20. Januar 2017

Pflegebildungsreform

Stiefkind Altenpflegeschule

Eigentlich sollte die generalisierte Pflegeausbildung längst beschlossen sein. In NRW wäre die Zusammenführung der drei Ausbildungen zur Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege für die unterfinanzierten Altenpflegeschulen ein Weg aus der Krise. Doch das Pflegeberufegesetz lässt auf sich warten. Die Diakonie RWL fordert die Landesregierung daher auf, die Altenpflegeausbildung jetzt ausreichend zu finanzieren.

Portrait

Robert Böhle

Im Grunde ist Robert Böhle stolz auf sein Fachseminar für Altenpflege im St. Johannisstift in Paderborn. Der 42-jährige Leiter der Altenpflegeschule unterrichtet gemeinsam mit seinem kleinen Team dort jährlich zwischen 150 bis 170 Auszubildende. Die Pädagogen sind bei den Schülern beliebt, die Durchfallquoten gering.

Doch wenn er Besuchern das Gebäude zeigt, schwingt bei allem Stolz auch Ärger mit. "Das alte Kasernengebäude der Bundeswehr, in dem unsere Schule untergebracht ist, kommt schon lange an seine räumlichen Grenzen", erzählt Böhle. Aber das Geld, um Unterrichtsräume in anderen Gebäuden anzumieten, fehlt.

Von einer modernen Ausstattung kann der Fachseminarleiter nur träumen. Die Lehrer stehen vor alten Kreidetafeln, die Schüler sitzen auf wackeligen Stühlen. „Es ist ein täglicher Spagat zwischen innovativen Lehrmethoden und einer eher archaisch wirkenden medialen Ausstattung“, sagt Böhle. Seit Jahren denken wir über die Anschaffung eines interaktiven Whiteboards nach, aber letztlich scheitert es immer an der Finanzierung.“

Die Schülerschaft in der Altenpflegeausbildung ist traditionell sehr heterogen und die Lehrer haben den Anspruch, sie individuell zu unterrichten. Die Spanne reicht von der 18-jährigen Auszubildenden mit Hauptschulabschluss bis zum 55-jährigen Architekten, der sich beruflich umorientieren möchte. „Täglich müssen wir improvisieren, an allem sparen. Das drückt mittlerweile aufs Gemüt“, gibt Robert Böhle zu.

Klassenraum

Kreidetafeln statt Whiteboards: Klassenraum im Fachseminar des St. Johannisstifts

Fixe Pauschale bei steigenden Personalkosten

Für die theoretische Ausbildung eines jeden Schülers erhält das Fachseminar seit 2007 eine pauschalierte Zuwendung von 280 Euro im Monat. Vorher waren es noch 317 Euro. Die nordrhein-westfälische Landesregierung finanziert die Schulplätze.

Die Kosten der praktischen Ausbildung werden seit 2012 über eine Altenpflegeumlage bestritten, für die die Einrichtungen in der Pflege und die Pflegebedürftigen aufkommen.

"Dieses Modell verbucht die Landesregierung als großen Erfolg, weil damit die Anzahl der Ausbildungsplätze seit 2012 um etwa 6.000 auf 18.000 gestiegen sind", erklärt die Leiterin des Geschäftsfeldes Krankenhaus und Gesundheit bei der Diakonie RWL, Elke Grothe-Kühn. Zu den Mitgliedern des Sozialverbandes gehören 33 Altenpflegeschulen in NRW, darunter das Fachseminar des St. Johannisstifts. "Mehr Schüler, aber seit zehn Jahren die gleiche Pauschale – das funktioniert nicht." Allein der Blick auf die Entwicklung der Tarife verdeutliche, dass die Fachseminare extrem sparen müssten. Wo es nur ging, seien Personalkosten reduziert und so gut wie nichts mehr für die räumliche und sachliche Ausstattung der Schulen ausgegeben worden.

260 Euro mehr für Krankenpflegeschüler

Personal musste im Fachseminar des St. Johannisstifts bislang nicht entlassen werden. Doch die jährlichen Tarifsteigerungen in den Gehältern konnten nur durch rigides Sparen bei den Sachkosten und Querfinanzierungen im Unternehmen ausgeglichen werden. Böhles Team arbeitet eng mit dem Kollegium der benachbarten Krankenpflegeschule des St. Johannesstifts zusammen. Dort gibt es pro Schüler und Monat rund 540 Euro. Die fast doppelt so hohe Summe ist einem anderen Finanzierungsmodell geschuldet, an dem die Krankenkassen beteiligt sind.

Portrait

Elke Grothe-Kühn

"Die Altenpflegeausbildung ist das Stiefkind der pflegerischen Berufsausbildung in Deutschland", kritisiert Grothe-Kühn. Schon seit gut zwanzig Jahren kämpft die Diakonie um eine Berufsbildungsreform in der Pflege, die diese "Zwei-Klassen-Ausbildung" beendet. Doch die generalisierte Pflegeausbildung lässt immer noch auf sich warten. Gegen den von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe vorgelegten Gesetzentwurf liefen zahlreiche Politiker und Berufsverbände Sturm. Sie fürchten steigende Kosten, aber auch Qualitätseinbußen in der Pflege.

Inhalte der Pflegeausbildung oft vergleichbar

Robert Böhle hält die in dieser Form spezialisierte Ausbildung für längst überholt, zumal es sie sonst in keinem anderen europäischen Land gibt. "Andere Professionen wie die Ärzteschaft kennen eine Spezialisierung erst nach erfolgter generalistischer Ausbildung", sagt er. "In den pflegerischen Ausbildungen haben wir schon heute bis zu 80 Prozent vergleichbare Inhalte." So sei etwa Demenz nicht nur ein Thema für die Altenpflegeschüler. Auch das Pflegepersonal im Krankenhaus müsse sich damit auskennen. Ebenso seien gute Kenntnisse der medizinischen Versorgung auch für die Altenpflege wichtig. Patienten werden heute schneller aus der Klinik entlassen und ins Seniorenheim rückverlegt, so dass medizinisch-pflegerische Tätigkeiten noch viel Raum einnehmen.

Schüler sitzen in einem Klassenraum

Altenpflegeschüler im St. Johannisstift

In ihrer praktischen Ausbildung lernen die Schüler daher schon heute das jeweils andere Arbeitsfeld kennen. Mit dem Ergebnis, dass sich manch ein Krankenpflegeschüler nach seinem Examen bewusst für die Altenpflege entscheidet, weil er dort zum Beispiel eine engere Beziehung zu den Patienten hat.

Der umgekehrte Weg ist allerdings schwieriger. Doch angesichts des Fachkräftemangels in der Pflege hätten auch Altenpflegeschüler inzwischen immer häufiger eine Chance in der Krankenpflege, beobachtet Böhle.

Vorausgesetzt, sie bekommen eine qualitativ hochwertige Ausbildung. Die Diakonie RWL appelliert deshalb an die nordrhein-westfälische Landesregierung, dafür endlich die notwendigen finanziellen Ressourcen zur Verfügung zu stellen. "Unsere Gesellschaft wird immer älter und die durch die Pflegereform eingeleitete bessere Versorgung der Demenzkranken erfordert mehr Personal", betont Elke Grothe-Kühn. "Mehr denn je brauchen wir gut ausgebildete Fachkräfte in der Altenpflege."

Text: Sabine Damaschke, Fotos: St. Johannisstift Paderborn

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