12. Dezember 2019

40 Jahre Jugendwerk Köln

Lust machen auf Schule und Ausbildung

Kein Bock auf Schule: 52.000 Jugendliche in Deutschland haben 2017 die Schule ohne Abschluss abgebrochen. Das Jugendwerk Köln hält dagegen - mit Förderangeboten für schulmüde Kinder und Jugendliche und unterstützenden Programmen für Geflüchtete. Ein Besuch zum 40-jährigen Jubiläum des freien Trägers der Jugendhilfe.

  • Teamarbeit: Teilnehmende der Programme versuchen gemeinsam Holzklötze aufeinanderzustapeln.
  • Weihnachtsatmosphäre: Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben auf dem Hof einen kleinen Weihnachtsmarkt aufgebaut.
  • Geschäftsführerin Annette Nowinski (links) überreicht Kölns Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes einen Blumenstrauß als Dank für Ihre Unterstützung.
  • Tannenbaum vor der Kfz-Werkstatt: Im Jugendwerk Köln lernen die Teilnehmenden, Autos zu reparieren.
  • Zusammen Zeit verbringen: Die Teilnehmerinnen genießen die Jubiläumsfeier.
  • Professionelles Catering: Die Teilnehmenden haben das Buffet angerichtet.
  • Mit Kirschen und Puderzucker: Am Waffelstand gibt es Frischegbackenes für die Gäste.
  • Max Goedecke & Band​ sorgten für musikalische Unterhaltung.
  • Willkommen: Pädagogin Lena Turowski öffnet die Tür für Besucher.
  • Weihnachtsdeko vor Schraubenziehern und Feilen

Fereshteh hat einen Traum. Sie will Sozialarbeiterin werden. Genau wie Lena Turowski, die die 18-Jährige seit fast einem Jahr begleitet. "Wenn man etwas will, dann schafft man das auch", sagt die junge Afghanin während des Jubiläumsfests des Jugendwerk Kölns, einem Mitglied der Diakonie RWL. Sie besucht ein Berufskolleg und wird, wenn alles nach Plan verläuft, bis zu den Sommerferien ihren Hauptschulabschluss machen.

Das Besondere: Fereshteh ist erst im Winter 2015 nach Deutschland gekommen. In ihrer Heimat Afghanistan hat sie nur ein Jahr lang die Schule besucht. Dass sie trotzdem die Chance hat, auf dem deutschen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, hat sie erst im Projekt "Seiteneinsteiger" gelernt.

Projektleiter Eric Müller: "Vielen Jugendlichen ist oft nicht bewusst, dass es nach der Schule weitergeht."

Projektleiter Eric Müller: "Vielen Jugendlichen ist oft nicht bewusst, dass es nach der Schule weitergeht."

Geflüchtete beim Schulabschluss unterstützen

Im Projekt arbeiten die pädagogischen Mitarbeiter seit 2016 mit über 450 geflüchteten Jugendlichen und jungen Erwachsenen und unterstützen sie auf ihrem Weg zum Schulabschluss und beim Bewerben. "Mit ‘Seiteneinsteiger’ richten wir uns vor allem an junge Menschen zwischen 16 und 20 Jahren, die ihr erstes Schuljahr in Deutschland absolvieren", sagt Projektleiter Eric Müller. Das Team aus vier Mitarbeitenden ist an fünf Berufskollegs mit einem eigenen Büro in den Schulen vor Ort. In Gruppen- und Einzelangeboten werden die Jugendlichen gecoacht. 

"Am Anfang geht es erst einmal ganz stark ums Private", erzählt Lena Turowski. Einige der Jugendlichen seien unbegleitet nach Deutschland gekommen, hätten schlimme Erfahrungen gemacht und fühlten sich losgerissen. Sie bräuchten Hilfe, um sich an den neuen deutschen Alltag zu gewöhnen. Sich einzuleben, die Sprache zu lernen und dazu noch einen Schulabschluss zu erzielen, sei eine immense Herausforderung. 
Und dazu kommen die Gedanken an die Zukunft. Die Pädagogen helfen in allen drei Schulprojekten "Kraftwerk", "Schule XXL" und "Seiteneinsteigerklassen vernetzt" dabei, herauszufinden, was die Jugendlichen nach ihrem Schulabschluss machen möchten. Klassentrainings, Einzelcoachings und einzelne Weiterbildungsangebote wie Sprach- oder Fotokurse gehören zur täglichen Arbeit. "Seiteneinsteigerklassen vernetzt" kooperiert mit Praktikums- und Ausbildungsbetrieben sowie der Flüchtlingsberatung der Diakonie Köln und Region.

Konzentriert dabei: Die Teilnehmenden des Jugendwerk Kölns versuchen gemeinsam Klötze aufeinanderzustapeln.

Konzentriert dabei: Die Teilnehmenden des Jugendwerk Kölns versuchen gemeinsam Klötze aufeinanderzustapeln.

Teamarbeit lernen

Das Jugendwerk Köln hat einen hohen professionellen Anspruch an seine Angebote für die Teilnehmenden. Das merken die Besucher während der Jubiläumsfeier. Der Hof ist weihnachtlich geschmückt, mehrere Buden erinnern an einen kleinen Weihnachtsmarkt und die Jugendlichen aus dem Bereich Gastronomie haben das Catering liebevoll vorbereitet. In einer der Werkstatträume zeigen einige der Teilnehmenden, wie sie spielerisch üben, im Team zusammenzuarbeiten.

Jeder der Jugendlichen hält einen bunten Faden in der Hand. Alle Fäden sind am anderen Ende miteinander verbunden und an einer Metallplatte befestigt, an der ein Bügel hängt. Die Aufgabe: Mithilfe des Bügels sollen am Boden liegende Holzklötze aufgerichtet und aufeinandergestapelt werden. Nach mehreren Versuchen kommen zwei Klötze zum Stehen. Dann: Eine unachtsame Bewegung und alles bricht in sich zusammen. Die Jugendlichen lachen, einige filmen die Gruppenaufgabe mit ihren Handys.

Graffiti für die Werkstattwand: Eine hält die Schablone, die andere sprüht.

Graffiti für die Werkstattwand: Eine hält die Schablone, die andere sprüht. 

Schulmüdigkeit vorbeugen

Egal ob Teamprojekt oder Graffiti sprühen an der Werkstattwand – die Angebote sind unkonventionell und auf Augenhöhe. So könnten die schulmüden Jugendlichen besonders gut erreicht werden, sagt Annette Nowinski, Geschäftsführerin des Jugendwerk Köln. Mehr als 52.000 Jugendliche haben 2017 die Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen, belegt die aktuelle Caritas-Studie zu Bildungschancen in Deutschland. Das sind 5.000 Schüler mehr als noch zwei Jahre zuvor. Nur 29 Prozent der Jugendlichen ohne Abschluss finden einen Ausbildungsplatz. Bei den Gleichaltrigen mit Hauptschulabschluss sind es 57 Prozent.

Das Jugendwerk Köln will potenzielle Schulabbrecher frühzeitig erkennen und sie auffangen, damit keine Schulmüdigkeit entsteht. Denn auf die abgebrochene Schullaufbahn folgt häufig die Arbeitslosigkeit. In NRW lag die Arbeitslosenquote von Menschen ohne Berufsabschluss 2018 bei 21,9 Prozent, bei denjenigen mit abgeschlossener Berufsausbildung dagegen nur bei 3,4 Prozent.

Mit dem Projekt "Schule XXL" werden aktuell 420 Schülerinnen und Schüler an Haupt-, Förder- und Realschulen erreicht. In enger Zusammenarbeit mit den Lehrern identifizierten die Pädagogen des Jugendwerks gefährdete Jugendliche. Häufiges Fehlen oder plötzlich einbrechende Noten könnten erste Anzeichen einer drohenden Schulmüdigkeit sein, sagt Nowinski. "Wir versuchen, den 7.- und 8.-Klässlern Perspektiven zu geben und sprechen früh über ihre Berufswünsche", erzählt Eric Müller. Es sei ein Berufs- und ein Sozialtraining zugleich. 

Die Angebote des Jugendwerks seien fester Bestandteil des Unterrichts an allen sechs teilnehmenden Schulen. Aber auch nach Unterrichtsschluss bieten die Pädagogen vielseitige Angebote: "Von Stockkampf über eine Holzwerkstatt reicht unser Angebot. Es geht darum, positives Lernen auch in der Freizeit anzuregen", so Müller.

Pädagogin Lena Turowski im Gespräch mit einer Teilnehmerin.

Pädagogin Lena Turowski im Gespräch mit einer Teilnehmerin.

Familien miteinbeziehen

In allen Schulprojekten würden die Eltern miteinbezogen, betont Turowski. Im Projekt "Kraftwerk", das sich an Grundschulkinder und deren Familien richtet, würde etwa vor Beginn der eigentlichen Arbeit ein symbolischer Vertrag mit den Eltern unterschrieben. Mithilfe der systemischen Beratung würden die Familien individuell gecoacht. Die drei Pädagoginnen besuchen die Kinder und ihre Familien Zuhause und in der Schule. Seit Beginn des Projekts wurden mehr als 500 Kinder und ihre Familien durch das Programm erreicht. 

Auch Fereshtehs Familie wurde vom Jugendwerk unterstützt. Als die Großfamilie eine neue Wohnung suchte, half Lena Turowski. Wer in Netzwerke eingebunden ist und unterstützt wird, bekommt Hoffnung.

Text: Ann-Kristin Herbst, Fotos: Ann-Kristin Herbst und Götz Vogelstein/Jugendwerk Köln

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Zander

Arbeit und Beschäftigung

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