6. Juni 2019

Reform der Pflegenoten

Durchschnittswerte statt Traumnoten

Mehr als 300.000 Pflegebedürftige suchen jedes Jahr in Deutschland einen Heimplatz. Gradmesser für die Qualität der Einrichtungen sollten die Pflegenoten sein. Doch die waren bislang wenig aussagekräftig. Ab November gibt es nun einen neuen Bewertungskatalog. Was damit auf die Einrichtungen zukommt, war Thema eines Fachtages der Diakonie RWL.

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Engagierter Einrichtungsleiter, der die Pflegenoten für eine "Volksverdummung" hält: Oskar Dierbach im Haus Ruhrgarten in Mülheim an der Ruhr (Foto: Hans-Jürgen Bauer )

Wer für pflegebedürftige Angehörige einen guten Heimplatz sucht, hat die Qual der Wahl. Fast alle rund 13.600 Einrichtungen in Deutschland werben mit Einser-Traumnoten um neue Bewohnerinnen und Bewohner. "Die Pflegenoten tragen nur zur Volksverdummung bei", ist Oscar Dierbach, Leiter der Evangelischen Altenhilfe Mülheim an der Ruhr, überzeugt.

Ein anderes System, das Schwachstellen in der Pflege nicht mehr mit einer gut geführten Dokumentation und einem abwechslungsreichen Speiseplan vertuschen kann, hält er für dringend notwendig. Schon seit ihrer Einführung im Jahr 2009 gab es heftige Kritik an den Pflegenoten. Im November wird nun bundesweit eine neue Qualitätsbeurteilung eingeführt. Auf einem Fachtag der Diakonie RWL hat sich Oscar Dierbach jetzt mit rund 160 weiteren Fachkräften darüber informiert, wie dieser neue "Pflege-TÜV" aussieht.

Diesen Fragebogen müssen künftig alle Einrichtungen für ihre Bewohner ausfüllen.

Alle Bewohner werden erfasst

Das künftige Bewertungssystem wurde vom Bielefelder Pflegewissenschaftler Klaus Wingenfeld entwickelt und in vierjährigen Modellprojekten erprobt. Anhand von Codierungslisten und Erhebungsbögen mit Indikatoren müssen die Heime ihre Versorgungsergebnisse zunächst für alle Bewohner erfassen und sie an eine Datenauswertungsstelle schicken. Diese überprüft, ob die Angaben statistisch plausibel sind und erstellt einen Feedbackbericht, der die Versorgungsergebnisse der Einrichtung mit den Daten aller deutschen Heime vergleicht. Daraus kann die jeweilige Einrichtung schließen, ob und wo sie ihre Pflege verbessern muss.

Danach kontrolliert der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) in Stichproben, ob die Einrichtung eine fachlich nachvollziehbare Ergebniserfassung abgegeben hat. Er soll dazu auch die Bewohner und in einem Fachgespräch die Pflegekräfte befragen können. "Erstmals liegt damit in Deutschland ein wissenschaftlich entwickeltes, praktisch erprobtes und auf eine externe Prüfung hin abgestimmtes Verfahren zur Qualitätsermittlung vor", lobte Claudia Tellers, Qualitätsmanagerin der Evangelischen Perthes-Stiftung in Münster. Sie ist für elf stationäre Einrichtungen zuständig und hat sich bereits intensiv mit den 15 neuen Indikatoren befasst.

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Pflegewirtin Claudia Tellers hat sich für die Evangelische Perthes-Stiftung schon mit den Erhebungsbögen beschäftigt.

Im Fokus: Selbstständigkeit und Gesundheit

Unter der Überschrift "Erhalt und Förderung der Selbstständigkeit" werden die Mobilität der Heimbewohner sowie ihre Selbstständigkeit im Hinblick auf Körperpflege, Gestaltung des Alltagslebens, Ernährung und soziale Kontakte bewertet. Beim "Schutz vor gesundheitlichen Schädigungen und Belastungen" wird nach der Entstehung von Dekubitus, Sturzfolgen und Gewichtsverlust gefragt. Die Rubrik "Unterstützung bei spezifischen Bedarfslagen" schaut auf das Schmerzmanagement, die Qualität des Integrationsgespräches nach dem Einzug ins Heim oder die Anwendung von Schutzgittern vor den Betten.

"Es geht künftig darum, wie gut es gelingt, Mobilitätsverlust, Sturzverletzungen, die Entstehung von Druckgeschwüren oder den Einsatz freiheitseinschränkender Maßnahmen zu vermeiden", erklärte Claudia Tellers. Die Ergebnisse des Erhebungsreports, für den jedes Heim zwei Wochen Zeit hat und der alle sechs Monate erstellt werden muss, sollen dann mit Kategorien wie "weit über", "leicht über", "nah bei", "leicht unter" oder "weit unter dem Durchschnitt" bewertet und im Internet veröffentlich werden. "Mit dem bundesweiten Durchschnittswert haben wir jetzt eine ganz andere Basis für Vergleiche", meinte die Pflegewirtin.

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In einem Modellprojekt hat Qualitätsmanager Christoph Duchnik  das neue Bewertungssystem bereits erprobt.

Alle Informationen an einem Ort

Christoph Duchnik, Leiter des Qualitätsmanagements der Altenhilfe bei der Dachstiftung Diakonie in Hannover, hat das neue Bewertungssystem in einem vierjährigen Modellprojekt getestet. Seit 2015 wurden alle sechs Monate die Erhebungsbögen für die 45 Bewohner des Hauses Stephansruh ausgefüllt und die Plausibilitäts- sowie Qualitätsprüfungen des MDK mitgemacht. Pro Erhebung seien zwei Fachkräfte nötig, so Duchnik. "Eine besorgt die notwendigen Informationen aus den vorliegenden Pflegedokumentationen und bei den zuständigen Pflegekräften, die andere trägt alles in die Bögen ein."

Zu Beginn hätten die Fachkräfte 45 Minuten pro Bewohner gebraucht, zum Schluss nur noch zwischen zehn und 15 Minuten. "Pflege- und Diagnoseberichte, Stammdaten und Begutachtungsbögen – alles war zuerst an unterschiedlichen Orten erfasst und musste mühsam zusammengesucht werden", erzählte der Pflegewissenschaftler. "Eine gut geführte elektronische Bewohnerdokumentation ist ganz entscheidend dafür, wie schnell das Ausfüllen der Bögen geht."

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Mitglieder des Evangelischen Verbandes für Altenarbeit, der gemeinsam mit der Diakonie RWL zum Fachtag eingeladen hatte: Rudolf Michel-Fabian und Marc Schué mit Martina Althoff, Brigit Michels-Rieß und Kerstin Schönlau (v.l.)

Erproben und schulen

Sein Tipp lautete daher, möglichst jetzt schon mit Probeläufen zu beginnen und die Pflegekräfte darin zu schulen, was im neuen Qualitätskonzept unter Begriffen wie "Selbstständigkeit" zu verstehen ist. "Unstimmigkeiten fallen dem MDK bei der Kontrolle auf und können eine schlechte Bewertung bringen", warnte Duchnik.

An eben solchen Kriterien wie "Selbstständigkeit", "Mobilität" und "Körperpflege" übte Jutta König scharfe Kritik. "Was ist mit Bewohnern, die sich bewusst nicht aktivieren lassen, die es als ihr gutes Recht sehen, sich waschen zu lassen statt es selbst zu tun?" fragte die Wiesbadener Pflege-Prozess-Beraterin.

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Pflegeprozessberaterin Jutta König rät allen Pflegekräften,  die Entscheidungen der Kontrolleure zu hinterfragen.

Selbstbewusst gegenüber dem MDK

"Diese ganzen Qualitätssysteme berücksichtigen viel zu wenig das Recht auf Selbstbestimmung der Bewohner", kritisierte sie und riet den Fachkräften, selbstbewusst gegenüber dem MDK aufzutreten. "Hinterfragen Sie immer die Entscheidungen der Kontrolleure. Sie sind die Experten, denn Sie erleben die Bewohner jeden Tag."

Auch Oscar Dierbach sieht das neue Bewertungssystem kritisch. "Die Denkrichtung ist richtig", betonte er. Der MDK müsse bei seiner Kontrolle nun ein stärkeres Augenmerk auf das Gespräch mit Bewohnern und Fachkräften legen statt nur in die Pflegedokumentation zu schauen. "Doch wenn sich nicht bald etwas daran ändert, dass eine Fachkraft in ihrer Schicht 11 bis 14 Bewohner zu versorgen hat, wird sich die Qualität der Pflege nicht verbessern."

Text und Fotos: Sabine Damaschke

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