2. August 2019

Sommerreihe: Ehrenamtliche in der Diakonie

Fit und sicher auf der Straße

So lange wie möglich mobil und unabhängig bleiben – Das wollen viele Senioren. Hans-Ulrich Sander hat eine Menge Tipps, wie das möglich ist und wann es Zeit wird, den eigenen Wagen stehen zu lassen. Für die Diakonie in Remscheid bietet der ehemalige TÜV-Sachverständige Beratungen, Fahrproben mit dem Auto und Sicherheitstrainings für Pedelecs an. Ein Ehrenamt, das den 66-jährigen Rentner selbst fit hält.

Mit über 60 Jahren noch mal in den Fahrschulwagen steigen und sich testen lassen – Das kostet Überwindung und weckt Erinnerungen. So mancher fühlt sich in die Zeiten seiner ersten Fahrstunden als Jugendlicher zurückversetzt. "Natürlich sind viele aufgeregt", sagt Hans-Ulrich Sander. "Aber wer sich darauf einlässt, weiß danach genau, was beim Autofahren noch gut klappt und was nicht."

Für den ehemaligen TÜV-Sachverständigen ist das eine wesentliche Voraussetzung, um im Alter ohne Unfälle und Unsicherheiten mobil zu bleiben. Seit zwei Jahren berät er bei der Diakonie im Kirchenkreis Lennep ehrenamtlich zum Thema "Mobilität im Alter".

Portrait

Bevor er in Rente ging, hatte Gustav-Adolf Kölsch eine eigene Fahrschule. Jetzt unterstützt er Hans-Urlich Sander bei den Fahrproben.

Beratung, Fahrproben und Gutachten

Der 66-jährige Rentner bietet Sprechstunden an, macht auf Wunsch mit dem ehemaligen Remscheider Fahrlehrer Gustav-Adolf Kölsch Fahrproben und erstellt Gutachten. Seit diesem Jahr organisiert Sander auch Sicherheitstrainings für E-Bike-Fahrer. "Unsere Gesellschaft wird immer älter, da ist Mobilität ein Riesenthema", sagt er. Die Resonanz auf sein eher ungewöhnliches Ehrenamt gibt ihm Recht. Regelmäßig melden sich ältere Menschen bei ihm und bitten um Beratung. Manche, weil sie selbst merken, dass es mit dem Autofahren nicht mehr so gut klappt, andere, weil die Kinder oder Enkelkinder darauf drängen.

"Viele haben Angst davor, den Führerschein abgeben zu müssen", erzählt Hans-Ulrich Sander. "In ihren Augen verlieren sie damit Freiheit und Selbstbestimmung." Ein typischer Spruch, den Sander zu hören bekommt, lautet: "Dann kann ich mich ja gleich auf den Friedhof legen." Doch es gibt viele Alternativen, bevor Senioren – vor allem auf dem Land - ganz aufs Auto verzichten müssen.

Gruppenfoto

Bei der Mobilitätsberatung ist Hans-Ulrich Sander in seinem Element.

Eigenverantwortung statt Pflichttests

Wer schlecht sieht, sollte bei Dunkelheit und Regen das Auto stehen lassen. Oftmals helfe es auch, sich einen anderen Wagen zu kaufen, der über höhere Sitze, eine Automatikschaltung sowie bessere Technik verfügt, etwa eine Rückfahrkamera, einen Fernlichtassistenten oder Regensensor. "Es mindert den Stress beim Fahren, weil man nicht auf so viele Dinge gleichzeitig achten muss." Immer wieder rät Sander auch dazu, noch mal ein paar Fahrstunden in Begleitung eines Fahrlehrers zu nehmen, um Unsicherheiten im Straßenverkehr sowie Fahrfehler, die sich eingeschlichen haben, zu überwinden.

 "Wichtig ist mir in meiner Beratung, dass die Senioren sich genau überlegen, wofür sie das Auto im Alltag brauchen und dann entscheiden, wie und ob sie es weiterhin nutzen." Hans-Ulrich Sander appelliert an die Eigenverantwortung. Von verpflichtenden Fahrtests für ältere Menschen hält er nichts: "In den europäischen Ländern, in denen es sie gibt, haben wir nicht weniger Unfälle."

Seine alte TÜV-Mappe hat er immer dabei.

 

Alternativen zum Auto

40 Jahre lang hat er beim TÜV Rheinland Prüfplaketten vergeben, Schaden- und Wertgutachten erstellt und auch so manchen Führerscheininhaber auf Anweisung überprüft. "Wenn die Behörde erstmal Druck macht, ist das Stresslevel hoch und der Führerschein schnell endgültig entzogen", betont er. "Für effektiver halte ich es, freiwillig auf das Fahren zu verzichten."

Gemeinsam mit den Senioren entwickelt der frühere Kraftfahrtsachverständige Alternativen zum Autofahren. So ist es günstiger, ein Taxi zu nutzen als nur ab und zu kleine Strecken mit dem eigenen Auto zu fahren. Bei Taxiunternehmen können oft Sonderkonditionen für regelmäßige Fahrten ausgehandelt werden. Wer Kinder und Enkelkinder am Ort hat, kann auch mit ihnen Vereinbarungen für die gemeinsame Nutzung des Fahrzeugs treffen. Weitere Alternativen sind Fahrgemeinschaften mit Nachbarn und Freunden oder die Organisation eines Bürgerbusses. "Soziale Kontakte zu pflegen, ist das A und O für die Mobilität im Alter."

Kommt sie um die Kurve oder nicht? Hans-Ulrich Sander beim Sicherheitstraining für ältere E-Bike-Fahrer.

Sicherheitstrainings für E-Bikes

Mobil sein – das bedeutet für immer mehr Senioren, auch mit dem E-Bike unterwegs zu sein. Doch das ist nicht minder gefährlich als sich unsicher mit dem Auto im Straßenverkehr zu bewegen. Im Jahr 2017 waren laut einer Polizeistatistik von den rund 5.000 verunglückten Pedelec-Fahrern 45 Prozent älter als 65 Jahre.

Deshalb hat Hans-Ulrich Sander mit der Diakonie, der Verkehrswacht Remscheid und der Polizei ein dreiteiliges Sicherheitstraining entwickelt, das am 16. August endet. "Ich bin immer wieder entsetzt, wie viele Senioren ohne Helm fahren", sagt er. Auch das Abbiegen mit dem E-Bike sei häufig ein Problem, weil sich die Fahrer nicht gut genug umschauten. "Dafür müssen sie einen Lenker loslassen. Doch das trauen viele sich nicht." Im Sicherheitstraining wird genau das geübt. Freundlich, sachlich und mit Humor macht Sander die älteren Teilnehmer fit für den Straßenverkehr. Mit Erfolg. "Es ist sicher ein Vorteil, dass ich selbst auch schon Rentner bin", sagt er. "Wir sind auf Augenhöhe."

Auch mit dem Motorrad ist der 66-jährige Ingenieur noch gerne unterwegs - nur nicht mehr alleine.

Grenzen achten, Gewohnheiten ändern

Hans-Ulrich Sander ist selbst viel und gerne auf der Straße unterwegs. Er fährt Cabrio, einen SUV und Motorrad. Doch er achtet dabei auf seine Grenzen. So fährt er nicht mehr alleine Motorrad. In der Dunkelheit lässt er sein Auto oder Motorrad stehen, und bei Sonnenschein setzt er sich dunkle Gläser auf seine Brille – "auch wenn das hässlich aussieht".  

"Man wird älter. Daran gibt es nichts zu rütteln. Also stellt man seine Gewohnheiten um", betont er. Der vierfache Vater und Großvater von zwei Enkelkindern findet das nicht dramatisch. "Hauptsache, ich habe einen Freundeskreis, lerne neue Menschen kennen und fühle mich gebraucht." Mobilität zeigt sich für ihn vor allem in Eigeninitiative und Neugierde. "Das ist für mich Lebensqualität und die hängt nicht davon ab, ob ich noch einen Führerschein habe."

Text und Fotos: Sabine Damaschke

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Sabine Damaschke

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Studie untersucht Fahrkompetenz im Alter

Sollen Senioren ab einem gewissen Alter ihren Führerschein abgeben oder nicht? Zur Klärung dieser Frage läuft gerade eine Langzeitstudie am Dortmunder Leibniz-Institut für Arbeitswissenschaft. Dort untersuchen die Forscher fünf Jahre lang, wie sich die Fahrkompetenz mit dem Alter entwickelt, wann Veränderungen auftreten und welche Mechanismen dabei im Gehirn ablaufen. Rund 400 Senioren im Alter zwischen 67 bis 76 Jahren nehmen an den Tests teil und steuern im Fahrsimulator ein virtuelles Auto durch verschiedene Verkehrssituationen. Mehr Informationen zur Studie: www.ifado.de/blog/2017/06/19/sicherfahren/