22. Oktober 2019

Kampagne zur Pflegeausbildung

"Mach Karriere als Mensch!"

Ab 2020 werden Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflegerinnen gemeinsam ausgebildet. Die Bundesregierung begleitet die Umsetzung des neuen Pflegeberufegesetzes mit einer Kampagne, die heute unter dem Titel "Mach Karriere als Mensch" startet. Sie soll dazu beitragen, dass die Zahl der Auszubildenden bis 2023 um zehn Prozent steigt. Diakonie RWL-Pflegeexpertin Heidemarie Rotschopf hat Zweifel, ob das gelingt.

  • Plakat der Kampagne

Die Bundesregierung hat eine "Ausbildungsoffensive Pflege" gegründet, die mehr Menschen für diesen Beruf begeistern und die Ausbildungsbedingungen mit 111 konkreten Maßnahmen verbessern will. Dazu gehört auch die heute gestartete Kampagne. Was halten Sie davon?

Ich finde die Materialien für die Kampagne gelungen. Mit Claims wie "Mehr echte Likes gibt es nirgends" oder "Macht sogar deine Mudda stolz" geht sie salopp und witzig auf die Sprache junger Leute ein. Der Titel "Mach Karriere als Mensch" nimmt Bezug auf das, was die meisten Pflegekräfte in diesen Beruf geführt hat: Sie wollen nah am Menschen arbeiten, etwas mit und für andere tun. Außerdem gibt es kaum einen Beruf, der den Mitarbeitenden so viele verschiedene Möglichkeiten bietet, sich weiterzuentwickeln. Sie können sich auf Fachbereiche spezialisieren, in der Leitung oder der Pflegewissenschaft arbeiten. Das ist mit Karriere gemeint.

Bild: Heidemarie Rotschopf

Heidemarie Rotschopf ist Diakonie RWL-Expertin für die Ausbildung in Gesundheitsberufen

Erklärtes Ziel der Ausbildungsoffensive Pflege ist es, die Zahl der Auszubildenden bis 2023 um zehn Prozent zu steigern. Ist das realistisch?

Zumindest für Nordrhein-Westfalen habe ich da starke Zweifel. Derzeit gibt es etwa 38.000 Auszubildende in der Pflege. Damit sind wir bundesweit Spitzenreiter. Es ist eine enorme Steigerung im Vergleich zu den letzten Jahren. Alleine in der Altenpflege konnten wir die Zahlen von rund 10.000 im Jahr 2012 auf jetzt rund 18.000 fast verdoppeln. Durch die sogenannte Altenpflegeumlage ist es der Landesregierung gelungen, die Ausbildung für die Träger deutlich attraktiver zu machen. Die Ausbildungsvergütung der Arbeitgeber wird komplett durch die Umlage erstattet. Wir können zufrieden sein, wenn wir die jetzigen Ausbildungszahlen halten. Ich vermute, dass mehr erstmal nicht möglich ist.

Wie sieht es mit den Schulplätzen aus, die von 2019 bis 2023 ebenfalls im Bundesdurchschnitt um zehn Prozent steigen sollen?

Unsere 75 evangelischen Pflegeschulen, die wir als Diakonie RWL in NRW betreuen, arbeiten mit Hochdruck am Ausbau von Ausbildungsplätzen. Derzeit ist die Rede davon, dass im kommenden Jahr rund 40 Prozent mehr Plätze angeboten werden. Ich bin da noch etwas skeptisch, ob das tatsächlich so sein wird. Schließlich hängt die Zahl der Plätze auch davon ab, wie viele Lehrer die Schulen bekommen. Und genau hier hakt es in NRW. Wir haben zu wenig Dozenten mit einem Masterabschluss in Pflegepädagogik, wie ihn das neue Pflegeberufegesetz fordert. Es gibt einfach zu wenige Masterstudienplätze in Nordrhein-Westfalen. Die müssten dringend ausgebaut werden.

Wie geht das Land damit um?

Statt mehr Masterplätze an den Hochschulen einzurichten, wurde der Lehrer-Schülerschlüssel für die nächsten zehn Jahre hochgesetzt. Der Gesetzgeber hat eigentlich einen bundesweiten Schlüssel von 1:20 festgelegt. In Nordrhein-Westfalen finanziert das Land nur einen Schlüssel von 1:25. So benötigt man weniger Lehrer, aber die Qualität der Ausbildung leidet.

Klassenraum

Vom digitalen Klassenzimmer sind die Pflegeschulen noch weit entfernt.

Dafür soll der Unterricht digital weiterentwickelt werden.

Das ist richtig. Unsere Pflegeschulen profitieren vom "Digitalpakt Schule". Er war ja zunächst nur für eine bessere digitale Ausstattung an allgemeinbildenden Schulen. Jetzt haben erstmals auch die Ersatzschulen, wie zum Beispiel die evangelischen Berufskollegs, die Pflegeschulen und Fachschulen für Gesundheitsfachberufe,  Anspruch auf Förderung. Sie müssen ein technisch-pädagogisches Konzept vorlegen. Dazu gibt es konkrete Hilfen seitens des Schulministeriums, so dass dies für die meisten Pflegeschulen kein Problem sein dürfte. Schließlich spielt die Digitalisierung in der Pflege eine große Rolle. Die Schülerinnen und Schüler sollten schon im Unterricht lernen, wie man in Datenbanken recherchiert und die Ergebnisse in den Arbeitsalltag integriert. In anderen Gesundheitsfachberufen wie etwa der Laborassistenz geht es darum, einen digitalen mikroskopischen Befund zu bewerten.

Auch die praktische Ausbildung wird jetzt stärker in den Blick genommen. Wie verändert sie sich mit dem neuen Pflegeberufegesetz?

Die Schulen müssen einen völlig neuen Lehrplan gestalten. Die neue Pflegeausbildung vermittelt keine Lerninhalte mehr, sondern Kompetenzen. Unterrichtet werden zum Beispiel Pflegeprozesse und Pflegediagnostik, Kommunikation und Berufsethik. Das beeinflusst auch die praktische Ausbildung, die bei verschiedenen Trägern absolviert werden muss. Dort sollen pädagogisch qualifizierte Praxisanleiterinnen und -anleiter die Azubis begleiten. Auch sie müssen jetzt in Kompetenzen statt den bisher üblichen Lerninhalten denken. Das wird eine große Herausforderung für unsere Träger.

Sie bezeichnen die Umsetzung der neuen Pflegeausbildung gerne als "Herkulesaufgabe". Wie unterstützt die Diakonie RWL die evangelischen Schulen und Träger dabei?

Wir sehen vor allem in der kompetenzorientierten Planung der praktischen Ausbildung Unterstützungsbedarf. Da fehlen noch Konzepte, wie die Kompetenzbereiche, die in der theoretischen Ausbildung unterrichtet werden, in der Praxis vermittelt werden können.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Heidemarie Rotschopf
Referent/in, Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe e.V.

Krankenhaus und Gesundheit, Beratung und Ausbildung in Gesundheitsberufen

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