11. Dezember 2018

Arbeitslosenreport NRW

Ältere Arbeitslose nicht aufs Abstellgleis schieben

Die Bevölkerung wird immer älter und es fehlen Fachkräfte. Doch wer sich mit 55 Jahren neu bewerben muss, findet nur schwer einen Job. Das zeigt der aktuelle Arbeitslosenreport der Freien Wohlfahrtspflege NRW. Der diakonische Beschäftigungsträger "Zug um Zug" in Köln hofft, dass sich die Situation für ältere Arbeitslose mit dem Teilhabechancengesetz bessert.

Blick in die Nähwerkstatt

In der Textilwerkstatt von "Zug um Zug", einem Mitglied der Diakonie RWL, arbeiten viele ältere Frauen. Sie wollen dort bleiben und hoffen jetzt auf das "Teilhabechancengesetz".

"Wie sieht es aus, Herr Schmitz? Können wir hier weiter arbeiten?" Wenn der Geschäftsführer des Kölner Beschäftigungsträgers "Zug um Zug e.V.", Martin Schmitz, die Mitarbeiterinnen der Textilwerkstatt besucht, schauen ihn alle erwartungsvoll an. Viele Frauen sind Anfang sechzig, haben jahrelang nach einem Job gesucht und ihn bei dem diakonischen Träger gefunden.

Auch in den nächsten Jahren möchten sie noch Vorhänge für Kölner Schulen nähen, denn sie identifizieren sich mit ihrer Arbeit und haben nette Kolleginnen. Doch ihre sozialversicherungspflichtige Beschäftigung ist auf zwei Jahre befristet. Sie wird im Rahmen des Programms "Soziale Teilhabe" von der Bundesagentur für Arbeit bis Ende des Jahres gefördert.

Geschäftsführer Dr. Martin Schmitz  hofft auf mehr Beschäftigungsmöglichkeit älterer Erwerbsloser durch das Teilhabechancengesetz.

Geförderte Jobs als Chance

Martin Schmitz hofft nun auf das Teilhabechancengesetz, das noch im Dezember endgültig im Bundestag verabschiedet werden soll. Es ermöglicht Unternehmen und Wohlfahrtsverbänden wie der Diakonie mit ihren Beschäftigungsträgern, Menschen, die seit mindestens sechs Jahren arbeitslos sind, mit staatlicher Förderung für fünf Jahre sozialversicherungspflichtig anzustellen.

"Für viele ist das die einzig realistische Chance auf einen Job", sagt Schmitz. Ungefähr 30 Prozent der rund 3.000 Menschen, die "Zug um Zug" jährlich für den Arbeitsmarkt fit macht, vermittelt oder selbst in Beschäftigungsprogrammen betreut, sind über 55 Jahre alt. Trotz Fachkräftemangel haben es viele schwer, einen neuen Job zu finden. Und das, obwohl die Erwerbstätigenquote selbst in der Altersgruppe der 60- bis 64-Jährigen in den letzten 18 Jahren von 20 auf 58 Prozent gestiegen ist.

Wer seine Arbeitsstelle verliert, findet selten eine neue sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Denn mit zunehmendem Alter steigt das Risiko des Hartz IV-Bezugs, wie der neue Arbeitslosenreport der Freien Wohlfahrtspflege NRW belegt.

Portrait

Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann will mehr geförderte Jobs für Langzeitarbeitslose. 

Statistische Mogeleien

In NRW sind vier von fünf Hartz IV-Empfängern ab 55 Jahren seit mindestens zwei Jahren auf diese staatliche Unterstützung angewiesen, zwei von drei sogar seit über vier Jahren. 44.000 Hartz IV-Bezieher, die das 58. Lebensjahr vollendet haben, fehlen in der Statistik der Arbeitslosen komplett, da sie aufgrund einer Sonderregelung nicht mehr erfasst werden.

"Selbst in diesem Alter haben die allermeisten Menschen noch fast zehn Berufsjahre bis zum Erreichen der gesetzlichen Altersgrenze vor sich. Es ist unwürdig, ihnen keine Chance mehr auf einen Job zu geben", kritisiert Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann, der auch Vorsitzender der Freien Wohlfahrtspflege NRW ist. "Wir müssen alles daran setzen, ihnen so lange wie möglich den Zugang zu sinnstiftender, guter Arbeit offenzuhalten."

Martin Schmitz wirbt bei Unternehmen für die Beschäftigung älterer Erwerbsloser.

Klinkenputzen bei Unternehmen

Genau darum bemüht sich Martin Schmitz  seit dreißig Jahren. Regelmäßig wirbt er bei Betrieben in seiner Region dafür, auch älteren Erwerbslosen eine Chance zu geben. Neben veralteten beruflichen Qualifikationen fürchteten Arbeitgeber vor allem gesundheitliche Probleme, erzählt Schmitz.

"Dabei machen viele Firmen durchaus die Erfahrung, dass ältere Arbeitnehmer noch sehr leistungsfähig sind", so der Geschäftsführer. "Auch der aktuelle Druck, Mitarbeiter zu finden, befördert die Öffnung für ältere Erwerbslose." Von denen haben nicht wenige tatsächlich gesundheitliche Schwierigkeiten, die oft auf ihre prekäre Lebenssituation und frustrierende Erfahrungen bei der Jobsuche zurückzuführen sind.

Frauen mit Walkingstöcken im Park

Nordic-Walking-Gruppe der "Zug um Zug"-Gesundheitsberatung

Arbeitslose "in Bewegung bringen"

"Zug um Zug" bietet deshalb neben Bewerbungstrainings und beruflichen Qualifizierungen auch Gesundheitsberatung an. Dazu gehören nicht nur Kursangebote zur Ernährung und Rückenschulungen durch Sporttherapeuten, sondern auch ein gemeinsames Nordic-Walking-Training. "Wir versuchen die Menschen wieder in Bewegung zu bringen", betont Schmitz. "Das gibt dann oft den Anreiz, sich mehr zuzutrauen und mit neuem Schwung erfolgreich zu bewerben."

Das Coaching, die Gesundheitsangebote und die Weiterbildungs- und Beschäftigungsmaßnahmen motivieren und stärken viele Teilnehmende. Das beobachten der Geschäftsführer und seine rund 140 Mitarbeitenden immer wieder. Die Freie Wohlfahrtspflege NRW wünscht sich daher mehr solcher Beratungs- und Förderangebote für ältere Arbeitslose.

Verzweifelter Mann auf einer Parkbank

Schon wieder raus aus dem Job - das Ende der geförderten Beschäftigung kurz vor der Rente ist oft besonders tragisch. (Foto: pixabay)

Würdevoll in Rente gehen

Rund 41 Prozent der älteren Hartz IV-Bezieher, die an Fördermaßnahmen teilnehmen, sind laut Arbeitslosenreport NRW in Arbeitsgelegenheiten oder geförderten sozialversicherungspflichtigen Stellen beschäftigt. Doch nach Beendigung dieser befristeten Maßnahmen rutschen viele wieder in die Arbeitslosigkeit.

Davor haben die älteren Näherinnen große Angst. "Es ist schlimm, plötzlich wieder zuhause sitzen zu müssen", weiß Schmitz. Die Freie Wohlfahrtspflege NRW fordert daher, in besonderen Härtefällen den betroffenen Menschen auf Wunsch eine entfristete Fortsetzung ihrer öffentlich geförderten Beschäftigung bis zum Erreichen der gesetzlichen Regelaltersgrenze zu ermöglichen.

"Auch diese Menschen haben ein Recht darauf, eines Tages aus der Arbeit und nicht aus der Arbeitslosigkeit in Rente zu gehen", erklärt Christian Heine-Göttelmann.

Text: Sabine Damaschke, Fotos: Zug um Zug e.V.

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Sabine Zander
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