21. August 2020

Onlinediskussion

Zwischen Selbstbestimmung und Isolation

Seit Monaten beschäftigt uns der ‘Lockdown’. Dabei gab es eine komplette Abschottung gar nicht. Tatsächlich waren nur Senioren und Menschen mit Behinderung von der Außenwelt isoliert. Was bedeutet die Corona-Krise für ihre Teilhabe und Selbstbestimmung? Über diese Frage hat die Diakonie RWL in einer Onlineveranstaltung diskutiert. 

  • Viel zu diskutieren: Die Teilnehmenden der Onlineveranstaltung im Screenshot. (Fotocollage: Herbst)

Strenge Besuchsregeln, Kontaktverbote, Einsamkeit – bis Mitte Mai waren Seniorinnen und Senioren in Alten- und Pflegeheimen von der Außenwelt isoliert. Und auch Menschen mit Behinderung in Wohngruppen mussten im Haus bleiben. Mittlerweile werden die Restriktionen gelockert. Was können wir aus den getroffenen Maßnahmen lernen? Wie können wir die Selbstbestimmung auch während des Ausbruchs einer Epidemie sicherstellen? Darüber haben fünf Teilnehmende in einer Onlineveranstaltung der Diakonie RWL diskutiert.

Sigrid Graumann ist Sozialethikerin und leitet die Evangelische Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe. (Foto: S.Damaschke)

Sigrid Graumann ist Sozialethikerin und leitet die Evangelische Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe.

Senioren erlebten größte Einschränkungen

Die Jungen sollten solidarisch sein mit den Alten, hieß es zu Beginn der Corona-Epidemie in Deutschland. "Dabei mussten die Alten faktisch die größten Einschränkungen hinnehmen", sagte Sigrid Graumann, Leiterin der Evangelischen Hochschule Bochum und Mitglied im Deutschen Ethikrat. "Sie mussten drinnen bleiben. Nicht, um sich selbst zu schützen, sondern um eine Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern." Das zeige eine deutliche Schieflage der aktuellen öffentlichen Debatte.

Jetzt sei ein guter Zeitpunkt, um zu reflektieren, was und wie wir es tun, betonte Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann. "Alle Maßnahmen in Verbindung miteinander waren nicht immer sinnvoll. Es gab eine gewisse Irrationalität im Empfinden des Infektionsgeschehens." Als christliche Organisation müsse die Diakonie Menschen dazu ermutigen, ihre Ängste zu überwinden. Es gehe nicht darum, Hygienemaßnahmen in den Wind zu schlagen, sondern die Mitarbeitenden noch intensiver zu schulen und dann genau abzuwägen. Es gehe nicht nur darum, am Leben zu bleiben. Sondern die Würde und das ‘Wie’ müsse stärker im Fokus stehen. 

Ein Paar mit Down-Syndrom während eines Spaziergangs. (Foto: Shutterstock)

Spazierengehen und rumalbern: Während der Corona-Pandemie war das für viele Menschen mit Behinderung nicht möglich. Sie mussten in ihren Wohngruppen bleiben. 

Das Recht auf Unvernunft

"Seniorinnen und Senioren und Menschen mit Behinderung haben das Recht auf ein gewisses Maß an Unvernunft – wie jeder andere auch. Sie müssen mitgenommen werden", argumentierte Graumann. Wenn ein 19-jähriger Mann mit geistiger Behinderung in die Kneipe gehen wolle, um ein Bier zu trinken, sei es nicht gerechtfertigt, ihn monatelang "faktisch einzusperren".

"Wir müssen die alten Menschen fragen, was sie wollen und was ihnen wichtig ist", betonte auch Peter-Christian König, Leiter der Stabsabteilung Altenhilfe des Evangelischen Johanneswerks. In den 36 Pflegeheimen des Werks gebe es diejenigen, die eher ängstlich auf das Corona-Virus reagierten und sich so gut wie möglich schützen wollten. "Es gibt aber auch die Senioren, die deutlich offener mit dem Risiko umgehen. Wir haben es mit ganz normalen Menschen zu tun."

Steinbemalungsaktion in einer Wohngruppe der Stiftung Hephata (Foto: Shima Tayebi)

Ablenkung: In einer Wohngruppe der Ev. Stiftung Hephata bemalen die Bewohner während der Corona-Pandemie im Garten Steine.

Kleine Wohngruppen nicht abriegeln

Es sei merkwürdig, dass Menschen, die in kleinen Wohngruppen von bis zu sechs Personen lebten, anders behandelt wurden als Privathaushalte, kritisierte Günther van de Loo von der Stabsstelle Sozialpolitik der Evangelischen Stiftung Hephata. "Es gab eine ungeheure Geschäftigkeit, die Maßnahmen zügig umzusetzen. Ob sie sinnvoll und gerechtfertigt sind, beginnen wir erst jetzt zu fragen."

Dabei seien kleinere Einrichtungen in der Behinderten- und Altenhilfe die Zukunft, betonten van de Loo und Graumann. "Die größten ‘Super-Spreader’ waren in den großen Altenheimen zu finden. Das zeigt: Wir müssen jetzt dafür sorgen, dass die stationäre Altenpflege umstrukturiert wird – egal, was es kostet – es braucht kleinere Wohneinheiten", forderte die Leiterin der Evangelischen Hochschule Bochum.

Es müsse stärker ins öffentliche Bewusstsein gebracht werden, dass Seniorenheime und besonders Wohngruppen für Menschen mit Behinderung nur noch selten große Wohnkomplexe seien, in denen der einzelne mit vielen anderen in Kontakt komme, ergänzte die Moderatorin der Onlinediskussion, Helga Siemens-Weibring. Im Johanneswerk habe sich das deutlich gezeigt: "Während des Lockdowns ist die Sterberate dramatisch zurückgegangen. Es ist ja nicht nur das Corona-Virus nicht reingekommen, auch die Grippe-Viren sind draußen geblieben", berichtet Peter-Christian König.

Pflegedienstleitung Evamaria Borow ist stolz auf ihre Mitarbeitenden, die ihre persönlichen Kontakte stark eingeschränkt haben, um die Bewohner nicht zu gefährden. (Foto: privat)

Pflegedienstleitung Evamaria Borow ist stolz auf ihre Mitarbeitenden, die ihre persönlichen Kontakte stark eingeschränkt haben, um die Bewohner nicht zu gefährden.

Kreativität ist nötig

Auf den Einrichtungen habe ein hoher Druck gelastet, sagte Rudolf Michel-Fabian, politischer Referent, der während der Veranstaltung die Kommentare der Zuschauenden betreute. "Wenn es eine Infektion in der Einrichtung gibt, ist das Image auf lange Zeit verbrannt." "Das war schon sehr deutlich zu spüren", stimmte Evamaria Borow, Pflegedienstleitung im Seniorenzentrum Hans-Dringenberg des Diakonischen Werkes Gladbeck-Bottrop-Dorsten, zu. "Wir haben das Thema Virus immer wieder gründlich aufgearbeitet. Das hat Sicherheit geschafft."

Die Dinge von einem neuen Blickwinkel aus betrachten und unkomplizierte Lösungen finden – das war die tägliche Herausforderung für die Pflegekräfte in der Corona-Pandemie. "Nach den Öffnungen im Mai hat es zunächst eine große Unsicherheit gegeben bei den Mitarbeitenden, aber auch bei den Bewohnern. Was ist jetzt möglich? Was darf ich?", erzählte Evamaria Borow. Ihre Kollegen hätten sich sehr flexibel der herausfordernden Situation gestellt und sich privat eingeschränkt. "Viele Mitarbeitenden haben ihre sozialen Kontakte massiv eingeschränkt, um die Bewohnerinnen und Bewohner nicht zu gefährden." Insgesamt sei ihr Team viel näher zusammengerückt.

Text: Ann-Kristin Herbst, Fotos: Fotocollage aus Screenshots, Shutterstock, Sabine Damaschke, Shima Tayebi und privat.

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