9. Oktober 2020

Welthospiztag

Sterbebegleitung mit Hindernissen

Bei vielen Angehörigen todkranker Menschen hat der Corona-Lockdown Narben hinterlassen, weil sie die Sterbenden nicht begleiten durften. Auch für die Hospizvereine hat die Pandemie tiefgreifende Konsequenzen. Trotz Abstandsregeln finden die Sterbebegleiter aber Wege, ihre Arbeit fortzusetzen. Darauf machen diakonische Hospizvereine zum morgigen Welthospiztag aufmerksam.

  • Ältere Frau mit Maske steht am Klinikfenster (Foto: Shutterstock)

Petra Spilker ist immer noch mitgenommen vom plötzlichen Tod ihrer Mutter im März. Zwei Tage nach dem Corona-Shutdown erlitt die 78-jährige Frau einen schweren Schlaganfall und wurde umgehend operiert. Die Familie eilte ins Krankenhaus, durfte die Patientin aber wegen der Kontaktbeschränkungen nicht mehr sehen. "Ich bedaure es sehr, dass ich in ihrer letzten Nacht nicht bei ihr bleiben konnte", sagt die Tochter. Sie sah ihre Mutter erst wieder, als bei ihr der Hirntod eingesetzt hatte und sie nur noch durch Maschinen am Leben erhalten wurde.

"Dennoch haben wir Glück gehabt, weil wir uns dann noch von ihr verabschieden durften", meint Petra Spilker. Gemeinsam mit ihrem Vater und ihrem Bruder war sie am Bett der Mutter, als die lebenserhaltenden Maschinen abgestellt wurden. "Ein paar Tage später wäre das wohl nicht mehr möglich gewesen."

Das kann Gisela Fiukowski, Koordinatorin beim Ambulanten Hospizdienst DA-SEIN der Diakonie Mark-Ruhr, bestätigen. Einige der 70 ehrenamtlichen Mitarbeitenden hätten erlebt, dass Angehörige ihren sterbenden Familienmitgliedern nicht beistehen durften oder sie selbst nicht zu Sterbenden vorgelassen wurden. "Wir sind tief ergriffen von dem, was wir da mitbekommen haben", sagt Fiukowski.

Katharina Ruth, Leiterin des diakonischen Hospizdienstes "Die Pusteblume" in  Wuppertal, hat ein "Ringen" um den richtigen Umgang mit den Besuchsverboten vermissst.

Katharina Ruth leitet den diakonischen Hospizdienst"Die Pusteblume" in  Wuppertal (Foto: privat)

Erschütterung über die Isolation todkranker Menschen

Von einer "Mischung aus Erschütterung und Fassungslosigkeit" spricht Katharina Ruth, Leiterin des Hospizdienstes "Die Pusteblume" der Diakonie Wuppertal. Zwar hätten die ehrenamtlichen Mitarbeitenden in der Regel in die Pflegeheime gehen können, weil der Hospizdienst eng mit den stationären Einrichtungen der Diakonischen Altenhilfe Wuppertal zusammenarbeite. Und Sterbebegleitung sei auch unter den Bedingungen des Lockdowns immer erlaubt gewesen.

Aber Ruth weiß auch von einem Fall zu berichten, in dem die ehrenamtliche Sterbebegleiterin Zutritt zu einem Sterbenden bekam, die Angehörige aber vor der Tür bleiben musste. Die Begründung sei gewesen, dass die Ehrenamtliche in diesem Fall als Mitarbeiterin eingestuft werde. Das sei nicht nachvollziehbar, kritisiert Ruth. In einer stationären Einrichtung gingen täglich Dutzende Mitarbeiter ein und aus, um zu pflegen, zu kochen oder zu putzen. "Mir hat sich nie erschlossen, dass dann die eine Angehörige, die einen Sterbenden begleiten will, das Infektionsrisiko so stark steigern soll."

Gisela Fiukowski (von links) mit ihren Mitarbeiterinnen Kristina Zawistowski und Andrea Strehl vom Hospizdienst DA-SEIN der Diakonie Mark-Ruhr (Foto: Fabian Tigges/Diakonie Mark-Ruhr)

Gisela Fiukowski (von links) mit ihren Mitarbeiterinnen Kristina Zawistowski und Andrea Strehl vom Hospizdienst DA-SEIN der Diakonie Mark-Ruhr (Foto: Fabian Tigges)

Kontakt über Telefongespräche gehalten

Die Besuchsverbote hätten Hospizdienste und Pflegeeinrichtungen gleichermaßen überrollt, sagt Fiukowski. Während des Lockdowns hätten Ehrenamtliche Kontakte zum Teil über Telefongespräche oder Briefe aufrechterhalten. "Manche haben für die Menschen, die sie betreut haben, auch kleine Geschenke abgegeben."

Obwohl der Zutritt zu Pflegeeinrichtungen inzwischen wieder möglich ist, hat Corona die Arbeit der Hospizdienste langfristig verändert. So könnten auch Beratungsgespräche für Angehörige nun nur noch am Telefon stattfinden, sagt Fiukowski.

Betroffen macht die Hospizdienst-Koordinatorin, dass sich mit Beginn der Corona-Krise zunächst kaum noch Menschen an den Hospizdienst wandten. Seit Ende Mai gebe es zwar wieder mehr Anfragen. "Aber überwiegend aus dem ambulanten Bereich." Pflegeheime seien zurückhaltend damit, ehrenamtliche Sterbebegleitung für todkranke Bewohner oder Bewohnerinnen anzufordern. Unterm Strich gebe es 50 Prozent weniger Sterbebegleitungen als vor Ausbruch der Pandemie.

Einzelgespräche und Spaziergänge - Die Hospizdienste mussten ihre Angebote für Trauernde umstellen. (Foto: pixabay.de)

Einzelgespräche und Spaziergänge - Die Hospizdienste mussten ihre Angebote für Trauernde umstellen.

Trauerspaziergang statt Trauercafé

Und auch dort, wo die Ehrenamtlichen unterbrochene Betreuungen wiederaufnehmen konnten, sei die Situation oft anders als vor Beginn der Pandemie, sagt Fiukowski. Die Verunsicherung sei spürbar. "Die Menschen sind oft zurückhaltender geworden." Zugleich mussten die Hospizdienste ihre Angebote aussetzen, etwa regelmäßige Frühstückstreffen für Trauernde, Trauercafés oder die geschlossenen Trauergruppen. Der Hagener Hospizdienst biete stattdessen Einzelgespräche an, sagt Fiukowski.

Der Hospizdienst "Die Pusteblume" in Wuppertal versucht, die Betreuung Trauernder über Patenschaften aufrecht zu erhalten. Jeweils eine ehrenamtliche Mitarbeiterin kümmere sich um einen trauernden Menschen, erklärt Ruth. Neben telefonischen Kontakten träfen sich viele Trauernde auch mit ihren Begleiterinnen im Freien, etwa bei Spaziergängen.

Herz mit Spruch "Wir vermissen dich" (Foto: pixabay.de)

Die Langzeitfolgen für Trauernde, die ihre sterbenden Angehörigen nicht begleiten konnten, seien noch nicht abzusehen, meint Gisela Fiukowski.

Das Trauma, nicht Abschied nehmen zu können

Der Hospizdienst DA-SEIN wagt Ende Oktober einen ersten Schritt zurück in die Normalität und startet eine Selbsthilfegruppe für Trauernde. Gerade Menschen, deren Angehörige während des Lockdowns im Pflegeheim oder im Krankenhaus starben, benötigten jetzt Unterstützung. "Ich erlebe bei den Betroffenen einen ungeheuer hohen Gesprächsbedarf", sagt Fiukowski. "Ein fehlender Abschied von einem sterbenden Angehörigen ist ganz schwierig zu verarbeiten, denn den kann man nicht wiederholen."

Die Langzeitfolgen seien noch gar nicht absehbar, sagt die Pflegewissenschaftlerin. "Da sind wir gespannt, ob es Forschungsprojekte geben wird, die das untersuchen und dann vielleicht auch Hinweise geben, welche Möglichkeiten der Unterstützung es für die betroffenen Menschen gibt."

Nicht zuletzt hofft Fiukowski darauf, dass Konzepte für die Zukunft entwickelt werden. Auch Ruth hat den Blick in die Zukunft gerichtet. Sie wolle Pflegeheimleitungen keinen Vorwurf machen, die ihre Einrichtung in der Absicht abgeschottet hätten, die Bewohner zu schützen. "Aber es muss jetzt alle Energie darauf verwendet werden, dass Sterbende künftig nicht mehr alleine gelassen werden."

Text: Claudia Rometsch, Fotos: Pixabay/Shutterstock

Ihr/e Ansprechpartner/in
Axel Bremecke

Krankenhaus und Gesundheit, Betriebswirtschaftl. Beratung

Weitere Informationen
Bewerten Sie diesen Artikel
Durchschnittliche Bewertung: 4.8 (6 Stimmen)

Welthospiztag
Jährlich findet am zweiten Samstag im Oktober der Welthospiztag statt. Der Aktionstag soll die Aufmerksamkeit für hospizliche und palliative Belange stärken. Das diesjährige deutsche Motto lautet "Solidarität bis zuletzt". Der Deutsche Hospiz- und Palliativverband ruft damit zur Solidarisierung mit schwerstkranken und sterbenden Menschen in unserer Gesellschaft auf.
Die Vorständin Sozialpolitik der Diakonie Deutschland mahnt, die im Koalitionsvertrag angekündigte Kostenübernahme für die Koordination von Hospiz- und Palliativversorgungsnetzwerken zügig umzusetzen. Die Versorgung und Begleitung schwerstkranker und sterbender Menschen sei maßgeblich durch ehrenamtliches Engagement geprägt. "Umso wichtiger ist die Koordination der Zusammenarbeit der unterschiedlichen haupt- und ehrenamtlichen Akteure. Dafür müssen professionelle Koordinierungsstellen strukturell gesichert und verlässlich finanziert werden. Denn je besser die Netzwerke organisiert sind, desto schneller kann den Bedürfnissen der Betroffenen in dieser letzten Lebensphase entsprochen werden", sagt Maria Loheide.