9. Februar 2018

Aus für Produktionsschulen

"Schwierige Jugendliche bleiben auf der Strecke"

Keine Ausbildung, kein Schulabschluss, kein Bock – Jedes Jobcenter hat Jugendliche, die als schwer vermittelbar gelten. In Produktionsschulen werden sie für Schule und Ausbildung fit gemacht. Doch die Landesregierung will das erfolgreiche Programm im Sommer auflösen. Die Sozialverbände in NRW halten das für fatal.

Tischlermeister Frank Zielauf und Pädagogin Lene Peitzner mit einer Feuerschale, die Jugendliche unter ihrer Anleitung gefertigt haben

Wer glaubt, alte Waschmaschinentrommeln sind nur für die Müllkippe gut, der irrt sich. In der Produktionsschule des Wuppertaler Sozialunternehmens GESA machen Jugendliche daraus Leuchttische, Feuerschalen oder Kratzbäume für Katzen. Und zwar nicht nur zu Übungszwecken. Die originellen Uypcycling-Stücke verkaufen sich gut. Dass sie mit ihren Händen etwas schaffen können, das andere Menschen begeistert, erleben viele der jungen Leute hier zum ersten Mal.

Die 14 Jugendlichen zwischen 18 und 25 Jahren, die seit 2015 jährlich in der Produktionsschule für den Ausbildungsmarkt fit gemacht werden, gelten bei den Jobcentern als "schwer vermittelbar". Sie kommen aus schwierigen Familienverhältnissen und haben Schule oder Ausbildung abgebrochen. Durch den Spaß am Handwerk wecken Tischlermeister Frank Zielauf und Diplompädagogin Lene Peitzner bei ihnen den Ehrgeiz, den Schulabschluss nachzuholen, sich um eine Lehrstelle zu bemühen oder mit einer berufsvorbereitenden Maßnahme weiterzumachen. "Das Programm ist ein Erfolgsmodell", meint Matthias Jacobstroer, GESA-Geschäftsleiter für Personal, Finanzen und Recht.

Plakat der Produktionsschule

Mut - so lautet das Motto der Produktionsschule, die jetzt einem Werkstattjahr weichen soll

Sparen mit einem "Werkstattjahr neu"

Doch schon drei Jahre, nachdem die NRW-Landesregierung es gestartet hat, soll es wieder eingestellt werden. Die neue Landesregierung möchte das Programm durch das "Werkstattjahr neu" ersetzen. Statt 2.800 Plätze für schwer vermittelbare Jugendliche soll es dann nur noch 1.600 Plätze geben – und das Alter der Jugendlichen soll auf maximal 18 Jahre beschränkt sein. So will Arbeits- und Sozialminister Karl-Josef Laumann sechs Millionen Euro pro Jahr einsparen. Die Sozialverbände in NRW und ihre Beschäftigungsträger sind entsetzt.

"Hier wird an der falschen Stelle gespart", warnt Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann, der seit Januar neuer Vorsitzender der Freien Wohlfahrtspflege NRW ist. "Perspektivlose Jugendliche und Schulverweigerer sind die Langzeitarbeitslosen von morgen. Es kann daher nicht im Sinne des Sozialministers sein, bewährte präventive Angebote zu streichen." Er appelliert daher an den CDU-Politiker, für die Gruppe der älteren jugendlichen Arbeitslosen weiterhin produktionsorientierte, niederschwellige Maßnahmen anzubieten.

Jugendliche der low tec-Produktionsschule  bauen Aluprofile für Photovoltaikanlagen (Foto: low tec)

90 Prozent schaffen Schulabschluss

"Mit dem Programm erreichen wir überwiegend Jugendliche zwischen 19 und 25 Jahren", erklärt Josef Macherey, Geschäftsführer der low tec in Düren bei Aachen. Die diakonische Beschäftigungsgesellschaft betreut jedes Jahr 100 Teilnehmer in ihrer Produktionsschule. Das gemeinsame handwerkliche Arbeiten, vor allem mit Holz und Textilien, und der Unterricht in kleinen Lerngruppen führen zum Erfolg. 90 Prozent der Teilnehmer ohne Schulabschluss gelingt es, ihren Abschluss nachzuholen. Fast alle Jugendlichen machen nach dem Jahr in der Produktionsschule weiter – entweder mit Schule, Ausbildung oder berufsvorbereitenden Maßnahmen.

Das Erfolgsrezept des Programms sieht Macherey vor allem in der engmaschigen Begleitung der Jugendlichen. Die Betreuer holen sie zu Beginn der Maßnahme sogar - wenn notwendig - von zuhause ab, damit sie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit lernen. Wenn die Jugendlichen schon Kinder haben, kümmern sie sich um einen Kita-Platz. Sie helfen beim Lernen und nehmen den Jugendlichen die Angst vor der Prüfung.

Portrait

Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann bietet Mitarbeit der Freien Wohlfahrtspflege an

Erfolgsmodell aus Skandinavien

Ein ähnliches Programm wie die Produktionsschule gibt es in NRW sonst nicht. Die Idee stammt aus den skandinavischen Ländern. Dort ist das pädagogische Konzept der Produktionsschule seit Jahren erfolgreich. Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann fordert, dass ein derart niedrigschwelliges Angebot auch für Jugendliche über 18 Jahren erhalten bleibt. Die Fachleute der Freien Wohlfahrtspflege seien gerne bereit, an Konzepten dafür mitzuarbeiten, bietet er der Landesregierung an.

Josef Macherey befürchtet, dass das geplante Werkstattjahr für die Jugendlichen, die aktuell die Produktionsschule besuchen, nicht geeignet ist. Es soll zu einem großen Teil als Praktikum bei Unternehmen absolviert werden. "Für Jugendliche, die dazu in der Lage sind, haben wir bereits Angebote, die von der Bundesagentur für Arbeit finanziert werden", sagt der Geschäftsführer. Es müsse aber auch ein Programm für diejenigen geben, die im ersten Schritt auf eine gute pädagogische Betreuung angewiesen seien. "Diese jungen Menschen brauchen unsere Unterstützung. Sonst sind sie bis zur Rente langzeitarbeitslos", warnt der Geschäftsführer.

Text und Fotos: Sabine Damaschke, Teaserfoto:  low tec

Ihr/e Ansprechpartner/in
Ina Heythausen
Arbeitsmarktpolitik und Beschäftigungsförderung, Jugendsozialarbeit
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