22. Juni 2017

Pflegeausbildung

Startklar für die generalistische Pflege

Erst die gemeinsame Ausbildung von Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflegern und dann die Spezialisierung – so war die Pflegeberuferefom gedacht. Herausgekommen ist ein kompliziertes Gesetz, das heute verabschiedet wurde. Doch ohne neue Ausbildungsverordnung kann es nicht umgesetzt werden. Was jetzt? Die Diakonische Altenhilfe Wuppertal setzt trotzdem auf die generalistische Ausbildung.

Gruppenbild

Christian und Marcel üben die richtige Lagerung des Patienten 

In einem kleinen Dachzimmer der Altenpflegeschule pauken Christian, Marcel und Dennis für ihre Abschlussprüfung. Drei Jahre haben sie sich mit Anatomie, Krankheitsbildern, Wundversorgung und Demenz beschäftigt. Im Demoraum nebenan haben sie in Rollenspielen geübt, wie sie Beratungsgespräche mit Angehörigen führen oder Patienten richtig im Bett lagern und aus dem Rollstuhl heben.

Vieles aus ihrer theoretischen und praktischen Ausbildung könnten sie auch in der Krankenpflege anwenden, aber mit ihrem Abschluss als examinierte Altenpflegekraft sind sie jetzt auf diesen Berufszweig festgelegt.

Evelyn Adams findet das ungerecht. "Wer Krankenpflege lernt, kann problemlos in die Altenpflege wechseln und hat durch zahlreiche Fort- und Weiterbildungen Aufstiegsmöglichkeiten", sagt die Leiterin der Diakonie Akademie Wuppertal. "Außerdem kann er überall in Europa arbeiten. Die deutsche Altenpflegefachkraft ist dagegen nicht anerkannt, weil es sie in anderen Ländern schlichtweg nicht gibt."

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Evelyn Adams und Andreas Polack kämpfen schon lange für die generalistische Pflegeausbildung

Gesetz will allen gerecht werden

Schon lange ist die gelernte Krankenschwester eine Verfechterin der generalistischen Pflegeausbildung. Genauso wie Andreas Polack, Geschäftsführer der Diakonie Altenhilfe Wuppertal, zu der acht stationäre Einrichtungen , ein Pflegedienst und die Diakonie Akademie gehören. Rund 100 Auszubildende arbeiten dort. 250 besuchen die dreizügige Schule, in der elf Dozenten unterrichten. Unter den 33 diakonischen Altenpflegeschulen in NRW gehört sie zu den größten. Was die Schüler dort über Pflege lernen, entspricht bereits zu 80 Prozent den Inhalten, die auch an den Krankenpflegeschulen vermittelt werden.

"Es ist längst überfällig, dass wir in Deutschland endlich das Berufsbild der Pflegefachkraft etablieren", meint Polack. Der Geschäftsführer hat daher große Hoffnungen auf die Pflegeberufereform gesetzt. Doch nach Protesten von Ärzten und privaten Pflegeverbänden und heftigen Diskussionen in der Koalition ist heute ein komplizierter Gesetzentwurf verabschiedet worden, der allen irgendwie gerecht werden möchte. So soll es ab 2020 zwar eine generalistische Ausbildung geben, aber weiterhin ein Berufsabschluss in Altenpflege sowie der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege möglich sein.

In der generalistischen Ausbildung gibt es nach zwei Jahren eine Zwischenprüfung, die - je nach landesrechtlicher Regelung - zum Pflegeassistenten qualifizieren kann. Im dritten Ausbildungsjahr erfolgt die Vertiefung in den vorher gewählten Praxisschwerpunkten "stationäre Akutpflege", ehemals Krankenhaus, "stationäre Langzeitpflege", früher Altenpflege, und Kinderkrankenpflege.  "Dieses Gesetz ist kein großer Wurf", sagt Andreas Polack. "Aber ein Kompromiss ist mir lieber als gar nichts."

Bild: Heidemarie Rotschopf

Heidemarie Rotschopf spricht vom "Kompronix-Gesetz"

Planspiel für die Generalistik

Doch das "Kompronix-Gesetz", wie Fachleute in der Diakonie bereits ironisch witzeln, hat noch einen weiteren Haken. Es kann erst umgesetzt werden, wenn es eine neue Ausbildungs- und Prüfungsverordnung gibt. Und die soll erst frühestens im Frühjahr 2018 kommen. "Vorher weiß kein Träger, wie er den Lehrplan gestalten muss", kritisiert Diakonie RWL-Expertin Heidemarie Rotschopf. "Wir befürchten, dass einige kleinere Schulen nun aufgeben, denn mit dem Gesetz sollte auch eine bessere Finanzierung einhergehen und viele Träger stehen jetzt schon vor dem finanziellen Kollaps."

Fast ein Jahr, bis Klarheit herrscht – das ist eine lange Zeit. Und dann wird es hektisch, denn das Gesetz soll 2020 in Kraft treten. Die komplexe Pflegeausbildung auf den Weg zu bringen, ist ein Mammutprojekt. Schließlich müssen die Träger 2.100 Stunden Theorie und mindestens 2.500 Stunden Praxis gestalten. 

Klassenraum

Der Unterricht im Fachseminar muss neu konzipiert werden

Die Pflegeschulen brauchen nun Kooperationspartner für die Praxiseinsätze in der stationären Akutpflege und Kinderkrankenpflege. Auf dem Papier hat das Fachseminar der Diakonischen Altenhilfe Wuppertal den Lehrplan für 50 dreijährige Plätze in der generalistischen Ausbildung mit einem Kooperationspartner bereits durchgespielt. "Wir sind vorbereitet und können daher ziemlich schnell starten", betont Polack.

Image der Pflegeberufe verbessern

Der Geschäftsführer ist froh, dass das Gesetz nun endlich verabschiedet wurde – auch, wenn die Ausbildungsverordnung noch auf sich warten lässt. Denn wie alle anderen Altenpflegeschulen ist das Fachseminar mit 280 Euro monatlicher Pauschale, die die NRW-Landesregierung pro Schüler zahlt, deutlich unterfinanziert. Die Krankenpflegeschulen erhalten dagegen durchschnittlich 460 Euro und mehr pro Monat und Schüler. "Dieses ungerechte Finanzierungsmodell muss durch das Bundesgesetz aufgehoben werden", erklärt Polack. 

Portrait

Evelyn Adams hofft auf mehr Geld für ihre Schule - für Tablets statt Kreidetafeln

Vielleicht wären dann auch Tablets statt Kreidetafeln möglich, hofft Evelyn Adams. Denn die Ausstattung der Fachseminare entspricht keineswegs der modernen Pflegeausbildung, die die 53-jährige Schulleiterin und ihr Team im Unterricht vermitteln. Die Ausstattung ist so altmodisch wie das Image der Altenpflege als "Sauber und Satt-Versorgung", das sich hartnäckig hält. Und auf das auch Christian, Marcel und Dennis immer wieder stoßen.

 "Alle sagen zu mir: Du wirst Altenpfleger? Respekt, aber das könnte ich nicht!", erzählt Christian. Doch wenn die drei jungen Männer über ihre Ausbildung berichten, werden sie als Pflegeexperten wahrgenommen. "Freunde fragen mich, was sie tun sollen, wenn ihre Großeltern oder Eltern krank sind", meint Marcel schmunzelnd.

Text und Fotos: Sabine Damaschke

Ihr/e Ansprechpartner/in
Heidemarie Rotschopf
Referent/in, Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe e.V.
Krankenhaus und Gesundheit, Beratung und Ausbildung in Gesundheitsberufen
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