17. September 2019

Arbeitslosenreport NRW

Einmal Hartz IV, immer Hartz IV?

Nur einer Minderheit gelingt der Ausstieg aus Hartz IV und eine Rückkehr ins normale Berufsleben. Dies zeigt der aktuelle Arbeitslosenreport der Freien Wohlfahrtspflege NRW. Nur knapp zwei Prozent der 1,16 Millionen erwerbsfähigen Hartz-IV-Empfänger schaffen es pro Monat, einen sozialversicherungspflichtigen Job zu bekommen. Die Hälfte kann davon aber nicht leben.

  • Wirtschaftsstandort Aachen

Ein großer Süßwarenhersteller, eine weltberühmte technologische Universität, viel Mittelstand und digitale Start-Ups  – an Arbeitsplätzen mangelt es in der Region Aachen nicht. Facharbeiter werden von vielen Firmen händeringend gesucht. Dennoch gibt es in der wirtschaftlich boomenden Region eine Arbeitslosenquote von knapp sieben Prozent. "Wer unqualifiziert ist, kann zwar eine sozialversicherungspflichtige Stelle finden, aber nur im Helferbereich und selten dauerhaft", sagt Michael Omsels, stellvertretender Standortleiter der diakonischen Beschäftigungsgesellschaft low-tec in Aachen.

Wie schwer es für Langzeitarbeitslose ist, der Armutsfalle zu entkommen, zeigt der aktuelle Arbeitslosenreport. Im vergangenen Jahr gab es monatlich nur knapp 20.000 Integrationen in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Nicht einmal in jedem zweiten Fall führte sie zu einem Ende des Hartz IV-Bezugs. Die Zahlen für die Aachener Region bestätigen den Trend. Hier gab es im Dezember 2018 rund 36.000 erwerbsfähige Hartz-IV-Bezieher und nur 549 Integrationen.

Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann

Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann sorgt sich besonders um junge Hartz-IV-Bezieher. (Foto: Diakonie RWL)

Arm trotz Arbeit

"Es kann nicht sein, dass Menschen, die in Vollzeit arbeiten, weiterhin auf staatliche Leistungen angewiesen sind", kritisiert Christian Heine-Göttelmann, Vorstand der Diakonie RWL und Vorsitzender der Freien Wohlfahrtspflege NRW. Zudem befinden sich viele spätestens nach einem Jahr wieder in Hartz IV. Laut Arbeitslosenreport waren weniger als zwei Drittel von den über 16.000 Hartz-IV-Empfängern, die die Jobcenter im Dezember 2017 in sozialversicherungspflichtige Jobs vermittelt hatten, auch noch im Dezember 2018 beschäftigt.

Mehr als jedes vierte sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnis endete bereits innerhalb der ersten drei Monate nach der Integration. "Es genügt nicht, Menschen kurzfristig in Arbeit zu bringen", betont Christian Heine-Göttelmann. "Sie müssen dauerhaft in Arbeit bleiben, denn nur so wird sich auch ihre soziale Situation langfristig stabilisieren. Um die Chance auf nachhaltige Beschäftigung zu erhöhen, sollten Arbeitsplätze und Arbeitslose gut zueinander passen."

Schulungsraum der low-tec für Teilnehmende der Teilqualifikation "Fachkraft Metalltechnik"

Schulungsraum der low-tec für Teilnehmende der Teilqualifikation "Fachkraft Metalltechnik"

Besser vermitteln, länger fördern

Viel zu oft werden Arbeitslose in Jobs gedrängt, die nicht ihren persönlichen Fähigkeiten und Interessen entsprechen, beobachten die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege. "Die Betroffenen müssen mehr als bisher aktiv in den Vermittlungsprozess einbezogen werden", fordert Heine-Göttelmann. "Die Jobcenter sollten sie dabei unterstützen, ihre gesamte berufliche und persönliche Situation realistisch einzuschätzen und individuelle Lösungswege zu finden." Auch nach der Aufnahme einer Beschäftigung brauchen sie nach Ansicht des Vorsitzenden noch aktive Unterstützung und fachliche Beratung.

Genau hier setzt die low-tec, die im Raum Aachen vor allem Qualifizierungen für arbeitslose Menschen anbietet, mit neuen Programmen an. Wer in einem Helferjob arbeitet, soll dort weitergebildet werden, um später als Fachkraft arbeiten zu können. "Für viele Teilnehmende sind Helferjobs erstmal attraktiver, obwohl sie wissen, dass eine abgeschlossene Ausbildung langfristig vor Arbeitslosigkeit schützt", beobachtet Michael Omsels. "Es dauert einfach lange, Schul- und Berufsabschlüsse nachzuholen", beobachtet Michael Omsels. Die Statistik gibt ihm recht: In NRW lag die Arbeitslosenquote von Menschen ohne Berufsabschluss 2018 bei 21,9 Prozent, bei denjenigen mit abgeschlossener Berufsausbildung dagegen nur bei 3,4 Prozent.

Michael Omsels, stellvertretender Standortleiter der Beschäftigungsgesellschaft low-tec in Aachen

Michael Omsels, stellvertretender Standortleiter der Beschäftigungsgesellschaft low-tec in Aachen

Vom Helferjob zur Fachkraftstelle

Eine gute Möglichkeit, Fachkraft zu werden besteht für Omsels in betrieblichen Einzelumschulungen. Die Städteregion Aachen sei hier führend, erklärt er. Im Rahmen eines Modellprojekts hat die low-tec mit dem Jobcenter ein Verfahren entwickelt, wie Langzeitarbeitslose vorbereitet und begleitet werden können, damit sie die Umschulung schaffen.

Auch Teilqualifizierungen sind laut Omsels ein guter Weg, in Betrieben auf besser bezahlte Jobs zu kommen und dort länger zu bleiben. Dabei wird eine duale Ausbildung in sechs bis sieben Module aufgeteilt. Wer alle absolviert, kann bei der Kammer eine Externenprüfung ablegen. Wer nur einzelne Module wählt, hat zwar keinen formalen Abschluss, doch das reicht manchen Betrieben durchaus als Qualifizierung. Die Ausbildung ist zeitlich überschaubar und kann auch mal unterbrochen werden, um Geld in Helferjobs verdienen.

Einweisung in einen Faserlaser bei der low-tec Aachen

Einführung in die Bedienung eines Faserlasers - der Weg zur Fachkraft ist oft lang und mühsam.

Ausbau des Teilhabechancengesetzes

Kreativität ist also gefragt, um aus Langzeitarbeitslosen Fachkräfte zu machen. Doch die werden so dringend gebraucht, dass sich immer mehr Unternehmen auf neue Programme und eine Zusammenarbeit mit erfahrenen Qualifizierungsgesellschaften wie der Low Tec einlassen. Dennoch gibt es auch jene Langzeitarbeitslosen, die es – etwa aufgrund gesundheitlicher Probleme – noch nicht einmal in Helferjobs schaffen.

"Auch sie haben ein Recht auf Arbeit, denn das gibt ihnen Perspektive und Würde", betont Christian Heine-Göttelmann. Der Vorstand der Diakonie RWL und Vorsitzende der Freien Wohlfahrtspflege NRW drängt deshalb darauf, den sozialen Arbeitsmarkt im Rahmen des neuen Teilhabechancengesetzes auszubauen. "Wir brauchen in begründeten Fällen auch die Möglichkeit, öffentlich geförderte Beschäftigung zu entfristen."

Text: Sabine Damaschke, Fotos: Margit Steinbach/low-tec

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Zander

Arbeit und Beschäftigung

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