13. März 2018

Arbeitslosenreport NRW

Mit Weiterbildung gegen den Fachkräftemangel

Je besser qualifiziert Arbeitslose sind, umso leichter finden sie zurück auf den Arbeitsmarkt. Doch wer Hartz IV bezieht, profitiert kaum von beruflichen Weiterbildungsangeboten. Das belegt der aktuelle Arbeitslosenreport der Freien Wohlfahrtspflege NRW. Dabei bringen viele die Bereitschaft und das Potenzial für Qualifizierungen mit, weiß Hedel Wenner vom Kölner Arbeitslosenzentrum, einem Mitglied der Diakonie RWL.

Portrait

Hedel Wenner in ihrem Beratungsbüro im Kölner Arbeitslosenzentrum (Foto: privat)

Wer Hedel Wenner fragt, was sie an ihrem Job als Geschäftsführerin des Kölner Arbeitslosenzentrums mag, erhält eine schlichte Antwort: "Ich finde es unheimlich spannend, mit so vielen verschiedenen Menschen zu arbeiten." Rund 1.500 Beratungen bietet sie jährlich mit ihrem kleinen Team an. Unter den Ratsuchenden sind viele Hartz IV-Empfänger – und die entsprechen laut Hedel Wenner mitnichten dem stereotypen Bild, das oft in den Medien von ihnen gezeichnet wird. "Viele haben gebrochene Berufsbiografien und nicht die Qualifikationen, die heute auf dem Arbeitsmarkt verlangt werden", sagt die Sozialarbeiterin. "Doch 97 Prozent von ihnen wollen arbeiten."

Die meisten ihrer Klientinnen und Klienten hätten Ressourcen für qualifizierte Tätigkeiten, ist Hedel Wenner überzeugt. "Wenn sie entsprechende Aus- und Weiterbildungen bekommen würden." In Köln liegt die Arbeitslosenquote bei 8, 4 Prozent. 23,2 Prozent der Arbeitslosen haben keine abgeschlossene Berufsausbildung. Doch darunter sind viele Menschen mit abgebrochenem Studium, Selbstständige oder auch Frauen mittleren Alters, die ihre Ausbildung nicht zu Ende gemacht haben und nach der Scheidung plötzlich für sich und ihre Kinder sorgen müssen.

Zwei Männer in blauen Kitteln vor einem Elektronikbord

Begehrt, aber für Hartz IV-Empfänger schwer zu bekommen: Weiterbildung zum Mechatroniker (Foto: Holger Becker/pixelio.de)

Vermittlung statt Bildung im Fokus

Rund 70 Prozent der arbeitslosen Hartz IV-Empfänger können keine betriebliche oder schulische Ausbildung vorweisen, wie der aktuelle Arbeitslosenreport der Freien Wohlfahrtspflege NRW jetzt belegt. Dennoch werden ihnen überwiegend Bewerbungstrainings oder andere sogenannte "aktivierende Maßnahmen" angeboten.

Nur jede sechszehnte Fördermaßnahme im Hartz IV-System entfiel 2017 auf Maßnahmen zur Berufswahl, Berufsbildung oder beruflichen Weiterbildung."Obwohl die Jobcenter stets betonen, dass sie die Arbeitslosen als Kunden sehen und ressourcenorientiert arbeiten, hat die schnelle Vermittlung in Arbeit immer noch Vorrang vor Bildung", kritisiert Hedel Wenner.

Zwar gehört zur Eingliederungsvereinbarung auch eine Potenzialanalyse. Doch Antworten auf die Frage, welche Talente und Wünsche der jeweilige Arbeitslose mitbringe, welcher Job daher zu ihm passen könnte, werde in nur einem Gespräch gesucht, erklärt die Sozialarbeiterin. Im Kölner Arbeitslosenzentrum vereinbart die Sozialarbeiterin dafür mindestens vier bis fünf Termine.

Beratungssituation

Gute Beratung braucht Zeit (Foto: Freie Wohlfahrtspflege NRW)

Bewerbungstrainings, prekäre Jobs und viel Frust

"Eine Potenzialanalyse braucht Zeit, die die Mitarbeitenden in den Jobcentern nicht haben oder sich nicht nehmen", sagt Hedel Wenner. Mit dem Ergebnis, dass die meisten arbeitslosen Hartz IV-Empfänger zu Bewerbungstrainings gedrängt werden und sich auf Jobs bewerben müssen, in denen die Chancen auf Beschäftigung zwar gut sind, die aber weder eine längerfristige Perspektive bieten noch zu den Bewerbern passen. "Nicht jeder ist im Callcenter, Reinigungsgewerbe oder in der Betreuung demenzkranker Menschen in der Altenpflege gut aufgehoben", sagt Hedel Wenner. Wer einen Job bei einer Zeitarbeitsfirma finde, bleibe dort zudem selten "haften".

Die Sozialarbeiterin erlebt in der Beratung viele Arbeitslose, die sich jahrelang von Bewerbungstraining zu Bewerbungstraining und von einem Job zum nächsten hangeln, ohne jemals die Perspektive auf eine qualifizierte Tätigkeit zu haben. "Das frustriert alle, denn so wird nur wertvolle Lebenszeit vergeudet." Andererseits klagen immer mehr Arbeitgeber darüber, Stellen nicht besetzen zu können. So ergab jüngst eine Umfrage der Industrie- und Handelskammer Köln, dass mehr als jede zweite der 2.700 befragten Firmen besorgt ist über einen drohenden Fachkräftemangel.

Portrait

Christian Heine-Göttelmann, Vorsitzender der Freien Wohlfahrtspflege NRW, fordert mehr Umschulungen für Hartz IV-Empfänger

"Weder gerecht noch vernünftig"

"Genau dort, wo die Not der Menschen und die Potentiale zur Fachkräfteentwicklung besonders groß sind, wird am wenigsten investiert", kritisiert Christian Heine-Göttelmann, Diakonie RWL-Vorstand und Vorsitzender der Freien Wohlfahrtspflege NRW. "Das widerstrebt nicht nur jedem natürlichen Gerechtigkeitsempfinden, sondern auch der Vernunft."

Für viele Arbeitslose, aber auch etliche prekär beschäftigte Menschen – darunter viele Migrantinnen und Migranten sowie Geflüchtete  - kann nach Ansicht der Wohlfahrtsverbände eine nachholende Berufsausbildung oder abschlussbezogene Weiterbildung ein wichtiger Baustein zu Integration und Teilhabe sein. Die Freie Wohlfahrtspflege NRW fordert die Bundesagentur für Arbeit und Jobcenter daher auf, mehr anschlussfähige zwei- und dreijährige Ausbildungsgänge, geförderte Umschulungen, Teilzeitausbildungen sowie Vorbereitungskurse auf die Externenprüfung anzubieten.

Tafel mit Begriffen zur Weiterbildung

Mehr Lohn,  bessere Aussichten auf Karriere: Weiterbildung lohnt sich (Foto: Julien Christ/pixelio.de)

Hartnäckigkeit gewinnt

Bislang müssen arbeitslose Frauen und Männer, die Hartz IV erhalten, sehr hartnäckig sein, wenn sie berufliche Weiterbildungsangebote bekommen wollen. Hedel Wenner stärkt ihnen dabei den Rücken. "Ich empfehle jedem, der weiß, was er machen möchte, Anträge zu stellen und auch Widerspruch gegen ablehnende Bescheide einzulegen." Doch das kann lange dauern, oft bis zu zwei Jahre.

"Eine Frau mit zwei Kindern, die Meisterin in der Glasherstellung in München gewesen war und nach ihrer Scheidung in den Hartz IV-Bezug rutschte, musste sich ihre Weiterbildung zur Erzieherin vor Gericht erstreiten", erzählt die Sozialarbeiterin. In Köln und Umgebung gab es keinen Markt für ihre berufliche Profession. Dafür hätte sie wieder nach München umziehen müssen, was sie wegen der Kinder und dem Kontakt zum Kindesvater laut Hedel Wenner aber nicht wollte. "Sie hat die Ausbildung gemacht und ist jetzt sehr glücklich damit."

Text: Sabine Damaschke

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