26. Februar 2019

Modellprojekt "Integrierte Tagespflege"

Vom Altenheim zum modernen Pflegezentrum

Pflegebedürftige werden in Deutschland entweder im Altenheim oder zu Hause versorgt. Zusätzlich gibt es die Tagespflege, die ältere Menschen stundenweise außerhalb ihrer Wohnung betreut. Im westfälischen Hiddenhausen bricht das Evangelische Johanneswerk diese Trennung im Modellprojekt "Pflege stationär weiterdenken" auf. Die vielfältigen Angebote des Pflegezentrums sind im Stadtteil sehr gefragt.

Manuela Schock, Leiterin von Haus Stephanus in Hiddenhausen

"Einsamkeit ist das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann", sagt Manuela Schock. Die Leiterin von Haus Stephanus in Hiddenhausen weiß, was es bedeutet, wenn ältere Menschen so allein sind, dass sie davon krank werden. Gleichzeitig möchten viele so lange wie möglich zu Hause gepflegt werden.

Ein Widerspruch, den das Johanneswerk in einem Modellprojekt aufheben will, an dem sich Haus Stephanus seit zwei Jahren beteiligt. Statt streng zwischen stationärer, teilstationärer und ambulanter Pflege zu trennen, bietet es eine "integrierte Tagespflege" an.

Die Mitarbeitenden betreuen die Bewohnerinnen und Bewohner des Altenheims und die Gäste der Tagespflege gemeinsam und organisieren die Freizeitangebote, insbesondere die Ausflüge, für alle. Die Gäste der Tagespflege werden morgens abgeholt, frühstücken in der Einrichtung und nehmen dann am ganz normalen Programm – zum Beispiel die Zeitungsrunde am Morgen – teil. Gemeinsam besuchen sie Veranstaltungen und Feste im Stadtviertel, gehen in Konzerte und Cafés oder fahren zum Spargelessen.

Die Gäste der Tagespflege und die Bewohnerinnen und Bewohner des Altenheims machen gemeinsam Ausflüge. (Foto: Freie Wohlfahrtspflege NRW)

Tapetenwechsel lässt Menschen aufblühen

Gerade die Ausflüge liegen Manuela Schock sehr am Herzen. "Hauptsache der Wagen rollt, egal wohin", sagt sie lachend. "Tapetenwechsel ist wichtig." Zusammen etwas erleben, ins Gespräch kommen, Freundschaften schließen – all das lässt die älteren Menschen aufblühen. Das Leben, das für viele von Einsamkeit geprägt war, wird wieder lebenswert.

"Ohne die Tagespflege", so hat ein Tagespflegegast zu Manuela Schock einmal gesagt, "würde ich immer noch alleine hinter der Gardine sitzen und traurig sein." Doch auch die Bewohner im Altenheim profitieren von der "integrierten Tagespflege". Viele sind sehr alt, drei über Hundertjährige leben in der Einrichtung. Die Gäste der Tagespflege sind meistens noch jünger und gesundheitlich besser dran. Sie beleben das Altenheim.

Sechs Tagespflegeplätze gibt es in der Piloteinrichtung in Hiddenhausen, die sich 20 Kunden teilen. Erprobt wird das Projekt, das von der Stiftung Wohlfahrtspflege gefördert und von den beteiligten Städten Bielefeld und Herford unterstützt wird, an zwei weiteren Standorten in Nordrhein-Westfalen. Träger der drei Modellprojekte sind das Evangelische Johanneswerk gGmbH, die v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel und die AWO.

Rudolf Michel-Fabian, Leiter des Geschäftsbereiches Pflege, Alter und Behinderung der Diakonie RWL

Rudolf Michel-Fabian, Leiter des Geschäftsbereiches Pflege, Alter und Behinderung der Diakonie RWL

Altenheime als Pflegezentren im Quartier

Für das Modellprojekt wurde ein eigener Versorgungsvertrag mit den Krankenkassen abgeschlossen. "Die Angebote im Altenheim und die Leistungen der Tagespflege werden heute sonst räumlich und konzeptionell getrennt voneinander organisiert", so Rudolf Michel-Fabian, Leiter des Geschäftsbereiches Alter und Pflege in der Diakonie RWL. Das Modell eröffne interessante Perspektiven.

Altenheime zu Pflegezentren im Quartier zu machen, ist Ziel des Projekts. Schon beim Bau der Einrichtung vor 24 Jahren habe man sich gut über innovative Konzepte in den Niederlanden und Dänemark informiert, erzählt Manuela Schock. Nebenan wurden Seniorenwohnungen gebaut. Man wollte keine "Krankenhausflure". Daher sind kleine zweistöckige Einheiten entstanden. Viele Menschen in den angegliederten Seniorenwohnungen kommen zum Mittagessen ins Pflegeheim.

Manuela Schock ist wichtig, dass die Menschen in der Einrichtung ins Gespräch kommen.

Entlastung für Angehörige

Der Vorteil, dass fast alle Pflegeangebote im Haus gebündelt werden, bietet die Möglichkeit zwischen den Angeboten zu wechseln. Wenn Angehörige zum Beispiel in den Urlaub fahren möchten, können Gäste der Tagespflege für die Zeit in die stationäre Kurzzeitpflege aufgenommen werden. Das fällt dann nicht so schwer, da die Einrichtung schon bekannt und das Pflegepersonal vertraut ist.

"Das ist für die Angehörigen eine enorme Erleichterung", beobachtet Manuela Schock. Auch sie sollen sich im Heim wohl fühlen. "Jeder bekommt hier einen Kaffee", erzählt sie. Doch nicht nur das. Donnerstags werden abends Hähnchen von der Pommesbude um die Ecke für die Bewohner und die Angehörigen bestellt, die da sind. "Dazu gibt es Herforder Pils oder Cola, wie zu Hause", sagt die Einrichtungsleiterin.

Auch das gemeinsame Mittagessen hilft, Einsamkeit zu überwinden.

Einsamkeit überwinden, Gemeinschaft leben

Pflegeheime zu Orten zu machen, in denen Gemeinschaft gelebt wird, ist das, was Manuela Schock antreibt. Sie hofft sehr, dass das Modell der "integrierten Tagespflege" dauerhaft finanziert wird und sie die Tagespflege im Haus ausbauen können, denn die Wartelisten sind lang.

Und sie hat auch noch weitere Ideen, wie man mit neuen Ansätzen Pflege verbessern kann. Sie würde zum Beispiel gerne eine Betreuung über Nacht für Tagesgäste anbieten. "Manche Angehörige möchten mal eine Nacht durchschlafen, um dann wieder die Kraft zu haben, den Angehörigen zu Hause zu betreuen."

So kämpft Manuela Schock mit neuen Ideen für eine gute Pflege und gegen die Einsamkeit. Ihre Vision sind Altenheime, die zu Orten im Quartier werden, an denen Menschen sich begegnen, treffen und in der letzten Lebensphase gemeinsam unterwegs sind.

Text und Fotos: Sabine Portmann

Ihr/e Ansprechpartner/in
Weitere Informationen
Bewerten Sie diesen Artikel
Durchschnittliche Bewertung: 5 (10 Stimmen)