21. September 2021

Weltalzheimertag

Ein Quartier macht mobil

Weltweit nehmen Demenzerkrankungen zu. Daran erinnert der heutige Alzheimertag. Doch die Unsicherheit im Umgang mit den Betroffenen bleibt. Pfarrerin Heike Ernsting möchte das gemeinsam mit ihrer Kirchengemeinde und der Diakonischen Altenhilfe in Wuppertal ändern. Im Quartiersprojekt "Tuhuus" haben sie das Themenjahr "Demenzfreundlichkeit 2021" ausgerufen. 

  • Pfarrerin Heike Ernsting auf einem Plakat zum Thema Demenz
  • Spaziergang eines Mitarbeiters des diakonischen Alle Cafe Plus mit einer demenzell erkrankten Frau

Im Wuppertaler Stadtteil Langerfeld hat Heike Ernsting die Menschen bereits im Sommer auf großen Plakaten freundlich angelächelt. Doch sie kandidiert nicht für eine Partei, sondern gibt darauf ein ungewöhnliches Statement ab. "Wenn ich einmal dement werde, dann möchte ich über meine Vergesslichkeit auch lachen können", erklärt sie. Dement und lachen? Das passt für viele Menschen nicht zusammen. 

Die Pfarrerin sieht das anders. Deshalb hat sie gemeinsam mit ihrer Kirchengemeinde und der Diakonischen Altenhilfe Wuppertal im Juni das Themenjahr "Demenzfreundlichkeit 2021" mit einer Plakataktion gestartet. "Ich wünsche mir, dass diese Krankheit an Bedrohung verliert und Menschen weniger Angst davor haben", betont die Theologin. Für viele sei es das Schlimmste, sich vorzustellen, im Alter dement zu werden. "Dabei ist auch mit Demenz ein glückliches Leben möglich."

Demenz sichtbar machen

Die weit verbreitete Erkrankung soll ihren Schrecken verlieren, wünscht sich die Pfarrerin. Doch dafür braucht es nicht nur im privaten, sondern auch öffentlichen Raum einen "demenzfreundlichen" Umgang mit den Betroffenen. Wie der aussehen kann, soll im Quartiersprojekt "Tuhuus – Gut und lange leben im Quartier" öffentlichkeitswirksam und alltagstauglich vorgestellt werden.

"Eine zentrale Frage dabei ist, was 'demenzfreundlich' eigentlich bedeutet", sagt Heike Ernsting. Ihrer Ansicht nach geht es vor allem darum, Scham abzubauen. Betroffene sowie Angehörige sollen spüren, dass die Krankheit nicht verborgen werden muss. "Sie dürfen sich nicht schämen, im Stadtteil sichtbar zu sein." Entscheidend dafür seien eine gute Infrastruktur sowie ein Gefühl der Sicherheit. 

Eine alte Frau kauft auf dem Markt ein.

Ob auf dem Markt oder in Geschäften: Einkaufen ist für viele Demenzerkrankte schwierig. 

Kompetenz fördern

Deshalb hat die Kirchengemeinde mit ihren Kooperationspartnern – dem Arbeiter-Samariter-Bund sowie der Diakonischen Altenhilfe Wuppertal – die öffentlichen Wege im Blick und schult Mitarbeitende in Geschäften im Umgang mit dementen Menschen.

Das ist laut Ernsting in verschiedenen Alltagssituationen wichtig: "Beispielsweise, wenn eine Person orientierungslos ist oder mehrmals die Woche 400 Euro bei der Bank abhebt." Es gelte, die Menschen für solche Situationen zu sensibilisieren und ihre Kompetenz zu fördern. "All das macht einen Stadtteil demenzfreundlich", betont die Pfarrerin. Dabei nimmt sie zentrale Anliegen in den Fokus: "Wir möchten, dass die Betroffenen so lange wie möglich in ihrem gewohnten Umfeld leben können."

Um die Menschen mit dem Thema Demenz vertraut zu machen, gibt es im Zuge des Themenjahrs unter anderem Infoveranstaltungen, Lesungen, Fotoausstellungen sowie sinnliche und geistliche Angebote. Der Ansatz ist es laut Ernsting, verschiedene Erfahrungswelten zu bespielen, sodass alle Menschen andocken können. "Wir wollen das Thema aus der Tabuzone herausholen."

Seniorinnen trinken im Allee Café Plus der Diakonischen Altenhilfe Wuppertal Kaffee.

Kaffeeklatsch im Allee Café Plus der Diakonischen Altenhilfe Wuppertal

Kaffeeklatsch und Gedächtnistraining

Die Evangelische Kirchengemeinde Langerfeld sowie die Diakonische Altenhilfe Wuppertal haben selbst mehrere Angebote für an Demenz erkrankte Menschen und ihre Angehörigen parat. Seit einigen Jahren etwa lädt sie zweimal wöchentlich in das Allee Café Plus ein. "Neben Kaffee und Kuchen am schön gedeckten Tisch gibt es ein spezielles Programm für Menschen mit Demenz", erklärt Ernsting.

Dazu gehören beispielsweise Singen, Gedächtnistraining und Ausflüge. Geleitet wird das Café von Diakonie-Mitarbeiterin Birgit Hipp. Unterstützt wird sie von extra geschulten Ehrenamtlichen. Hipp bietet darüber hinaus feste Beratungszeiten für Angehörige. "Und neuerdings gibt es einmal monatlich einen Angehörigenstammtisch. Das ist wichtig, weil diese oft besonders darunter leiden, Unterstützung und Austausch benötigen", sagt Ernsting. 

Abendmahlskelche und Bibel

Gemeinsam Abendmahl feiern: Das soll auch für Menschen mit Demenz häufiger möglich sein.

Demenzfreundlicher Gottesdienst 

Das Angebot im Quartier wächst stetig und ist vielfältig. Dazu gehören auch Gottesdienste für demenzell erkrankte Menschen, etwa an Erntedank. Sie sollen auch diejenigen ansprechen, die sich aufgrund ihrer Demenz aus dem Gemeindeleben zurückgezogen haben.

"Unsere Erfahrung ist ohnehin, dass Betroffene und Angehörige vorhandene Angebote nicht wahrnehmen. Diese Hemmschwellen wollen wir abbauen." Dabei sein, am Leben teilhaben und damit zeigen, was alles trotz der Erkrankung noch funktioniert: Das soll im Themenjahr deutlich werden und das Quartier auch langfristig verändern, wünscht sich Heike Ernsting. 

Text: Andreas Attinger/ekir, Redaktion: Sabine Damaschke; Fotos: Bettina Oswald/Allee Café Plus, Themenjahr Demenzfreundlichkeit 2021, pixabay

Ihr/e Ansprechpartner/in
Elisabeth Selter-Chow
Referent/in

Quartiersentwicklung

, Geschaeftsfeld Sozialpolitik und Quartiersarbeit
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Der Weltalzheimertag wurde am 21. September 1994 von der Alzheimer’s Disease International (ADI) und der World Health Organization (WHO) gegründet. Seitdem finden jährlich zahlreiche Aktionen statt. Rund 1,7 Millionen Menschen leben in Deutschland mit Demenz. Weltweit sind es rund 50 Millionen Menschen. Ihre Anzahl steigt Schätzungen zufolge bis 2050 auf 115 Millionen an. Im aktuellen Jahr 2021 lautet das Motto des Aktionstages "Demenz – genau hinsehen!"