad, einem 19-jährigen Flüchtling aus Afghanistan, der ebenfalls im Projekt BiJu begleitet wird. Nach einem Schülerpraktikum macht Mohammad dort nun eine Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenführer. "Er war der Motor, der sich von Anfang an in unsere Firma eingebracht hat – wir boten nur Hilfestellungen", betont Füllbier.  

Portrait

Mohammad aus Afghanistan hat die erste wichtige Zwischenprüfung zum Maschinenführer bestanden. Jetzt hofft er, dass er in Deutschland bleiben kann.

Problem des Aufenthaltsstatus

Inzwischen hat Mohammad seine erste wichtige Zwischenprüfung der überbetrieblichen Ausbildung mit der Note 3 abgeschlossen. Eine große Leistung, da Mohammad erst vor vier Jahren aus Afghanistan nach Deutschland geflüchtet ist. Er sei froh, dass die Firma ihm so viel Vertrauen entgegenbringe, sagt er. Nun hofft Mohammad genau wie Oumar auf eine dauerhafte Bleibeperspektive.

Allein der demografische Wandel erfordere es, jungen Flüchtlingen eine Chance auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu geben, ist Kerstin Happ von der Personalabteilung bei FREUND überzeugt. "Der Mensch ist entscheidend, man muss Chancen geben", betont sie. Projekte wie BiJu gewinnen deshalb zunehmend an Bedeutung. "Die geflüchteten Jugendlichen treffen auf eine vollkommen neue Arbeitswelt, da das deutsche duale System in der Welt einzigartig ist. Deshalb ist eine Nachbetreuung in den ersten Monaten nach Ausbildungsbeginn essentiell."

Text und Fotos: Moritz Rosenthal

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke

Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit

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