17. Dezember 2019

Arbeitslosenreport NRW

Arm trotz Arbeit

Weihnachtsschmuck, Tannenbaum und Geschenke gehören für die meisten Menschen in Deutschland zu einem schönen Weihnachtsfest. Doch wer von Hartz IV lebt oder zu den sogenannten "working poor" gehört, kann sich das kaum leisten. In Nordrhein-Westfalen gibt es immer mehr Erwerbsfähige, deren Lohn nicht zum Leben reicht. Das zeigt der aktuelle Arbeitslosenreport der Freien Wohlfahrtspflege NRW.

  • Kinderhand mit Stern aus Lebkuchen

Kurz vor Weihnachten wird es ruhiger in der Erwerbslosenberatung der Evangelischen Stiftung Maßarbeit in Herford. Aber trotzdem wird es für Sozialarbeiter Frank Riedel noch einmal anstrengend. Denn dann kommen die verzweifelten Menschen. All jene, die nicht wissen, ob sie für ihre Kinder wenigstens ein kleines Geschenk besorgen können oder überhaupt genug zu essen haben. „Diesen Menschen geben wir Naturalienkörbe oder Einkaufsgutscheine“, erzählt der 56-jährige Sozialarbeiter, der seit 1995 in der Erwerbslosenberatung arbeitet.

Portrait

Erfahrener Erwerbslosenberater aus Herford: Frank Riedel (Foto: privat)

Schon in den Wochen vorher versucht Frank Riedel, "die schlimmsten Löcher zu stopfen, damit Weihnachten stattfinden kann". Er hilft bei der Beantragung von Geldern, prüft Bescheide des Jobcenters und bittet die Sachbearbeiter, ausstehende Nachzahlungen noch vor den Feiertagen vorzunehmen. "Für Erwerbslose und diejenigen, die so wenig verdienen, dass sie aufstocken müssen, gibt es kein Weihnachtsgeld", sagt er. "Dabei wäre es gerade für sie wichtig, sich wenigstens eine Kleinigkeit schenken und ein schönes Fest feiern zu können." Bis 2005 gab es in der Sozialhilfe eine Weihnachtsbeihilfe. Doch mit der Einführung von Hartz IV wurde sie gestrichen.

Geschenkübergabe

Teure Geschenke, Weihnachtsschmuck und Tannenbaum - Das können sich viele Haushalte in NRW nicht leisten.

Armut in NRW nimmt zu

Immer mehr Menschen in Nordrhein-Westfalen sind so arm, dass das Weihnachtsfest für sie zum Luxus wird. Im einwohnerstärksten Bundesland steht 762.000 Erwerbstätigen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Bevölkerung zur Verfügung. Derzeit sind das unter 1.035 Euro netto im Monat. Vor zehn Jahren gab es noch 568.000 Erwerbstätige, die von Armut bedroht waren – deutlich weniger Menschen als im Bundesdurchschnitt. Heute liegt die Armutsgefährdungsquote mit 8,7 Prozent in NRW über dem bundesweiten Wert von 7,7 Prozent. Darauf macht der aktuelle Arbeitslosenreport der Freien Wohlfahrtspflege NRW aufmerksam.

"Wir brauchen neue Strategien zur Überwindung von Armut", fordert Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann, der auch Vorsitzender der Freien Wohlfahrtspflege NRW ist. "Menschen dürfen im Jobcenter nicht länger zu einer möglichst raschen Arbeitsaufnahme in einen schlecht bezahlten Job gedrängt werden", so Heine-Göttelmann. "Gefordert sind vielmehr individuelle Begleitung und längerfristige Qualifizierungsangebote, die arbeitslosen Menschen tatsächlich einen Ausstieg aus prekärer Beschäftigung im Niedriglohnsektor und einen Einstieg in besser bezahlte Jobs ermöglichen."

Friseurin beim Haareschneiden

Jede vierte Frau in NRW, die vollzeit arbeitet, erhält nur einen Niedriglohn. Das trifft auch auf viele Friseurinnen zu.

Vollzeit arbeiten und "aufstocken"

Besonders erschreckend ist nach Ansicht der Freien Wohlfahrtspflege NRW, dass 17 Prozent der Vollzeitbeschäftigten (knapp 772.000 Menschen) im einwohnerstärksten Bundesland nur einen Niedriglohn erhalten. Unter den Frauen ist davon sogar jede vierte betroffen.

Bei über 30.000 Menschen, die in Nordrhein-Westfalen in Vollzeitjobs arbeiten, ist das Einkommen sogar so niedrig, dass es nicht einmal zur Sicherung des Existenzminimums reicht. Sie sind als sogenannte "Aufstocker" auf ergänzende Hartz-IV-Leistungen angewiesen. Hinzu kommen weitere rund 85.000 "Aufstocker", die in Teilzeit arbeiten. Die größte Gruppe unter ihnen sind knapp 104.000 Minijobber, die nicht mehr als 450 Euro im Monat verdienen. Sie verfügen meist nur über eine mangelhafte soziale Absicherung.

Männer am Grill

Auf Abruf arbeiten - In der Gastronomie ist das häufiger der Fall, wie Frak Riedel beobachtet.

Ungeregelte Jobs kontra geregelte Bürokratie

Besonders problematisch wird es, wenn selbst dieses wenige Geld nicht regelmäßig auf dem Konto erscheint. "Zu mir kommen Menschen in die Beratung, die auf Abruf im Logistikgewerbe oder der Gastronomie arbeiten und nie wissen, wann und wie oft sie eingesetzt werden und wie viel Geld sie monatlich verdienen werden", erzählt Sozialarbeiter Frank Riedel.

Ein Problem, denn ihr Einkommen wird auf den Cent genau mit erhaltenen Leistungen verrechnet. Verdienstnachweise müssen vorgelegt, Aufwendungen wie die Fahrten zur Arbeit nachgewiesen werden. Dann folgen neue Änderungs-Bescheide und unter Umständen Erstattungsbescheide. Muss Geld zurückgezahlt werden, bringt das Familien schnell an den Rand der finanziellen Möglichkeiten.

Viel Bürokratie, die die betroffenen Menschen, aber auch die Mitarbeitenden im Jobcenter überfordert. Und die ihre Ursache in einer verfehlten Arbeitsmarktpolitik hat, wie Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann betont. "Es ist ein Skandal, dass so viele erwerbstätige Menschen auf ergänzende Hilfe zum Lebensunterhalt für sich oder ihre Familien angewiesen sind", sagt er. "Hier betreiben Unternehmen Niedriglohnpolitik auf dem Rücken ihrer Beschäftigten und zudem auf Kosten der Allgemeinheit, konkret des Steuerzahlers. Da muss der Staat unbedingt gegensteuern."

Text: Sabine Damaschke; Fotos: pixabay

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Zander

Arbeit und Beschäftigung, Jugendberufshilfe

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