19. März 2019

Arbeitslosenreport NRW

Mehr Jobchancen für Hauptschüler

Früher waren Hauptschüler die klassischen Kandidaten für eine Lehrstelle im Handwerk. Heute schafft nicht einmal jeder zweite von ihnen den direkten Übergang in eine Ausbildung. Dabei suchen Betriebe händeringend Fachkräfte. Wie der neue Arbeitslosenreport der Freien Wohlfahrtspflege NRW zeigt, fanden im vergangenen Ausbildungsjahr rund 22.000 Bewerber nicht die gewünschte Lehrstelle, während knapp 10.000 Plätze unbesetzt blieben.

Azubi mit Pinsel

Maler und Lackierer - früher ein typischer Job für Hauptschüler. Heute haben viele Probleme, eine Lehrstelle zu bekommen.

"Mach dir nicht zu viele Hoffnungen für deine Zukunft!", "So kann nichts aus dir werden", "Bald bist du sowieso arbeitslos" - Was Jugendliche mit Hauptschulabschluss zu hören bekommen, wenn sie sich bewerben, ist alles anderes als ermutigend. In der Tat haben sie es auf dem Ausbildungsmarkt besonders schwer.

Nicht einmal jeder zweite schafft den direkten Übergang in eine Lehre. In Nordrhein-Westfalen blieben laut Arbeitslosenreport NRW mehr als 7.000 Bewerber zum Stichtag 30. September 2018 gänzlich unversorgt. Weitere 15.000 Bewerber befanden sich im Übergang und nahmen beispielsweise an berufsqualifizierenden Maßnahmen teil. Gleichzeitig blieben knapp 10.000 Ausbildungsplätze unbesetzt.

"Jugendliche stehen heute unter einem wahnsinnigen Druck, wenn sie zu uns kommen", beobachtet Christian Klöpper von der Evangelischen Jugendhilfe Schweicheln. Er arbeitet dort als Bereichsleiter in der Beruflichen Integration in Hiddenhausen im Kreis Herford. Klöpper hat es mit all jenen zu tun, die nach der Schule erstmal in ausbildungsvorbereitenden und –begleitenden Maßnahmen landen. Über 250 Jugendliche und junge Erwachsene betreut die Jugendhilfe Schweicheln jedes Jahr in ihren berufspädagogischen Projekten.

Portrait

Christian Klöpper von der Ev. Jugendhilfe Schweicheln beobachtet, dass viele Jugendliche massive Zukunftsängste haben.

Sorgenvoller Blick in die Zukunft

"Die Frage nach ihrer beruflichen Zukunft belastet die Jugendlichen enorm", sagt Klöpper. Sie wollten den Einstieg in die Berufswelt schaffen, seien aber nach zahllosen erfolglosen Bewerbungsgesprächen und all den Vorurteilen, mit denen Betriebe und ihr soziales Umfeld ihnen begegneten, sehr entmutigt.

"Nach unserer Erfahrung können sie es mit unserer Unterstützung aber durchaus schaffen, in Ausbildung und Arbeit zu kommen." Die Jugendhilfe Schweicheln - ein Mitglied der Diakonie RWL - nimmt die Stärken der Jugendlichen in den Blick und hilft ihnen dabei, sich nicht nur auf einen Beruf zu fokussieren, sondern mehrere Alternativen zu finden, in denen sie ihre Interessen und Begabungen einbringen können. "Viele blühen bei uns richtig auf."

Gleichzeitig werben die Mitarbeitenden bei den Betrieben der Region dafür, auch Jugendliche mit Haupt-, Förderschul- oder keinem Abschluss eine Chance zu geben. Das grundsätzliche Problem, vor dem die Jugendlichen stehen, ist allerdings die geringe Ausbildungsbereitschaft vieler Betriebe. In Nordrhein-Westfalen bildet nur knapp ein Viertel aller Unternehmen aus.

Portrait

Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann appelliert an die gesellschaftliche Verantwortung der Betriebe.  Hier ist er zu Besuch in der Fahrradwerkstatt der Neuen Arbeit Essen. (Foto: Sabine Damaschke)

Zu wenige Betriebe bilden aus

"Die Betriebe haben eine gesellschaftliche Verantwortung, einen solidarischen Beitrag zur Sicherung der Zukunft junger Menschen zu leisten", mahnt Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann, der auch Vorsitzender der Freien Wohlfahrtspflege NRW ist, im neuen Arbeitslosenreport. Die Forschung zeige, dass gescheiterte Jugendliche mit großer Wahrscheinlichkeit auch in höherem Alter von Arbeitslosigkeit betroffen sind.

In NRW lag die Arbeitslosenquote von Menschen ohne Berufsabschluss 2018 bei 21,9 Prozent, bei denjenigen mit abgeschlossener Berufsausbildung dagegen nur bei 3,4 Prozent. "Es birgt sozialen Sprengstoff, wenn Unternehmen sich über Fachkräftemangel beschweren, sich aber von Hauptschülern abwenden", sagt Heine-Göttelmann.

Er appelliert an die Betriebe, sich für diese Jugendlichen zu öffnen. "Der Staat bietet Betrieben die nötige Unterstützung an. Es gibt keine Ausreden mehr für mangelnde Ausbildungsbereitschaft."

Jugendlicher mit Anleiterin im Gartenbau

Bei der "Assistierten Ausbildung" unterstützt ein Ausbildungscoach die Azubis.

Staatliche Unterstützung für Betriebe

So werden Jugendliche im Rahmen der "Assistierten Ausbildung" von einem Ausbildungscoach der Jugendhilfe Schweicheln während der Ausbildung begleitet und unterstützt, wenn sie in Berufsschulfächern Probleme haben.

Wenn es Schwierigkeiten am Ausbildungsplatz gibt, führt der Coach Gespräche mit den Mitarbeitenden des Betriebs und den Jugendlichen. Zehn junge Menschen befinden sich aktuell in diesem Programm. Im Juli 2018 ist die Jugendhilfe Schweicheln mit 36 Plätzen in das neue vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales ins Leben gerufene "Ausbildungsprogramm NRW" eingestiegen.

Finanziert über Mittel des Europäischen Sozialfonds wurde es in Regionen mit einem zu geringen Ausbildungsangebot gestartet. Eine, wie Christian Klöpper betont, "sportliche Leistung".

Meister und Lehrling in der Metallwerkstatt

Mit dem "Ausbildungsprogramm NRW" sind im Kreis Herford neue Lehrstellen entstanden.

NRW beteiligt sich an Kosten der Ausbildung

Schließlich mussten dafür innerhalb weniger Monate Betriebe gefunden werden, die zusätzliche Lehrstellen für Jugendliche einrichteten. "Das haben wir geschafft", sagt der Bereichsleiter stolz.

Mittelständische Betriebe waren im Kreis Herford bereit, weitere Lehrstellen vom Industriemechaniker bis zur Einzelhandelskauffrau zu schaffen. Dafür erhalten sie je Ausbildungsplatz monatlich 400 Euro zur Ausbildungsvergütung vom Land.

Und wenn Jugendliche trotzdem nicht den Ausbildungsberuf finden, der zu ihnen passt? "Der Anspruch in unserer Gesellschaft, direkt den Beruf fürs Leben zu finden, ist viel zu hoch", sagt Christian Klöpper und erzählt dann gerne seine Geschichte. Statt in seinen Traumjob als Radio- und Fernsehtechniker zu gehen, machte er nach dem Hauptschulabschluss eine Ausbildung zum Zerspannungsmechaniker, studierte später an der Fachhochschule Soziale Arbeit und ist jetzt als Bereichsleiter tätig. "In allen Jugendlichen steckt Potenzial. Deshalb hat jeder eine Chance verdient."

Text: Sabine Damaschke, Fotos: Evangelische Jugendhilfe Schweicheln

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Zander

Arbeit und Beschäftigung

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