19. Juni 2018

Arbeitslosenreport NRW

Qualifiziert, aber arbeitslos – Zu wenig Jobs für Menschen mit Behinderung

Knapp 60 Prozent der rund 47.000 schwerbehinderten Arbeitslosen in NRW sind hoch qualifiziert. Das belegt der neue Arbeitslosenreport der Freien Wohlfahrtspflege NRW. Trotz Fachkräftemangel zahlen viele Arbeitgeber lieber eine Ausgleichsabgabe als Jobs zu schaffen. Das Diakoniewerk Duisburg stellt gehörlose Mitarbeitende ein und bildet sie aus. Die Erfahrungen sind durchweg positiv.

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Ein gutes Team: Mona Kistner und Daniel Klever

Ein gehörloser Mitarbeiter auf der Baustelle, wo Pflastersteine gelegt und Bäume geschnitten werden? Mona Kistner, Meisterin im Garten- und Landschaftsbau beim Diakoniewerk Duisburg war skeptisch, als sich Daniel Klever vor sechs Jahren in ihrer Abteilung beworben hatte. "Bei uns geht vieles auf Zuruf", erzählt die 31-jährige Vorarbeiterin. "Daher hatte unser Team Bedenken, ob das passt."

Heute ist Daniel Klever selbst Vorarbeiter, und im Team möchte keiner mehr auf ihn verzichten. Mona Kistner arbeitet so gut mit dem 42-jährigen gehörlosen Gärtner zusammen, dass sie inzwischen die Gebährdensprache von ihm gelernt hat. "Unser Team ist aufmerksamer und konzentrierter", sagt sie. "Wir rufen uns nicht mehr hinterher, sondern gehen zu einander, wenn wir etwas absprechen möchten." Alle achteten nun stärker aufeinander. "Wir haben von Daniel gelernt, genauer hinzuschauen und merken jetzt schneller, wenn einer von uns Probleme hat."  

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Daniel Klever bildet inzwischen mit Mona Kistner Azubi Leon Schauhoff und Praktikant Marvin Sorge aus.

Keine Chance trotz Qualifizierung

Dass er als Fachkraft in seinem Traumjob arbeiten kann, betrachtet Daniel Klever als Glücksfall. Jahrelang war er entweder arbeitslos oder hatte Gelegenheitsjobs. So wie ihm geht es vielen Menschen mit Behinderung in Nordrhein-Westfalen. Rund 47.000 Menschen werden bei den Jobcentern als sogenannte "erwerbsfähige Schwerbehinderte" geführt. Sie können mindestens drei Stunden täglich auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt erwerbstätig sein und müssen daher nicht in einer Behindertenwerkstatt arbeiten. 

Knapp 60 Prozent von ihnen sind sogar hoch qualifiziert, wie der aktuelle Arbeitslosenreport der Freien Wohlfahrtspflege NRW jetzt feststellt. Sie könnten für komplexere Tätigkeiten als Fachkraft, Spezialist oder Experte eingestellt werden. Doch insbesondere die Privatwirtschaft gibt ihnen diese Chance nicht und zahlt lieber eine Ausgleichsabgabe. Ab einer Größe von 20 Arbeitsplätzen sind private und öffentliche Arbeitgeber in Deutschland verpflichtet, wenigstens fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze mit schwerbehinderten Menschen zu besetzen.

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Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann wirbt für mehr Pflichtarbeitsplätze

Genug Hilfen für bürokratischen Aufwand

Der aktuelle Arbeitslosenreport der Freien Wohlfahrtspflege NRW zeigt, dass private Arbeitgeber 2016 mehr als ein Viertel dieser sogenannten Pflichtarbeitsplätze unbesetzt ließen. Von insgesamt 204.000 Pflichtarbeitsplätzen blieben 54.000 Stellen offen. Im öffentlichen Sektor mit knapp 59.000 Pflichtarbeitsplätzen dagegen lag der Anteil der unbesetzten Stellen mit 4,5 Prozent relativ niedrig.

"Einerseits klagt die Wirtschaft darüber, nicht genug qualifizierte Fachkräfte auf dem Bewerbermarkt zu finden, andererseits nutzen vor allem private Unternehmen das Potenzial von Menschen mit Behinderungen nicht", kritisiert Christian Heine-Göttelmann, Vorstand der Diakonie RWL und Vorsitzender der Freien Wohlfahrtspflege NRW. Das Argument vieler Arbeitgeber, die Einstellung von Menschen mit Behinderung erfordere zu viel bürokratischen Aufwand, lässt er nicht gelten. "Unternehmen, die schwerbehinderte Menschen einstellen, stehen diverse Förder- und Unterstützungsangebote der Bundesagentur für Arbeit, Kammern oder auch Integrationsämter zur Verfügung", betont Heine-Göttelmann.

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Birgit Lühmann leitet die Ausbildung für Hörgeschädigte beim Diakoniewerk Duisburg.

Positive Erfahrungen mit Praktikanten

Das Diakoniewerk Duisburg kennt sich mit all diesen Unterstützungsangeboten bestens aus. Das sei natürlich ein Vorteil für die Einstellung von Daniel Klever gewesen, erklärt Birgit Lühmann, pädagogische Leiterin im Fachbereich Arbeit und Ausbildung. Hier werden unter der Anleitung des 28-köpigen Teams, zu dem Daniel Klever nun gehört, Langzeitarbeitslose, aber auch Menschen mit Behinderung qualifiziert und ausgebildet. Es gibt insgesamt 93 Plätze für Auszubildende mit Beeinträchtigungen, 45 davon im Garten- und Landschaftsbau.

Seit 2015 bildet das Diakoniewerk auch Hörgeschädigte im Garten- und Landschaftsbau aus. Und das hat entscheidend mit Daniel Klever zu tun, der als Trainer einer gehörlosen Fußballmannschaft viel Kontakt zu jungen Leuten hat. Er brachte einige als Praktikanten mit. "Unsere positiven Erfahrungen mit diesen engagierten und freundlichen Jugendlichen haben dazu geführt, dass wir nun auch Hörgeschädigte ausbilden", sagt Birgit Lühmann.

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Azubi Leon Schauhoff weiß inzwischen, wie er professionell eine Hecke schneidet.

Selbstbewusst in inklusiven Teams

Leon Schauhoff macht seit einem Jahr eine Lehre im Garten- und Landschaftsbau des Diakoniewerks Duisburg. Der 21-jährige Azubi ist hörgeschädigt. Er spricht langsam und braucht den Blickkontakt, um gegebenenfalls von den Lippen ablesen zu können. "Mir ist es wichtig, eine Ausbildung zu machen, in der ich mit nicht-gehörlosen Menschen zusammenarbeite", sagt er. "Manchmal habe ich aufgrund meines Handicaps Probleme, mich durchzusetzen, aber das kann ich hier gut lernen."

Dieses Selbstbewusstsein wird Leon Schauhoff brauchen, wenn er sich in zwei Jahren auf einen Pflichtarbeitsplatz bewirbt. Birgit Lühmann ist zuversichtlich, dass der Azubis eine Stelle bekommt, denn rund 80 Prozent ihrer Azubis mit Handicap gelingt das. Entscheidend sind nach ihrer Erfahrung die Praktika, die die Jugendlichen während der Ausbildung in verschiedenen Firmen machen - und der Fachkräftemangel.

"Auf Dauer können es sich Arbeitgeber nicht leisten, dieses Potenzial an gut ausgebildeten und engagierten Menschen zu ignorieren", ist Birgit Lühmann überzeugt. "Wer sich wie wir darauf einlässt, sie einzustellen, merkt: Sie sind Gewinn für das Unternehmen."

Text und Fotos: Sabine Damaschke

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Sabine Damaschke
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