6. November 2018

Pflege für Menschen mit Demenz

Wohngemeinschaft statt Station

Je älter Menschen werden, desto häufiger erkranken sie an Demenz. In Deutschland gibt es schon heute rund 1,6 Millionen Betroffene. Studien haben gezeigt, dass sie mit besonderer Unterstützung länger selbstständig leben können. Die Diakonie in Gütersloh bietet deshalb Pflege-Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz an. Ein Konzept, das gefragt ist. Die Wartelisten sind lang.

In der Küche und im Wohnzimmer treffen sich die Bewohnerinnen und Bewohner. (Foto: Diakonie Gütersloh e. V. / Buchwald)

In der Pflege-WG in Gütersloh-Friedrichsdorf riecht es nach Kartoffeln mit Heringsstipp. Während die Köchin das traditionelle Fischgericht zubereitet, helfen ihr einige ältere Frauen, die Kartoffeln zu schälen. Was auf den Tisch kommt, bestimmen die 17 Bewohnerinnen und Bewohner jede Woche mit. "Manche sagen auch, sie haben ihr Leben lang genug gekocht, jetzt möchten sie nicht mehr", erzählt Teamleiterin Rosemarie Aue. "Das ist natürlich in Ordnung."

Diese Wohngemeinschaft, in der die jüngste Bewohnerin 77 und die älteste 94 Jahre alt ist, gehört zu insgesamt zehn Pflege-WGs, die die Diakonie Gütersloh für Menschen mit Demenz seit über zehn Jahren anbietet. Alle haben ein barrierefreies Zimmer mit Bad, das circa 25 Quadratmeter groß ist. Gekocht wird in der Wohnküche.

Margarethe Dorn (links) ist jeden Tag mit dem Rollator unterwegs. Teamleiterin Rosemarie Aue (rechts) betreut sie in der WG. (Foto: Diakonie Gütersloh e. V. / Buchwald)

Der Bewegungsdrang ist hoch

Viele Bewohner, die in der WG im Gütersloher Stadtteil Friedrichsdorf leben, sind hier aufgewachsen. Die 90-jährige Margarethe Dorn etwa geht jeden Tag ihre Runde durch das Dorf. Den Rollator hat sie bei ihren Ausflügen immer dabei. Wenn sie sich gut fühlt, geht sie die etwas weitere Strecke bis zum Grab ihres Mannes.

Trotz ihrer Demenzerkrankung schafft sie den Weg immer alleine zurück, denn alles ist ihr hier vertraut. "Wir sperren niemanden ein", sagt Rosemarie Aue. Das gehört zum Konzept. Wer dann nicht schlafen kann und durch die Wohnung läuft, muss nicht zurück ins Bett. "Unsere Bewohnerinnen und Bewohner können auch fernsehen oder wir kochen ihnen einen Tee." 

Die Pflegekräfte haben immer einen Blick darauf, wer gerade wo ist und die Wohnungen sind so gebaut, dass am Eingang ein Dienstzimmer liegt. Beruhigende Medikamente versuche man so wenig wie möglich einzusetzen, betont die Teamleiterin. "Wir arbeiten eng mit der Gerontopsychiatrischen Ambulanz und mit einer Hausärztin zusammen, die im Notfall  in drei Minuten bei uns ist."

Die Betreuung in der WG ist sehr individuell: Einer Bewohnerin, die immer sehr auf ihr Äußeres geachtet hat, werden die Fingernägel lackiert.

Familiär und nah an den Bewohnern

In der Wohnküche liest eine Bewohnerin am Tisch laut die Zeitung vor. Der Tagesablauf orientiert sich am ganz normalen Ablauf in einer Familie. Aber es gibt zusätzliche Angebote wie Bewegung, Andachten, Filmnachmittage, Klangschalenmassage, Garten- oder Biografiearbeit. Auch Ausflüge stehen auf dem Programm.

Nur über die Biografie der älteren Menschen lasse sich verstehen, wie ein gutes Leben für den Demenzkranken aussehen könne, erklärt Rosemarie Aue. "Einer Bewohnerin, die immer sehr auf ihr Äußeres geachtet hat, lackieren wir deshalb immer noch die Fingernägel." Bei einem frühen Stadium der Demenz können davon betroffene Menschen noch ihre Wünsche beschreiben. Später sind die Pflegekräfte auf die Erzählungen der Angehörigen angewiesen.

Oft bemerkten die Kinder erst dann die Demenz von Vater oder Mutter, wenn die Eltern nicht mehr ihren Namen wüssten, erzählt Rosemarie Aue. Aber Demenz beginne oft schon viel früher. Viele würden anfangen, sich alles zu notieren oder entwickelten auch Strategien, die Erkrankung zu vertuschen. Auf die Frage, wie alt sie sind, antworteten manche dann zum Beispiel einfach: "Raten Sie mal."

Die Pflegekräfte achten sehr auf regelmäßiges Trinken.

Angehörige gestalten Alltag mit

Angehörige sind in der Wohngemeinschaft immer willkommen und gestalten den Alltag mit. "Bei uns können sie sich so einbringen, wie es ihnen zeitlich möglich ist und wie sie es wollen." Es gibt Angehörigenabende, an denen die Demenz der Eltern thematisiert wird.

"Da fließen auch mal Tränen", sagt die Teamleiterin. "Die immer starken Eltern jetzt so durch die Krankheit gezeichnet zu sehen ist für viele schwer." Auch für diese Gefühle sei Raum in der WG. Meist aber seien die Angehörigen erleichtert, wenn sie miterlebten, wie sich der Zustand ihrer Eltern bessere.

Das ist häufig der Fall. Rosemarie Aue führt es auch darauf zurück, dass die Pflegekräfte sehr auf regelmäßiges Trinken achten. Entscheidend dafür aber ist für sie, dass die alten Menschen sich in der WG wohlfühlen und ihnen so viel Freiraum wie möglich gelassen wird.

Jeden Freitag kommt die Pfarrerin und feiert mit den Bewohnerinnen und Bewohnern einen Gottesdienst.

Gute Betreuung bis zuletzt

Die Kosten für die Wohngemeinschaft sind vergleichbar mit einem Pflegeheimplatz. Die Wohngemeinschaft ist ambulant, aber vor Ort ist immer dasselbe Team.  Zusätzlich gibt es die Nachtwache – immer eine Pflegefachkraft –, die in der WG schläft, sowie eine Haushaltshilfe, die zum Kochen in die Einrichtung kommt.

Die Pflege-WG ist meist die letzte Lebensstation für die alten Menschen. Hier werden sie auch betreut, wenn es ans Sterben geht. Dann ist die Pfarrerin der Gemeinde für die Bewohnerinnen und Bewohner da. Sie kennt die alten Menschen gut, weil sie jeden Freitag mit ihnen Gottesdienst im Gemeinschaftsraum feiert. Und sie kommt gerne. "Wir sind hier wie eine große Familie", betont Rosemarie Aue. "Das gefällt allen Besuchern."

Text und Fotos: Sabine Portmann, Teaserfoto: Diakonie Gütersloh e. V. / Buchwald

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