20. März 2017

Arbeitslosenreport NRW

Zu wenig Arbeitgeber bilden aus

Ein Ausbildungsplatz für jeden Jugendlichen – schön wäre es. Schon seit Jahren ist es schwierig, Arbeitgeber und Jugendliche zusammenzubringen. Das belegt auch der neue Arbeitslosenreport der Freien Wohlfahrtspflege NRW. Danach fehlten im vergangenen Jahr 25.600 Ausbildungsstellen. Andererseits gibt es für manche Jobs keine Bewerber. Diakonie RWL-Arbeitsmarktexpertin Ina Heythausen erklärt, warum das so ist.

Portrait

Ina Heythausen

Die Landesregierung ist stolz darauf, dass sich in NRW die Situation am Ausbildungsmarkt verbessert hat. Die Freie Wohlfahrtspflege legt nun eine Statistik vor, nach der fast 26.000 Stellen fehlen. Wie passt das zusammen?

Die Landesregierung betrachtet bei ihrer Bewertung nur die Relation zwischen der Zahl der Bewerber und den offenen Stellen. Diese Lücke hat sich in den letzten Jahren tatsächlich verkleinert.

Das liegt aber keineswegs daran, dass mehr Arbeitgeber ausbilden oder mehr Jugendliche einen Ausbildungsplatz finden. Wir zählen weniger Bewerber, weil es weniger Jugendliche gibt und mehr von ihnen studieren. Außerdem gibt es starke regionale Unterschiede. Während wir im Münsterland einen fast ausgeglichenen Arbeitsmarkt haben, kamen im Ruhrgebiet auf 38.187 Bewerber nur 25.943 Stellenangebote.

Betrachten wir die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge, zeigt sich ein anderes Bild. Sie ist nirgendwo in Deutschland so stark gesunken wie in NRW. Hier wurden im Jahr 2016 rund 2.000 Verträge weniger registriert als im Vorjahr. Arbeitgeber und Jugendliche zusammenzubringen, ist also schwerer statt leichter geworden.

Woran liegt das?

Von Seiten der Arbeitgeber sind die Ansprüche an Jugendliche gestiegen, was sicher auch mit der komplexeren Arbeitswelt, der Digitalisierung und Globalisierung zu tun hat. Gleichzeitig sind auch die Jugendlichen anspruchsvoller geworden und suchen nach Jobs, die ihnen eine Zukunftsperspektive geben. Wir haben da ein starkes Marktungleichgewicht. Es gibt Berufe etwa im kaufmännischen Bereich, die bei Jugendlichen sehr beliebt sind und in denen es insbesondere für Bewerber mit niedrigeren Schulabschlüssen schwer ist, einen Ausbildungsplatz zu erhalten. Dagegen haben wir aber auch Berufe, die unter starken Besetzungsproblemen leiden.

Schon seit Jahren beschweren sich die Arbeitgeber darüber, dass Jugendliche zu unflexibel sind und nicht in diese Berufe gehen. 2016 fanden sich bundesweit für rund 43.500 Ausbildungsangebote keine Bewerber.

Bei den Berufen mit Besetzungsproblemen handelt es sich oft um typische Ausbildungsstellen für Hauptschüler. Die Zahl der Schulabsolventen mit Hauptschulabschluss ist in den letzten Jahren aber stark gesunken, und das hat die Nachfrage natürlich beeinflusst. Das betrifft insbesondere Jobs in der Gastronomie und im Reinigungsgewerbe. Hier gibt es unattraktive Arbeitszeiten, geringe Verdienst- und Aufstiegsmöglichkeiten. Viele freie Stellen gibt es beispielsweise im Lebensmittelhandwerk. Doch hier müssen sich die Angestellten oft mit Teilzeitstellen oder Minijobs begnügen. Das wissen die Jugendlichen. Da Handwerk und Industrie immer wieder über künftigen Facharbeitermangel klagen, hoffen viele, in der nächsten Bewerbungsrunde Erfolg zu haben und warten lieber ab statt sich für einen prekären Job zu entscheiden.

Mann zeigt jungem Mädchen, wie Autoteil lackiert wird

Im Jugendwerk Köln schult Ausbildungsleiter Frank Hammes (r.) Jugendliche in der Lackiererei (Foto: Jugendwerk Köln)

Was passiert mit Jugendlichen, die auch dann keine Lehrstelle bekommen?

Ohne Berufsabschluss gelingt vielen der Einstieg in den Arbeitsmarkt kaum und wenn, dann ist das Risiko der Arbeitslosigkeit besonders hoch. In NRW haben 68 Prozent der Arbeitslosen unter 25 Jahren keinen Berufsabschluss. Hier sind ausbildungsvorbereitende und auch –begleitende Maßnahmen wie sie unsere Beschäftigungsträger anbieten, dringend notwendig.

Doch das Land finanziert diese Qualifizierungs- und Unterstützungsangebote nicht mehr ausreichend. Wurden 2012 noch knapp 28.000 ausbildungsbegleitende Maßnahmen gefördert, waren es 2015/16 nur noch knapp 18.750. Die Landesregierung und die Bundesagentur für Arbeit haben hier gekürzt, um mehr Geld in präventive Angebote der Berufsberatung und -orientierung an Schulen investieren zu können.

Dazu gehört das Projekt „Kein Abschluss ohne Anschluss“. Es soll Jugendliche darüber informieren, dass es knapp 330 duale Ausbildungen in Handwerk, Industrie und Handel gibt. Ist das der richtige Weg, um die Ausbildungsmisere zu beenden?

Prävention ist wichtig und richtig, ersetzt aber keine nachsorgenden Angebote. Außerdem stand in der Landesinitiative bisher der landesweite Ausbau im Vordergrund. Alle Jugendlichen werden gleich gefördert. Doch gerade die jungen Menschen, die von ihren Eltern keine Unterstützung erhalten und aus prekären sozialen Verhältnissen kommen, brauchen mehr Hilfe beim Übergang in den Beruf - sei es beim Entdecken ihrer Potenziale, beim Bewerbungsschreiben oder der Suche nach Praktika und einer Lehrstelle.

In Deutschland bildet nur noch jedes fünfte Unternehmen aus. Die Freie Wohlfahrtspflege fordert nun in Ihrem Arbeitslosenreport eine Ausbildungsabgabe. Was halten Sie davon?

Im Pflegebereich müssen Einrichtungen, die nicht ausbilden, bereits in einen allgemeinen Fonds einzahlen. Diese Umlage hat die Zahl der Ausbildungen deutlich erhöht. Ich denke, dass eine Ausbildungsabgabe als Intervention wirken könnte, die dazu führt, dass Betriebe ihre Anforderungen an potentielle Auszubildende überprüfen. Außerdem könnten die Mittel genutzt werden, um ausbildungsbegleitende Angebote zu finanzieren.

 Das Gespräch führte Sabine Damaschke.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Ina Heythausen
Arbeitsmarktpolitik und Beschäftigungsförderung, Jugendsozialarbeit
Weitere Informationen
Bewerten Sie diesen Artikel
Durchschnittliche Bewertung: 5 (18 Stimmen)