12. April 2018

Quartiersentwicklung

Das Altenzentrum als Motor im Quartier

Die Idee ist bekannt: Alte Menschen sollen am sozialen Geschehen im Stadtteil weiter teilnehmen können, auch wenn sie in ein Altenheim ziehen. Was aber, wenn im Stadtteil wenig passiert, wenn Treffpunkte für Gemeinschaft und Teilhabe fehlen? In Leichlingen engagiert sich das Altenheim der Rheinischen Gesellschaft mit eigenen Projekten für das soziale Leben - und profitiert selbst dabei. 

Nebeneinander, lachend

Dagmar Schwanke-Körmann (re.) mit zwei weiteren engagierten Besucherinnen des Quartierstreffs.

Das Altenheim als letzte Station des Lebens, am Rand der Stadt gelegen und isoliert von allem, was das städtische Leben ausmacht – dieses Bild hatte Dagmar Schwanke-Körmann jahrelang vor Augen, wenn sie an eine Senioreneinrichtung dachte. Mit der Konsequenz, dass sie überlegte, "wie ich verhindern kann, jemals in einem Heim zu landen". Ihre Freundinnen dachten ähnlich. Doch über Kontakte im "Leichlinger Quartierstreff" hat sich ihr Denken verändert. "Ich weiß jetzt, wenn es dazu kommt, kommt es darauf an, wie ich das gestalte, was ich wähle, was ich noch daraus mache", ist sie inzwischen überzeugt. Dagmar Schwenke-Körmann gehört zu den Bürgern der Kleinstadt Leichlingen bei Solingen, die sich im 2017 gegründeten offenen Quartierstreff engagieren.

Dazu gehört ein Erzähltreff, der vor allem von älteren Frauen besucht wird, ein "Reparatur Café", in dem sich vorrangig Männer engagieren oder eine Schreibwerkstatt mit "Poetry Slammern" verschiedenen Alters. Hinzu kommen Angebote für besondere Zielgruppen, zum Beispiel "kreatives Basteln" mit Kindern oder eine Kunstwerkstatt für Menschen mit Demenz sowie Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen etwa zum Wohnen im Alter. 

Vor einer Stellwand mit vielen Aushängen

Hilde Cordes am Eingang des Quartierstreffs. Hier informiert eine Stellwand über Aktivitäten im Treff, im Altenzentrum und an weiteren Orten in Leichlingen.

Brücke zum Altenzentrum

Geleitet wird der Treff von Hilde Cordes, einer Diplom-Sozialpädagogin, die bis dahin im Sozialen Dienst des Evangelische Altenzentrum Hasensprungmühle tätig war, einer Einrichtung der Rheinischen Gesellschaft. Die Finanzierung geschieht mit einem Förderbeitrag der Stiftung Wohlfahrtspflege und einem Eigenanteil der Rheinischen Gesellschaft. Antragsstellung und erste Schritte wurden vom Zentrum Fundraising der Diakonie RWL beraten und begleitet.

Für das öffentliche Leben in der Kleinstadt Leichlingen hat sich das neue Angebot schon jetzt gelohnt. Aber lohnt es sich auch für das Altenheim, das den Treff initiiert hat? Ja, sagt Stanislaus Stegemann, Leiter des Altenzentrums mit 100 Pflegeplätzen, einer Tagespflege und betreutem Wohnen. Vom zunehmenden Leben im Quartierstreff profitiere auch das Leben im 1.500 Meter entfernen Altenzentrum mit 100 Pflegeplätzen, einer Tagespflege und betreutem Wohnen.

Portrait

Stanislaus Stegemann vor den neuen betreuten Wohnungen und der Tagespflege des Altenzentrums Hasensprungmühle

Erweiterung des Horizonts

Der Kreis der Personen, der Angebote an beiden Standorten nutzt, wächst laut Stegemann. Die Einrichtung gewinnt dabei an Attraktivität. "Unsere Warteliste ist, seit wir den Quartierstreff haben, noch länger geworden", sagt er. Aber das sei für ihn nicht der springende Punkt. Die bessere Verwurzelung im Quartier bringt aus Stegemanns Sicht viel wichtigeren Nutzen. "Mit dem Quartierstreff wird unsere Einrichtung als Mitspieler bei der Stadtentwicklung anders wahrgenommen", meint er. Ihre Stimme gewinne bei Politik und Trägern von Angeboten an Gewicht.

"Wir werden nicht mehr nur als Vertreter des Altenheims gesehen, sondern als Akteur mit weiterem Horizont.“ Die Einrichtung wird vermehrt zu öffentlichen Veranstaltungen eingeladen, gewinnt an Reputation und an Überblick über alles, was zum Thema Alter in der Stadt läuft - ein selbst in der Kleinstadt Leichlingen oft unübersichtliches Geschehen, wie Stegemann erzählt, der das Altenzentrum seit 18 Jahren leitet.

Beitrag für ein besseres Image der Altenpflege

Als Träger, der sich mit allen Fragen gelingenden Lebens im Alter befasst, lasse sich leichter auch das aus seiner Sicht viel zu schlechte Bild von Altenpflege verbessern, meint Stegemann. Etwa, dass das Leben in der Geborgenheit eines Altenheims sehr lebenswert ist. "Hier wird wie überall im Leben gelacht und es gibt viele glückliche Zeiten", ergänzt Annette Stratmann, Prokuristin bei der Rheinischen Gesellschaft.

Der mit dem Engagement im Quartier verbundene Imagewandel einer Altenpflegeeinrichtung, die nicht mehr nur mit Unselbständigkeit und Sterben verknüpft wird, erleichtere Menschen einen offeneren Blick auf das Leben im Altenheim, meint sie. In ihrem Selbstverständnis können Altenheime zentrale Akteure bei der Gestaltung einer Gemeinde sein, in der sich gut alt werden lässt.

Portrait

Annette Stratmann

Ein Motor für das Quartier

Ihre Vision ist ein Altenheim, das gern besucht wird - als offener, lebendiger Treffpunkt der Generationen und Kulturen, "in der Bewohnerinnen und Bewohner am Ende ihres Lebens, auch als Sterbende, mitten in der Gemeinschaft leben, soweit sie dies wollen". Das Altenzentrum ins Quartier zu öffnen, reiche dazu nicht. "Wir sind Motor im Quartier", sagt Annette Stratmann selbstbewusst.

Dagmar Schwanke-Körmann will die Möglichkeit eines Lebensendes im Heim nicht mehr verdrängen. Vor kurzem hat sie eine hochaltrige Bekannte motiviert, sich Einrichtungen anzuschauen. Dabei will sie ihre Freundin begleiten, um sich "an ein Leben im Altenheim heranzutasten, dort schon mal einen Kaffee zu trinken, Menschen kennenzulernen oder an Aktivitäten teilzunehmen". 

Text und Fotos: Christian Carls

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Christian Carls
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Der Aufbau des Leichlinger Quartierstreffs wurde vom Ev. Zentrum für Quartiersentwicklung unterstützt. Es ist angesiedelt im Zentrum Drittmittel und Fundraising der Diakonie RWL,  das Beratung und Seminare zur inklusiven Quartiersentwicklung und zu innovativen Beteiligungs- und Vernetzungsformaten anbietet.