6. Dezember 2019

Personalbemessung in der Pflege

Auf dem Weg in eine neue Pflegewelt

Die Prognosen für das deutsche Pflegesystem sind düster: Bis 2030 steigt die Zahl der Pflegebedürftigen um 50 Prozent und – wenn nichts getan wird – fehlen rund 350.000 Beschäftigte in der Pflege. Doch stimmen diese Schätzungen? Wie viel Personal eine stationäre Einrichtung tatsächlich für eine gute Pflege benötigt, untersucht der Bremer Gesundheitsökonom Heinz Rothgang. Im Gespräch mit der Diakonie RWL stellt er erste Ergebnisse vor. Diakonie RWL-Pflegeexperte Rudolf Michel-Fabian gibt ergänzende Hinweise und appelliert an die Politik.

  • Professor Heinz Rothgang von der Universität Bremen

"Gute Pflege" ist bei uns eng verknüpft mit einer hohen Zahl an gut ausgebildeten Fachkräften. Nicht umsonst gibt es eine bundesweit festgeschriebene Fachkraftquote von 50 Prozent. Ist diese bundesweite Quote ein Garant für gute Pflege?

Heinz Rothgang: Nein, das ist sie nicht. Diese Fachkraftquote ist nicht wissenschaftlich begründet, sondern "historisch zufällig" entstanden. Zudem kann eine solche Relation von Fach- zu Assistenzkräften für sich genommen überhaupt nicht sinnvoll sein, wenn kein Bezug zur Zahl der zu versorgenden Pflegebedürftigen enthalten ist. Auf Basis unserer Daten, die wir seit Juli 2017 mithilfe von 242 Pflegefachkräften bei 1.380 Bewohnern in 62 Einrichtungen erhoben haben, können wir erstens sagen, dass insgesamt deutlich mehr Personal in der Altenpflege benötigt wird. Zweitens brauchen wir im Durchschnitt in einem deutlich höheren Umfang zusätzliche Assistenzkräfte und in geringerem Umfang zusätzliche Fachkräfte. Wenn wir eine gute Pflege ermöglichen wollen, sollten wir dabei die Fachquote von 50 Prozent durch einen bedarfsorientierten und somit einrichtungsindividuellen Personalmix ersetzen.

Wie kann das funktionieren?

Heinz Rothgang: Wir haben einen Algorithmus entwickelt, der für jede Einrichtung eine nach fünf Qualifikationsniveaus gegliederte Personalmenge errechnet. Die Zahl und Qualifikation der Pflegekräfte hängen dabei von der Zusammensetzung der Bewohnerschaft und ihren Pflegestufen ab. Sie reichen von angelernten Kräften über Pflegekräfte mit einer ein- bis zweijährigen Ausbildung und Fachkräfte mit einer dreijährigen Ausbildung bis zu Fachkräften mit einer Zusatzqualifikation, etwa in Palliativpflege. Mit einem bedarfsorientierten Personalmix werden vor allem die Fachkräfte mit einer dreijährigen Ausbildung entlastet, die starke Arbeitsverdichtung erleben und deshalb oft in Teilzeit arbeiten oder vorzeitig aus ihrem Beruf aussteigen. Ihre Rolle kann weiterentwickelt werden, indem sie deutlich stärker in der Planung, Koordination und Anleitung eingesetzt werden.

Die Mitarbeitenden in fünf Qualifikationsstufen einzuteilen und genau festzulegen, wer bei welchem Bewohner mit welchem Pflegegrad aktiv werden darf, hört sich kompliziert an. Kommt damit auf die Heime nicht noch mehr Bürokratie und Dokumentation zu?

Heinz Rothgang: Unser Algorithmus ist nicht kompliziert. Die Einrichtungen können ihn mit ganz geringem Aufwand einsetzen. Es ist aber sicher nicht leicht, die größeren Personalmengen entsprechend ihrer Kompetenzen einzusetzen. Das bedeutet oft, die Pflege ganz neu organisieren zu müssen. Hier ist ein Umdenken notwendig. In den Einrichtungen haben wir es häufiger erlebt, dass versucht wurde, mit wenig Personal alle erforderlichen Tätigkeiten zu erledigen – und dementsprechend eine Kultur der Hektik vorherrschte. Unser Team hat dann gemeinsam mit den Fachkräften vor Ort eine Pflege geplant, die mit ausreichend Personal in Ruhe möglich wäre. Das ist die Basis der bemessenen Personalmengen. Dabei ist auch klar geworden, dass die Einführung des Personalbemessungsverfahrens in den Einrichtungen mit einer Personal- und Organisationsentwicklung einhergehen muss. Und das wird für viele Einrichtungen eine große Aufgabe werden.

Rudolf Michel-Fabian, Leiter des Geschäftsbereiches Pflege, Alter und Behinderung der Diakonie RWL

Rudolf Michel-Fabian, Leiter des Geschäftsbereiches Pflege, Alter und Behinderung der Diakonie RWL

Wie sieht es hier bei den Einrichtungen der Diakonie aus, Herr Michel-Fabian?

Rudolf Michel-Fabian: Unser Fachverband hat bereits 2011 eine Empfehlung für eine qualifikationsorientierte Arbeitsteilung herausgegeben und viele Einrichtungen haben sich auch schon auf diesen Weg gemacht. Allerdings ist die Umsetzung bei der derzeit dünnen Personaldecke oft nicht zu leisten. Wir haben, wie Herr Rothgang auch, in der genannten Veröffentlichung "Personalkonzepte der Zukunft jetzt entwickeln" die Aufgaben der Fachkräfte eher in der Planung, Koordination und Anleitung gesehen. So ähnlich definiert auch das nordrhein-westfälische Wohn- und Teilhabegesetz Vorbehaltsaufgaben von Fachkräften. Die brauchen dafür aber auch Freiräume.

Herr Rothgang, Sie sollen bis Ende Juni 2020 das Verfahren zur Personalbemessung entwickelt und erprobt haben. Wann kann es in der Praxis umgesetzt werden?

Heinz Rothgang: Wir schlagen vor, bereits im Sommer 2020 mit einer modellhaften Einführung des Personalbemessungsverfahrens in ein oder zwei Dutzend Einrichtungen zu beginnen, die zwei bis drei Jahre Unterstützung in ihrer Personal- und Organisationsentwicklung erhalten. Gleichzeitig sollte schon möglichst bald für alle Einrichtungen der Personalschlüssel schrittweise angehoben werden – zunächst nur in Bezug auf die Refinanzierungsmöglichkeiten, später dann auch als ordnungsrechtliche Vorgabe. Das sollte wiederum mit verstärkten Rekrutierungsbemühungen und Ausbildungsoffensiven einhergehen, denn es fehlt ja das Fachpersonal. Die schrittweise Einführung der Personalbemessung könnte über einen Zeitraum von ein bis zwei Legislaturperioden erfolgen – dann aber auch praktisch umsetzbar sein.

Herr Michel-Fabian, wie ist das für die Einrichtungen zu schaffen?

Rudolf Michel-Fabian: Organisationsentwicklung ist ein ständiger Prozess zur Weiterentwicklung der Qualität, in dem unsere Einrichtungen geübt sind. Allerdings braucht es für die, nach den Erkenntnissen von Herrn Rothgang anstehenden, Organisationsentwicklungsprozesse genügend Personal und das nicht erst in acht Jahren. Wenn der Gesetzgeber die Erkenntnisse ernst nimmt und das Nötige umsetzen will, muss er sich im kommenden Jahr dazu schon auf den Weg für bessere Rahmenbedingungen machen. Schließlich können wir das am Ende erforderliche Personal auch nicht von heute auf morgen rekrutieren.

Wie soll das bezahlt werden?

Heinz Rothgang: Mehr Personal in der Pflege – auch wenn es mehr Assistenz- als Fachkräfte sind –  kostet. Schon heute müssen pflegebedürftige Menschen im Bundesdurchschnitt monatlich insgesamt knapp 2.000 Euro im Monat für einen Heimplatz zahlen – mit steigender Tendenz. Das kann so nicht weitergehen. Deshalb brauchen wir dringend eine Finanzreform der Pflegeversicherung. Sie sollte – ähnlich wie die Krankenversicherung – alle Pflegeleistungen in bedarfsnotwendigem Umfang zur Verfügung stellen. Die Versicherten zahlen nur einen festen, als "Sockel" bezeichneten Betrag. Finanziert werden kann dies über die Pflegeversicherung. Dann steigt natürlich der Beitragssatz. Wenn zusätzlich Steuermittel genutzt und Privatversicherte einbezogen werden, lassen sich Mehrkosten für die Beitragszahler aber vermeiden.

Das ist eine radikale Umstellung des derzeitigen Systems. Wie sehen Sie die Chancen, dass die Politik sich darauf einlässt?

Heinz Rothgang: Nur eine radikale Reform löst die Probleme, die wir derzeit in der Pflege haben. Ich hoffe, dass die Politik die Kraft für diesen Schritt aufbringt. Übrigens ist das, was wir als Gesundheitsökonomen der Universität Bremen übereinstimmend mit Wohlfahrtsverbänden wie der Diakonie und auch politischen Akteuren fordern, gar nicht so "linksradikal" wie es uns manchmal vorgeworfen wird. Ganz im Gegenteil. Schon der CDU-Sozialminister und "Vater der Pflegeversicherung" Norbert Blüm wollte 1995 bei der Einführung der Pflegeversicherung, dass damit alle pflegebedingten Kosten im Heim finanziert werden und sich der Eigenanteil nur auf Unterkunft und Verpflegung bezieht.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke. Teaserfoto: Diakonie Deutschland

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Professor Heinz Rothgang ist Gesundheitsökonom und leitet die Abteilung Gesundheit, Pflege und Alterssicherung am SOCIUM-Forschungszentrum für Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen. Im Juli 2017 wurde er von den Vertragsparteien der Pflege-Selbstverwaltung beauftragt, mit einem Team von 14 Wissenschaftlern ein einheitliches Personalbemessungsverfahren für die deutschen Pflegeeinrichtungen zu entwickeln und zu erproben.