29. Dezember 2017

Unterwegs mit der Diakonie

Gemeinsam reisen statt einsam zu Hause

Annette Trowe arbeitet zwischen den Jahren als Reisebegleiterin bei der Diakonie Ruhr-Hellweg. Gemeinsam mit 25 Teilnehmern zwischen 60 und 90 Jahren fährt sie vom 21. Dezember bis zum 2. Januar nach Bad Lippspringe. Sie gestaltet zwischen Weihnachten und Neujahr eine besinnliche Zeit. Bei Kerzenlicht, Plätzchenduft und gutem Essen ist die Stimmung immer heiter – und niemand ist allein.

Annette Trowe begleitet  die Reise nach Bad Lippspringe (Foto: privat)

Wie wird man Reisebegleiterin bei der Diakonie?

Mich hat eine Turnschwester angesprochen, ob ich nicht Lust habe, als Reisebegleiterin für die Diakonie zu arbeiten. Angefangen habe ich zunächst mit Herbst- und Sommerreisen. Weihnachtsreisen sind natürlich eine besondere Herausforderung, weil es eine emotionale Zeit ist. Ich begleite verschiedene Reisen, aber die Reisen über Weihnachten und Silvester sind die schönsten. Da kommt auch immer mein Mann mit. Er ist mein Blitzableiter, wenn es mal stressig wird. Ohne ihn könnte ich das gar nicht.

Auf der Weihnachtsfeier gibt es ein buntes Programm (Foto: privat)

Wie gestalten Sie die Reisen zwischen den Jahren?

Das Haus in Bad Lippspringe ist weihnachtlich und festlich geschmückt. Es gibt eine gemütliche Cafeteria, in der Kaffee und Plätzchen bereit stehen und in der Gruppe ist immer jemand da, mit dem man reden kann. Den Austausch mit Gleichaltrigen mögen die Teilnehmerinnen. Man fühlt sich in dem Haus geborgen. Mit großem Vergnügen bereiten wir die Weihnachtsfeier vor und alle machen sich schick. Es gibt etwas Leckeres zu essen – ein vier Gänge-Menü. Das machen die Küchenengel immer großartig. Die christliche Botschaft und das gemütliche Beisammensein an Weihnachten und auch danach sind mir wichtig. Gemeinsam gehen wir auch in die Kirche.

Das Gespräch mit Gleichaltrigen ist den Teilnehmerinnen der Reise wichtig (Foto: privat)

Sind manche Teilnehmerinnen nicht traurig, ohne ihre Familie Weihnachten und Silvester zu feiern?

Viele haben das selbst so mit ihren Familien vereinbart. Sie besprechen mit ihren Kindern, dass ihnen zum Beispiel die Zugreise an Weihnachten zum Sohn oder der Tochter zu viel wird. Viele trauen sich das nicht mehr zu. Bei uns genießen die Teilnehmerinnen den Service. Sie fahren mit dem Bus. Wir helfen, wenn es mal ein Problem gibt. Und der Koffer wird ihnen auf das Zimmer gebracht. Manche bekommen am Urlaubsort auch Besuch von den Enkeln oder den Kindern. Es gibt natürlich auch Teilnehmerinnen, da hat man das Gefühl, die Kinder möchten nur, dass die Mutter über Weihnachten versorgt ist. Aber das ist wirklich selten und in solchen Fällen kümmern wir uns ein bisschen mehr.

Shoppingcenter mit Tannenbaum

Einkaufen im Shoppingcenter - Auch das machen die älteren Teilnehmer noch gerne (Foto: Reinhard Gieger/pixelio.de)

Welche Aktivitäten bieten Sie an?

Wir machen Ausflüge in die nähere Umgebung. Detmold und Bad Lippspringe sind sehr schön und – für uns sehr wichtig – gut erreichbar mit dem Rollator, ebenerdig und ohne Kopfsteinpflaster. Die Teilnehmerinnen gehen überhaupt gerne in Geschäfte, stöbern und kaufen ein – auch mal ohne die eigenen Kinder. Oder wir besuchen Cafes. Aber auch Filmvorführungen und Spaziergänge stehen auf dem Programm. Das sind aber alles freiwillige Angebote. Wer Lust hat, kommt mit. Wenn jemand lieber einen Mittagsschlaf machen möchte, ist das auch ok.  Sehr beliebt sind die Spieleabende, besonders das Bingo-Spiel.

Alle Ausflugsziele sind mit dem Rollator gut erreichbar (Foto: Matchka/ pixelio.de)

Manche Teilnehmer brauchen Unterstützung durch einen Pflegedienst. Wie machen sie das im Urlaub?

Für diese Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommt die ambulante Diakoniestation aus Bad Lippspringe ins Haus. Die Diakonie-Mitarbeiterinnen sind beim Anziehen der Strümpfe behilflich oder unterstützen beim Duschen. Gibt es Probleme mit dem Rollator, hilft mein Mann. Wenn man ein gewisses Alter erreicht hat, dann ist das körperliche Befinden natürlich ein großes Thema. Letztlich lachen wir aber über all die körperlichen Mängel. Wir nehmen das mit Humor.

Silvester gibt es Sekt und Musik (Foto: Wandersmann/pixelio.de)

Zwischen Weihnachten und Neujahr kommen sicher auch viele Gefühle hoch.

Es sind vor allem Geschichten von früher, die unsere Reise-Teilnehmerinnen bewegen. Viele haben ja den Krieg erlebt oder den Mann verloren. Das sind alles Themen, da höre ich zu. Viele Gespräche ergeben sich beim Essen. Aber das wird nie rührselig. Die Stimmung ist immer heiter, vor allem an Silvester. Da gibt es ein Silvester-Büfett, Sekt, Berliner Ballen und wir feiern mit Musik. Die älteste Teilnehmerin hat mal bis um 2:00 Uhr nachts getanzt. Das Knallen um 24:00 Uhr überlassen wir dann lieber den anderen und schauen uns aus dem Fenster das Feuerwerk an.

Kaum zu Hause, verabreden sich viele schon für die nächste Reise  (Foto: Rainer Sturm/pixelio.de)

Ihre Berichte machen Mut, auch noch mit 80 Jahren Urlaubsreisen anzutreten und neue Leute kennenzulernen.

Ja, auf jeden Fall. Ich begleite seit 16 Jahren Seniorenreisen. Das Alter ist nur eine Zahl. Sie glauben nicht, wie fit eine 90-Jährige sein kann. Auch technisch sind die Älteren durchaus auf der Höhe. Viele besitzen ein Smartphone und bekommen über WhatsApp von Enkeln und Kindern Nachrichten und Bilder. Da freut sich dann die ganze Gruppe. Und wenn wir nach der Reise zu Hause aus dem Bus steigen, verabreden sich viele für die nächste Weihnachtsreise. Die meisten Teilnehmerinnen sind Wiederholungstäter.

Das Gespräch führte Sabine Portmann.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Portmann
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