29. September 2020

Arbeitslosenreport NRW

Die großen Verlierer der Corona-Krise

Wer heute arbeitslos wird, hat schlechte Karten: 2,9 Millionen Arbeitslosen stehen knapp 600.000 offene Stellen gegenüber. Besonders schwierig wird es für diejenigen, die schon vor der Pandemie keinen Job hatten. Ihre Chancen, sich zu qualifizieren, wurden massiv eingeschränkt. Das belegt der aktuelle Arbeitslosenreport der Freien Wohlfahrtspflege NRW.

  • Schlange stehen beim Jobcenter in der Corona-Pandemie (Foto: Shutterstock)
  • Ein Ausflug mit dem Fahrrad: Mitarbeitende der NEUE ARBEIT Essen fahren Seniorinnen und Senioren in Rikschas spazieren. (Foto: NEUE ARBEIT Essen)
  • Oldtimerwerkstatt der Beschäftigungsgesellschaft NEUE ARBEIT der Diakonie Essen
  • Fahrradwerkstatt der Beschäftigungsgesellschaft NEUE ARBEIT der Diakonie Essen
  • Großküche der Beschäftigungsgesellschaft NEUE ARBEIT der Diakonie Essen
  • Diakonieladen der Beschäftigungsgesellschaft NEUE ARBEIT der Diakonie Essen
  • Möbel aus der Kreativwerkstatt der Beschäftigungsgesellschaft NEUE ARBEIT der Diakonie Essen

Bei der Beschäftigungsgesellschaft NEUE ARBEIT der Diakonie Essen zeigt sich die Vielfalt des Arbeitsmarktes im Kleinen: In rund 30 Berufsfeldern können sich hier Menschen qualifizieren, die oftmals seit vielen Jahren arbeitslos sind. Von der Fahrrad- und Oldtimerwerkstatt über die Großküche, Wäscherei, Näherei und Kreativholzwerkstatt bis zum Landschaftsbau und Stadtteilservice reichen die sogenannten Zweckbetriebe. Hier werden die Menschen in verschiedenen Beschäftigung schaffenden Maßnahmen wieder fit für den Arbeitsmarkt gemacht.

"Während des Lockdowns im März und April stand bei uns alles still. Inzwischen arbeiten die Betriebe wieder, aber gut ein Fünftel der Maßnahmen sind nicht besetzt", erzählt Geschäftsführer Michael Stelzner. "Vielen Menschen ist noch immer die Rückkehr oder der Neuzugang in eine Qualifizierung versperrt, obwohl der Lockdown längst aufgehoben ist." 

Jobcenter müssen aktiver werden

Für die Freie Wohlfahrtspflege NRW sind die knapp 290.000 Langzeitarbeitslosen in NRW die großen Verlierer der Krise. Das bestätigt auch ihr aktueller Arbeitslosenreport. Danach nahmen im August 2020 nur etwa halb so viele Menschen eine Tätigkeit in einer Beschäftigung schaffenden Maßnahme in NRW auf wie im Vorjahr. Einen wesentlichen Grund sieht der Vorsitzende Frank Johannes Hensel in den eingeschränkten Beratungs- und Vermittlungsaktivitäten der Jobcenter.

Man müsse leider feststellen, dass mancherorts die Erreichbarkeit der Mitarbeitenden zu wünschen übrig lasse, kritisiert er. "Die Erfahrungen aus dem Lockdown zeigen die Bedeutung persönlicher Beratungskontakte und die Grenzen telefonischer Gesprächsformate", so Hensel weiter. Es sei an der Zeit, trotz der Einschränkungen durch den Gesundheitsschutz wieder mehr Fördermaßnahmen zu ermöglichen und Arbeitssuchende zu aktivieren und zu qualifizieren.

Michael Stelzner, Geschäftsführer der NEUE ARBEIT der Diakonie Essen

Michael Stelzner ist Geschäftsführer der NEUE ARBEIT Essen und Vorsitzender des evangelischen Fachverbands für berufliche und soziale Integration in der Diakonie RWL, der 108 diakonische Träger vertritt.

Sinnstiftende Arbeit erleben

Michael Stelzner fürchtet, dass die Langzeitarbeitslosen angesichts einer steigenden Zahl von Menschen, die ihren Job aufgrund der Corona-Krise verlieren, bei den Jobcentern aus dem Blick geraten. "Dabei sind die Maßnahmen gerade für sie unglaublich wichtig. Denn viele haben mit der sinnstiftenden Arbeit, die sie bei uns erleben, wieder eine Perspektive für ihr Leben bekommen", erzählt der Geschäftsführer. "Als wir alle im März nach Hause schicken mussten, war das für viele ein Schock."

Die Mitarbeitenden hielten während der Beschäftigungsverbote im Lockdown Kontakt zu den Teilnehmenden der Maßnahmen. Sie ermutigten sie, jetzt nicht aufzugeben und zu Hause weiter zu lernen. Die Teilnehmenden wurden in der Krisenzeit weiterhin telefonisch oder per Mail beraten. "So konnten wir den sozialen, finanziellen oder psychischen Problemlagen durch fehlende Arbeit oder auch fehlende Kinderbetreuung, die sich in der Krise verstärkt haben, entgegenwirken."

Im Dschungel der Finanzierung

Um die Voraussetzungen für eine Rückkehr unter Abstands- und Hygienebedingungen zu schaffen, mietete die diakonische Beschäftigungsgesellschaft weitere Räumlichkeiten in Essen an, strukturierte die Arbeit in den Werkstätten neu, organisierte Masken und Desinfektionsmittel. "Das war ein echter Kraftakt, der uns viel Geld gekostet hat, gleichzeitig haben wir Verlust gemacht, weil wir einige unserer Zweckbetriebe vorübergehend schließen mussten", berichtet Stelzner.

Die Lücken in der Finanzierung spürt der Geschäftsführer bis heute, denn die Beschäftigungsgesellschaften konnten nicht unter die gleichen Rettungsschirme schlüpfen wie normale Betriebe. "Wir rutschen fast überall durch", bedauert Stelzner, "weil wir mit unseren Beschäftigung schaffenden Maßnahmen, öffentlich geförderten Arbeitsplätzen und Zweckbetrieben ein Gemischtwarenladen sind."

Gemüse schnippeln in der Großküche der NEUE ARBEIT der Diakonie Essen

In der Großküche wird viel von Hand gemacht, um möglichst viele einfache Tätigkeiten zu schaffen.

Jede Tätigkeit zählt

Aber die NEUE ARBEIT ist eben auch ein "Laden", in dem jede noch so einfache Tätigkeit zählt. "In unseren Betrieben bieten wir viele leichte Arbeiten an, damit möglichst viele langzeitarbeitslose Menschen schrittweise an den Arbeitsmarkt herangeführt werden können", erklärt Stelzner. "So gibt es in unserer Großküche, in der wir täglich 3.000 Essen für Schul-und Kitakinder zubereiten, keine Kartoffelschälmaschinen. Aber wenn diejenigen, die diese einfachen Arbeiten tun, fehlen, haben alle ein Problem."

Stelzner hofft nun, dass die Zuweisungen der Jobcenter in die Maßnahmen wieder zunehmen. Gleichzeitig wünscht er sich, dass es auch für die Beschäftigungsgesellschaften und ihre wichtige soziale Arbeit einen Rettungsschirm gibt. "Sozial- wie arbeitsmarktpolitisch werden wir dringend gebraucht", ist der Geschäftsführer überzeugt und warnt: "Wenn diese Krise dazu führt, dass weniger Menschen von Fördermaßnahmen profitieren, werden die Beschäftigungsgesellschaften sich verkleinern müssen. Und damit verlieren mehr Menschen die Chance auf eine sinnstiftende Arbeit und gesellschaftliche Teilhabe."

Text: Sabine Damaschke, Fotos: NEUE ARBEIT der Diakonie Essen, Teaserfoto Job-Center: Shutterstock

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Zander

Arbeit und Beschäftigung, Jugendberufshilfe

Weitere Informationen
Bewerten Sie diesen Artikel
Durchschnittliche Bewertung: 5 (5 Stimmen)

Die NEUE ARBEIT der Diakonie Essen gGmbH wurde 1979 gegründet und ist Mitglied im Evangelischen Fachverband für berufliche und soziale Integration der Diakonie RWL. Jährlich begleitet, berät und qualifiziert sie rund 1.800 Menschen, die aus verschiedenen Gründen Schwierigkeiten haben, einen Job zu finden. Die NEUE ARBEIT hat rund 250 festangestellte Mitarbeitende sowie 160 Mitarbeitende, die im Rahmen einer öffentlich geförderten Beschäftigung sozialversicherungspflichtig angestellt sind.