20. Dezember 2019

Weihnachtsfeier für Senioren

Zusammen gegen die Einsamkeit

Weihnachten ist das Fest der Familie. Doch längst nicht für alle. Denn viele Menschen haben am Heiligen Abend niemanden, mit dem sie gemeinsam essen, singen oder Geschenke auspacken können. Im "zentrum plus" der Diakonie Düsseldorf im Stadtteil Gerresheim können ältere und jüngere Menschen, die sich einsam oder alleine fühlen, zusammen feiern.

  • Singen gegen die Einsamkeit: Elfriede Lück (v. links), Christine Pohl, Gudrun Krause, Anna Vogt und Petra Wienß .
  • Ist jedes Jahr dabei: Elfriede Lück besucht die Weihnachtsfeier im "zentrum plus" Gerresheim.
  • Vorbereiten: Petra Wienß zündet die Kerzen des von Senioren gestalteten Adventskranzes an.
  • Engagiert sich für die Gerresheimer: Gudrun Krause arbeitet ehrenamtlich im "zentrum plus" Gerresheim.
  • Rolf Hornig arbeitet im "zentrum plus" Gerresheim.
  • Sich kennenlernen: Elfriede Lück (links) unterhält sich mit Christine Pohl, die sich im "zentrum plus" Gerresheim engagiert.
  • Festlich geschmückt: Die Besucherinnen und Besucher dekorieren die Adventskränze in der Vorweihnachtszeit.

Sie haben sich auf Gold geeinigt. Die Servietten, der Weihnachtsbaumschmuck und die Tischdecke sind genau aufeinander abgestimmt - alles in einem Hauch von Gold. Seit Monaten planen die 18 Ehrenamtlichen im "zentrum plus" in Düsseldorf-Gerresheim akribisch die Weihnachtsfeier am Heiligen Abend. Sie ist jedes Jahr etwas ganz Besonderes. Für die Besucherinnen und Besucher genauso wie für die Ehrenamtlichen. 

Bislang haben sich 80 Senioren zur bewusst fröhlich gestalteten Feier mit Wildgulasch, Kaffeetrinken und russischer Band angemeldet. Kommt noch jemand dazu, rücken alle einfach enger zusammen. "Wir können an Heiligabend nicht sagen: Die Herberge ist voll", betont Petra Wienß, die Leiterin der Begegnungseinrichtung. Denn ihre Feier ist für viele ein Rettungsring in der oft einsamen Weihnachtszeit.

Ist jedes Jahr dabei: Elfriede Lück besucht die Weihnachtsfeier im "zentrum plus" Gerresheim.

Ist jedes Jahr dabei: Elfriede Lück besucht die Weihnachtsfeier im "zentrum plus" Gerresheim.

Den Druck nehmen

"Wir feiern bewusst am 24. Dezember", sagt Wienß. "Dadurch können die Eindrücke noch nachwirken und die Menschen über die langen Feiertage tragen." Die Besucherinnen und Besucher hätten dann auch etwas, dass sie Freunden und Bekannten am Telefon erzählen könnten. Nicht alle, die kommen, sind ganz alleine. So mancher hat Kinder oder andere nahe Verwandte. "Weihnachten steht eben auch für ein überhöhtes Bild von Familie. Wenn es regelmäßig unterm Weihnachtsbaum knirscht, ist unsere Feier ein Weg, die Feiertage und dieses Enge zu entzerren", berichtet die Leiterin.

"Ich freue mich immer richtig darauf", sagt Elfriede Lück, die sich wie jedes Jahr für die Weihnachtsfeier angemeldet hat. "Die ganze Atmosphäre ist einfach schön. Ich kann singen und mich mit Leuten unterhalten, die ich lange nicht gesehen habe." Fast alle ihrer Angehörigen lebten nicht mehr, erzählt die 86-Jährige. "Ohne die Feier würde ich über Weihnachten vereinsamen."

Kuchenduft: Die Ehrenamtliche, Astrid Henning (rechts), zeigt Leiterin Petra Wienß die Böden für eine Maulwurftorte.

Kuchenduft: Die Ehrenamtliche, Astrid Henning (rechts), zeigt Leiterin Petra Wienß die Böden für eine Maulwurftorte.

Jung und Alt zusammenbringen

Es sind nicht nur die Senioren, sondern auch die Ehrenamtlichen, die sich einsam fühlen und sich mehr Menschen wünschen, mit denen sie reden können. Der Großteil ist zwischen 30 und 45 Jahre alt; viele sind aus beruflichen Gründen nach Düsseldorf gezogen. Enge Freunde oder ein Netzwerk an Bekannten hätten viele nicht, sagt die 60-jährige Wienß. Durch ihr Mithelfen an Heiligabend lernen sie Menschen kennen und tun etwas Gutes.

Probleme, Ehrenamtliche für die Feier zu finden, hat die Leiterin schon lange nicht mehr. "Dass es in unserer Gesellschaft kühler wird, kann ich nicht bestätigen. Der Stadtteil Gerresheim steht füreinander ein und unterstützt sich. Es ist egal, ob man da oben wohnt und mehr Geld hat, oder da unten und ärmer ist. Ob man katholisch oder evangelisch ist. Zuerst ist man immer Gerresheimer. Und das verbindet." Die Weihnachtsfeier wird durch Spenden ermöglicht: Lokale Unternehmen spendieren den Weihnachtsbaum, kommen für die russische Band auf und unterstützen das Zentrum bei der Finanzierung des Caterings.

Vorreiter: Der erste Fairteiler Düsseldorfs, in dem nicht benötigte Lebensmittel für andere hinterlegt werden können, wurde im "zentrum plus" Gerresheim eröffnet.

Vorreiter: Der erste Fairteiler Düsseldorfs, in dem nicht benötigte Lebensmittel für andere hinterlegt werden können, wurde im "zentrum plus" Gerresheim eröffnet.

Quartiersarbeit gegen die Einsamkeit

Die Feier des "zentrum plus" ist nur ein Teil der ausgeklügelten Quartiersarbeit, mit der Gerresheim der "ansteckenden Einsamkeit" etwas entgegenstellt. Im Sommer können sich Nachbarn unkompliziert mit einer in den Briefkasten geworfenen Karte zum kurzen Frühstück vor dem Haus einladen.

In der Vorweihnachtszeit gibt es den "lebendigen Adventskalender". Vom Vorlesen einer Weihnachtsgeschichte, Kekse essen oder Singen kann jeder einen kurzen Programmpunkt anbieten. Es soll möglichst nichts kosten und für alle Nachbarn zugänglich sein. 

Festlich gedeckt: So sah die Weihnachtstafel im vergangenen Jahr aus.

Festlich gedeckt: So sah die Weihnachtstafel im vergangenen Jahr aus.

Durch den Schneesturm zur Weihnachtsfeier

Mitleidig belächelt wird auf den Gerresheimer Straßen keiner der Besucherinnen und Besucher. Im Gegenteil: "Meine Freunde sagen immer: Ach, ins ‘zentrum plus’ gehst du an Heiligabend? Die machen das immer so schön", erzählt eine der Besucherinnen. Wie wichtig die Feier für viele der Gäste ist, realisierte Petra Wienß an Weihnachten 2011.

Am Morgen des 24. Dezembers begann es stark zu schneien. "Ich hatte keine Chance in mein Auto zu gelangen", erzählt die 60-Jährige. In ihrer Einfahrt habe knapp 15 Zentimeter Schnee gelegen. Als sie auf der Straße einen ambulanten Pflegedienst entdeckte, bat sie kurzerhand um eine Mitfahrgelegenheit. "Für mich war ganz klar, viele würden es nicht zur Feier schaffen." Also bestellte die Leiterin die Hälfte der 80 Weihnachtsmenüs kurzerhand ab. "Erst waren es 20 Gäste, dann 40, dann 60 und nach einigen Stunden waren alle 80 Senioren da", erzählt Wienß noch immer beeindruckt. Einige hatten Fahrgemeinschaften gebildet, sich ein Taxi organisiert oder waren sogar per Anhalter gekommen, so die Leiterin.

Für 40 Leute gab es das bestellte Weihnachtsmenü. Aber was sollten die anderen Gäste essen? Petra Wienß schickte die damalige Praktikantin zum Metzger, um Kartoffelsalat und Würstchen zu holen. "Und wissen Sie was? Keiner hat sich beschwert oder gemurrt. Alle waren froh, dass sie zusammen waren."

Text und Fotos: Ann-Kristin Herbst

Ihr/e Ansprechpartner/in
Karen Sommer-Loeffen
Referent/in

Bahnhofsmission, Ehrenamt, Hospizarbeit

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Einsamkeit in Deutschland
Ungefähr fünf Prozent der Deutschen fühlen sich die meiste Zeit einsam. Besonders betroffen sind die Ältesten. Jeder Fünfte ab 85 klagt über Einsamkeit. Aber auch Menschen in ihrer Lebensmitte (46 bis 55 Jahre, 14 Prozent) und jüngere Erwachsene (26 bis 35 Jahre, 14,8 Prozent) fühlen sich häufig einsam. Am wenigsten betroffen waren in der Studie der Ruhr-Uni Bochum von 2016 die jüngeren Alten (66 bis 75 Jahre, 9,9 Prozent).
Einsamkeit – das Empfinden, sich von anderen Menschen schmerzhaft getrennt zu fühlen - kann sogar ansteckend sein. Wer in seinem Umfeld viele einsame Menschen hat, ist gefährdeter sich selbst sozial isoliert zu fühlen, zeigen amerikanische Studien.