18. Februar 2022

Welttag der sozialen Gerechtigkeit

Engagiert im Leben, arm im Alter

Ihr Leben lang hat sich Gisela Breuhaus für andere Menschen eingesetzt. Sie hat alleine zwei Kinder groß gezogen, zwei Angehörige gepflegt und diverse Selbsthilfegruppen gegründet. "Mein Leben war reich, aber im Alter bin ich arm", sagt die 72-Jährige. Zum "Welttag der sozialen Gerechtigkeit" am 20. Februar fordert sie ein Grundeinkommen statt Hartz IV. 

  • Gisela Breuhaus sitzt in lila Kleidung im Rollstuhl vor ihrem Wohnhaus in Bonn
  • Gisela Breuhaus sitzt in ihrer Wohnung vor dem Laptop.
  • Gisela Breuhaus sitzt auf ihrem Sofa und strickt.

Ältere Menschen tun sich oft schwer damit zu sagen: "Ich bin arm". Wie gehen Sie damit um?

Ich bin ein Mensch, der immer offen und ehrlich war. Daher hatte ich auch keine Probleme damit zu sagen, dass ich mit wenig Geld auskommen muss. Ich schäme mich nicht dafür, denn ich habe in meinem Leben viel geleistet – nur das, was ich getan habe, wird in dieser Gesellschaft nicht finanziell belohnt. Im Gegenteil. Du musst dafür kämpfen, dass der Staat dich unterstützt, wenn du Kinder alleine erziehst oder Angehörige pflegst. Das ärgert mich und deshalb rede ich auch darüber. Ich möchte, dass sich etwas verändert. Deshalb war ich immer auch politisch aktiv. So nehme ich zum Beispiel regelmäßig an Fachkonferenzen der Freien Wohlfahrtspflege NRW zum Thema Armut teil, die die Diakonie RWL mitorganisiert.

Was finden Sie am schwierigsten daran, arm zu sein?

Es ist der ewige Kampf ums Geld, der müde und krank macht. Wenn du 100 Anträge auf staatliche Unterstützung stellst, kannst du davon ausgehen, dass du direkt 100 Absagen bekommst und Einspruch einlegen musst. Immer bist du damit beschäftigt, Formulare auszufüllen und Belege für deine Einkommensarmut einzureichen. Ich habe viele Menschen kennengelernt, die in diesem Kampf mit den Behörden resigniert haben und lieber Flaschen sammeln gehen als ihren Anspruch auf Unterstützung einzufordern. Mittlerweile kenne ich mich mit all unseren bürokratischen Hürden so gut aus, dass ich auch vielen anderen dabei helfe, sie zu überwinden.

Wie ist es dazu gekommen, dass Sie heute nur mit einer kleinen Grundrente auskommen müssen?

Ich bin in Leipzig aufgewachsen und dann, als ich zwölf Jahre alt war, mit meiner Familie in die damalige Tschechoslowakei gegangen. Dort habe ich 1968 den Prager Frühling und die Niederschlagung des Aufstands miterlebt. Ich konnte kein Abitur machen und bin nach Wien geflüchtet. Zwei Jahre später kam ich nach Unna-Massen, ins Aufnahmelager für Flüchtlinge aus Osteuropa und der DDR. In Unna habe ich die Handelsschule besucht, als Sekretärin gearbeitet, geheiratet und meinen ersten Sohn bekommen. Damals war es schwierig, mit Kind zu arbeiten, erst recht nach meiner Scheidung. In Köln habe ich dann meinen zweiten Ehemann kennengelernt und ein weiteres Kind bekommen, mich aber nach drei Jahren getrennt. Beide Ehemänner haben nie Unterhalt gezahlt. 

Gisela Breuhaus zeigt ein gemaltes Bild ihres Vaters.

Gisela Breuhaus hat ihren Vater viele Jahre lang gepflegt. Sie malt gerne und schreibt Gedichte.

Dann bekam ich Brustkrebs, habe aber trotz Chemotherapie noch meinen Vater gepflegt, später dann meinen Ex-Ehemann. Ich habe also nie kontinuierlich in die Rente eingezahlt.

Aber Sie waren immer sozial und politisch engagiert. Wofür haben Sie sich eingesetzt?

Ich bin für Frauenrechte auf die Straße gegangen, habe ein Frauenhaus auf den Weg gebracht und noch in Unna eine Selbsthilfegruppe für Alleinerziehende gegründet. Ich war in der NRW-Selbsthilfe für pflegende Angehörige "Wir pflegen" aktiv. Seit vielen Jahren leide ich unter Skoliose, weshalb ich inzwischen außerhalb meiner Wohnung auf einen Rollstuhl angewiesen bin. Im Verein "Mobil mit Behinderung" leite ich die Regionalgruppe in Bonn. Dort lebe ich in einer barrierefreien Wohnung für einkommensarme Seniorinnen der Evangelischen Frauenhilfe im Rheinland. Mir war es immer wichtig, dass alle Menschen eine Chance bekommen, am Leben teilzunehmen, dass sie mitgestalten und mitbestimmen. Aber das können viele nicht und das ärgert mich. 

"Der Welttag der sozialen Gerechtigkeit bietet die Gelegenheit, sich den großen Gerechtigkeitsfragen – zum Beispiel nach dem Generationenausgleich, dem Ausgleich zwischen Arm und Reich oder einem existenzsichernden Grundeinkommen - zu stellen. Es gibt keine einfachen Antworten auf diese Fragen, aber wir müssen darüber im Dialog bleiben, um uns gemeinsam weiterzuentwickeln hin zu einer gerechten Gesellschaft."
Heike Moerland, Armutsexpertin der Diakonie RWL

Was ist für Sie ein Weg, soziale Ungerechtigkeit in Deutschland zu überwinden? 

Ein ganz entscheidender Schritt ist für mich die Einführung eines Grundeinkommens. Dafür mache ich mich mit der "Bonner Initiative Grundeinkommen" stark. Es kann dazu beitragen, Armut zu verhindern und schafft eine gerechte Grundlage für alle Bürgerinnen und Bürger. Wer nicht ständig damit beschäftigt ist, um ein Existenzminimum zu kämpfen, kann sich ganz anders für seine Mitmenschen engagieren und ein selbstbestimmtes Leben führen. Ich habe es trotz allem getan, aber es war anstrengend und ist mir auch nur gelungen, weil ich ein kleiner "Münchhausen" bin, der sich selbst immer wieder aus dem Sumpft zieht. 

Das Gespräch führte Sabine Damaschke. Fotos: Christine Kucharski/Ev. Frauenhilfe im Rheinland

Ihr/e Ansprechpartner/in
Heike Moerland
Geschäftsfeld Berufliche und soziale Integration
Weitere Informationen

Als arm gilt in Deutschland, wer als Single im Jahr 2020 weniger als 1.126 Euro monatlich zur Verfügung hatte. So hoch ist derzeit die so genannte Armutsgefährdungsschwelle. Das durchschnittliche Armutsrisiko liegt laut Mikrozensus 2019 bei 15,9 Prozent. Besonders stark von Armut betroffen sind Alleinerziehende (42,7 Prozent). Auch unter Altersarmut leiden deutlich mehr Frauen (17,4 Prozent) als Männer (13,5 Prozent). Die durchschnittliche Rente einer Frau beträgt derzeit mit 774 Euro etwa 60 Prozent weniger als die eines Mannes. 

Gemeinsam mit der Diakonie Deutschland fordert die Diakonie RWL wesentliche Erleichterungen bei der Einkommens- und Vermögensprüfung für die Rente. Weiter sollten während der Erziehungszeiten die Rentenbeiträge für Teilzeitarbeit aus Steuermitteln so aufgestockt werden, dass eine Beitragszahlung wie in Vollzeitbeschäftigung erfolgt.