11. Dezember 2017

Arbeitslosenreport NRW

Armutsrisiko Alleinerziehend

Noch immer sind Frauen auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt. Viele bekommen nicht nur weniger Gehalt als ihre Kollegen. Sie haben auch häufiger Jobs, von denen sie nicht leben können. Besonders schwierig ist die Situation alleinerziehender Frauen, wie der aktuelle Arbeitlosenreport der Freien Wohlfahrtspflege NRW jetzt zeigt. Familienfreundliche Arbeitszeitmodelle fehlen in allen Branchen, insbesondere wenn es um Ausbildung und Qualifizierung geht.

Zwei Frauen am Tresen im Café

In der Hauswirtschaft der NEUE ARBEIT Essen arbeiten viele alleinerziehende Mütter

Für Gerda-Maria Kleinekorte ist die Situation alleinerziehender Mütter in Deutschland ein Lebensthema, das sie inzwischen mit einem tiefen Seufzer kommentiert. "Jetzt bin ich 58 Jahre alt und habe den Großteil meines Berufslebens dafür gekämpft, dass es diese Gruppe leichter hat auf dem Arbeitsmarkt", sagt die pädagogische Fachkraft des diakonischen Beschäftigungsträgers NEUE ARBEIT Essen der Diakonie Essen.

"Aber noch immer sind wir in Deutschland ziemlich weit entfernt von familienfreundlichen Arbeitszeiten und ausreichenden Betreuungsangeboten." Im Projekt "Kind und Job - Fachzentrum für allein erziehende Erwachsene", eine Maßnahme der GemeinWohlArbeit Essen im Auftrag des Jobcenters, betreut Gerda-Maria Kleinekorte jährlich rund 230 arbeitslose alleinerziehende Frauen. Sie sollen innerhalb von neun Monaten wieder an den Arbeitsmarkt herangeführt werden. In zehn unterschiedlichen Beschäftigungsfeldern, unter anderem im Kreativbereich mit Holzwerkstatt, der Grafik-, Design- und Nähwerkstatt, der Bürokommunikation, im Verkauf in den Diakonieläden, der Fahrradwerkstatt und im Stadtteilservice arbeiten sie 15 bis 20 Stunden pro Woche. 

Blick in eine Großküche

Beliebtes Arbeitsfeld für Mütter: die "Essen für kids" Gemeinschaftsverpflegung

Auf die familiäre Situation nimmt das Projekt Rücksicht. "Die Frauen haben zuhause noch einen anstrengenden Job", betont Kleinekorte. "Wir gestalten die Arbeitszeiten daher so, dass sie ihre Kinder in Ruhe zur Kita und Schule bringen und abholen können und auch ein krankes Kind keine Katastrophe ist." 

Nahezu chancenlos: Ohne Berufsabschluss und alleinerziehend

Die positive Erfahrung, dass sich Kind und Job vereinbaren lassen, stärke und motiviere die meisten Frauen, erzählt die Essener Pädagogin. Mit neuem Schwung bewerben sie sich danach um einen Job, eine berufliche Weiter- oder Ausbildung. Doch dann beginnen die Probleme erneut. Es gibt zu wenig Teilzeitangebote auf dem Arbeitsmarkt und in der Qualifizierung. Außerdem fehlen nach wie vor Betreuungsplätze für die Kinder, insbesondere in den Schulen. Ein Problem, das schon seit Jahren bekannt ist und sich angesichts einer zunehmenden Zahl an Einelternfamilien zuspitzt. 

Frau mit Kind auf dem Arm

Wer alleinerziehend ist und keinen Berufsabschluss vorweisen kann, bleibt oft langzeitarbeitslos (Foto: Souza/pixelio.de)

In Nordrhein-Westfalen, so belegt der aktuelle Arbeitslosenreport der Freien Wohlfahrtspflege NRW, waren im September 2017 über 315.000 Frauen arbeitslos gemeldet. Fast jede Zweite von ihnen war langzeitarbeitslos. Für die meisten Frauen stellen ihre Kinder das Armutsrisiko dar.

Ein großer Teil hat früh Kinder bekommen und deshalb keine abgeschlossene Berufsausbildung vorzuweisen. Ein anderer Teil muss als Alleinerziehende die Betreuung der Kinder sicherstellen. Das erschwert den Zugang zum Arbeitsmarkt.

Weniger Förderung, mehr Armut

Besonders schwierig ist die Situation für Frauen, die alleinerziehend sind und keine Ausbildung abgeschlossen haben. Das trifft auf einen Großteil der Teilnehmerinnen des Projekts "Kind und Job" zu. Die meisten sind zwischen 30 und 40 Jahre alt und haben nur eine geringe oder keine Qualifizierung. Viele seien dankbar dafür, am Projekt teilnehmen zu können, berichtet Gerda-Maria Kleinekorte. Tatsächlich, so zeigt der Arbeitslosenreport, liegt der Frauenanteil an arbeitsmarktpolitischen Fördermaßahmen in NRW bei nur 38 Prozent. Und das obwohl nahezu genauso viele Frauen wie Männer langzeitarbeitslos sind.

Portrait

Diakonie RWL-Referentin Ina Heythausen will mehr vernetzte Hilfen für benachteiligte Jugendliche.

"Es gibt zu wenig Fördermaßnahmen, die die Lebenssituation der Frauen berücksichtigen", kritisiert Ina Heythausen, Diakonie RWL-Referentin für Arbeitsmarktpolitik und Beschäftigungsförderung. "Viele Jobcenter machen Frauen Druck, sich weiterzuqualifizieren, aber wie sollen sie das organisieren, wenn sie alleinerziehend sind und es kaum Teilzeitprojekte gibt?" Jeder Schulabschluss und viele Ausbildungen seien nur in Vollzeit zu absolvieren, selbst wenn dort Fachkräftemangel herrsche. Als Beispiel nennt Heythausen die Ausbildung zur Altenpflegerin, die meist in Vollzeit erfolge und zudem im Schichtdienst stattfinde.

Je geringer qualifiziert, umso mehr Flexibilität gefordert

Überhaupt sind viele Jobs, in denen gering qualifizierte Frauen eine Chance haben, mit sehr flexiblen Arbeitszeiten verbunden. Ob die Verkäuferin, die Köchin, die Angestellte im Kurierdienst oder die Pflegehelferin – Mütter mit kleinen Kindern hätten hier ohne ein stabiles soziales Umfeld kaum eine Chance, sagt Gerda-Maria Kleinekorte. 

Frau an Buchbindemaschine

Bei "Kind und Job" lernen die Teilnehmerinnen das Handwerk das Buchbinderei

Und dort, wo es geregeltere Arbeitszeiten und ein besseres Gehalt gebe wie etwa im männlich dominierten Handwerk, fehle oft die Bereitschaft, sich auf die Bedürfnisse von Müttern einzulassen. "Der Arbeitsbeginn um sieben Uhr morgens ist für Mütter schwierig", beobachtet die Pädagogin. "Aber daran will kaum ein Handwerker rütteln."

Ina Heythausen ärgert es, dass es viele Mütter auf dem Arbeitsmarkt immer noch so schwer haben. "Das Problem wird von Wirtschaft und Politik nicht aktiv angegangen“, kritisiert sie. "Man hofft darauf, dass die Frauen trotz allem eine Lösung finden oder arbeitslos bleiben, bis sich das Betreuungsproblem erledigt hat." Tatsächlich haben nach Gerda-Maria Kleinekortes Erfahrung diejenigen Mütter aus dem Projekt "Kind und Job" die besten Chancen auf einen Arbeitsplatz, deren Kinder älter sind.

Text: Sabine Damaschke, Fotos: NEUE ARBEIT Essen

Ihr/e Ansprechpartner/in
Ina Heythausen
Arbeit und Beschäftigung, Jugendsozialarbeit
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