13. Februar 2020

Interview mit Bundespflegebeauftragtem

"Prävention ausbauen, ambulante Pflege stärken"

Es tut sich etwas beim Lebensthema Pflege. Initiativen und Kampagnen werben für den Beruf. Lokale Bündnisse setzen sich ein für gute Pflege vor Ort. Besonders wichtig ist, die ambulanten Pflegedienste zu stärken, um die häusliche Pflege zu sichern. Im Interview mit der Diakonie RWL macht der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, hierzu programmatische und pragmatische Vorschläge.

  • Bundespflegebeauftragter Andreas Westerfellhaus im Interview mit der Diakonie RWL
  • Bundespflegebeauftragter Andreas Westerfellhaus im Interview mit der Diakonie RWL

Sprechen wir einmal nicht von "Pflegenotstand" oder gar "Pflegekatastrophe", aber die geburtenstarken Jahrgänge kommen allmählich ins pflegebedürftige Alter. Was sind aus Ihrer Sicht die drei zentralen Herausforderungen für die Pflege im jetzt anbrechenden Jahrzehnt?

Ganz oben auf der Liste stünden bei mir der Ausbau von Präventions- und Rehabilitationsmaßnahmen. Es muss zukünftig darum gehen, Pflegebedürftigkeit zu verhindern oder zumindest so lange es geht, hinauszuzögern. Hier gibt es interessante Ansätze, die konsequent in die Fläche gehören. Denn Alter ist kein Synonym für Pflegebedürftigkeit.

Wenn es dann irgendwann nicht mehr ohne Hilfe geht und Menschen einen Pflegebedarf haben, liegt für mich als zweite zentrale Herausforderung ganz klar die Stärkung der ambulanten Pflege im Fokus. Oberste Maxime ist, die Selbstbestimmung der Menschen zu respektieren und zu ermöglichen. Dazu sind für mich drei Dinge elementar: Erstens eine niedrigschwellige, professionelle und unabhängige Beratung, die in die Häuslichkeit geht und die Menschen durch unser System lotst. Ich habe dazu bereits das Konzept des Pflege Ko-Piloten vorgelegt.

Zweitens: Die Leistungen der Pflegeversicherung müssen für die Menschen leicht verständlich, transparent und einfach abrufbar sein. Die tausend Kästchen, diversen Anträge und Anspruchsvoraussetzungen, wie wir sie jetzt kennen, sollten dringend überarbeitet und in ein echtes Entlastungsbudget überführt werden. Und Drittens: Die Rahmenbedingungen in der ambulanten Pflege müssen so ausgestaltet sein, dass es genügend Anbieter gibt – seien es Pflegedienste oder Kurzzeitpflegeeinrichtungen. Hier habe ich ebenso Vorschläge gemacht, was konkret zu tun ist.

Dritte zentrale Herausforderung sind die Pflegekräfte. Wir brauchen nicht nur mehr Fachkräfte, sondern auch Pflegehilfskräfte und akademisierte Pflegekräfte. Es geht dabei auch um deren Aufgabenverteilung – sowohl innerhalb der Berufsgruppe als auch interprofessionell zwischen anderen Gesundheitsfachberufen. Das alles sind dicke Bretter – aber sie stehen auf meiner Agenda. Da bleibe ich dran.

Viele ambulante Pflegedienste haben lange Wartelisten, weil ihnen das Personal fehlt. Nicht so die Diakoniestation Münster, in der Claudia Wahl arbeitet. (Foto: Sabine Portmann)

In Ihrem Papier "Ambulante Pflege sicherstellen – faire Löhne zahlen und Pflegepersonal binden" sprechen Sie die Gefahr an, dass Pflegebedürftige "keinen Pflegedienst finden, der sie versorgen kann". Worin liegen die wesentlichen Gründe hierfür?

Ein ganz wesentlicher Grund ist, dass die meisten Pflegedienste am Limit arbeiten und schlichtweg das Personal nicht mehr haben, um noch mehr Pflegebedürftige zu versorgen. Dabei gibt es zwei Herausforderungen für Pflegedienstinhaber – nämlich neues Personal zu finden und das Stammpersonal zu halten. Hier sind gute Arbeitsbedingungen wichtig. Stimmen diese nicht, schauen sich die Pflegekräfte bestenfalls nach anderen Arbeitgebern um, und schlimmstenfalls steigen sie komplett aus dem Pflegeberuf aus. Um gute Arbeitsbedingungen bei sich zu realisieren, braucht es engagierte Führungskräfte, die kontinuierlich Verbesserungsprozesse anschieben und reflektieren. Es braucht aber auch die Rahmenbedingungen, die Spielräume für bessere Arbeitsbedingungen ermöglichen. Dazu gehören eine faire, tarifliche Bezahlung, Freiräume für Fortbildungen, Praxisanleitung von Auszubildenden oder auch innovative Arbeitszeitmodelle für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ich wette mit Ihnen, dass jede Krankenkasse genau das für ihre eigenen Mitarbeiter schon macht. Vielleicht sollten die Kassenverhandler mal mit ihrer Personalabteilung sprechen, was normal und üblich ist. Das dürften sie dann auch getrost Pflegeeinrichtungen zugestehen. Beide sollten mehr tun – sowohl die Einrichtungen als auch die Kostenträger.

Was muss getan werden, um "die professionelle Pflege zu Hause nachhaltig zu sichern", wie es in Ihrem Papier heißt?

Zentral sind für mich die Vergütungsverhandlungen zwischen Pflegedienst und den Landesverbänden der Pflegekassen bzw. Krankenkassen. Pflegedienste haben nicht nur mit zwei unterschiedlichen Vergütungssystematiken, sondern auch mit unzähligen Verhandlungspartnern zu kämpfen, je nachdem, ob Pflegeleistungen oder Leistungen der häuslichen Krankenpflege verhandelt werden. Wenn es hart auf hart kommt, muss man gegen jede Krankenkasse einzeln ins Schiedsverfahren und vor das Sozialgericht ziehen. Das ist zeit- und kostenintensiv und sicherlich auch zermürbend. Das muss sich ändern. Es braucht gleichlange Spieße, um Verhandlungen auf Augenhöhe zu führen. Dazu gehört ein einheitliches Verfahren für Vergütungsverhandlungen und ein einheitliches Schiedsverfahren – und zwar nach den Maßstäben der Pflegeversicherung. Das setzt voraus, dass der Wettbewerb zwischen den Krankenkassen ausgeschlossen wird. Das gibt es im Übrigen schon: Die Verträge der Ärzteschaft werden bspw. einheitlich und gemeinsam von allen Krankenkassen im Bundesland abgeschlossen.

Pflegekraft im Krankenhaus

Pflege im Krankenhaus wird meist besser vergütet als ambulante Pflege. Doch die Bezahlung alleine ist es nicht, was Pflegekräfte in ihrem Beruf hält.  Mehr dazu hier. (Foto: Pixabay)

In der Diakonie RWL gibt es keine großen Differenzen in den Entgelten zwischen den Pflegefachkräften in der ambulanten Pflege und denen, die im Krankenhaus arbeiten. Dennoch ist es auch für unsere Träger schwierig, in ausreichendem Umfang Personal zu finden. Woran könnte das liegen?

Wie schon erwähnt, gehört zu guten Arbeitsbedingungen nicht nur eine faire Bezahlung. Auch andere Kriterien sind wichtig zu beleuchten. Allen voran die Dienstplanstabilität. Es macht einen großen Unterschied, ob ich mich auf einen Dienstplan verlassen und meine freien Wochenenden verplanen kann oder ob ich ständig damit rechnen muss, aus dem Frei geholt zu werden. Auch Entwicklungsmöglichkeiten spielen eine Rolle – wohin kann ich mich beruflich entwickeln? Welche Perspektiven bietet mir mein Arbeitgeber? Gelingt es, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen? Darauf müssen die Führungskräfte Antworten haben. Hier haben Krankenhäuser vielleicht gegenüber kleinen oder mittelständischen Pflegediensten Vorteile, da sie meist eine eigenständige Personalabteilung haben, die Freiräume für solche Themen hat.

Aber Hand aufs Herz: Viele Arbeitgeber wissen doch sehr genau, wie ihre Arbeitsbedingungen aussehen. Viele schaffen es aber nicht, diese im laufenden Betrieb zu verändern. Darum habe ich ein Projekt zur Umsetzung guter Arbeitsbedingungen in der Pflege gefördert, das kleine und mittelständische Pflegeeinrichtungen unterstützt, ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern. Der Abschlussbericht liegt inzwischen vor und ist auf meiner Homepage veröffentlicht. Bis Ende Februar läuft noch die Evaluation. Anschließend spreche ich mit den Verbänden, wie wir dies in die Fläche tragen können, damit möglichst viele Pflegeeinrichtungen davon profitieren können.

Haben Sie einen Ratschlag für das, was Pflegedienste und die Trägerverbände, zu denen sie zusammengeschlossen sind, aktuell tun können, um die pflegerische Versorgung der Menschen, die ihnen anvertraut sind, auch hier und jetzt noch so gut wie möglich sicherzustellen? Können Sie sich vorstellen, trotz unterschiedlicher Finanzierungsstränge zwischen SGB V und SGB XI in der ambulanten Pflege zu einheitlichen Verfahren der Aushandlung der Entgelte zu kommen? Wie können die strengen Sektorengrenzen zwischen den ambulanten Leistungen der Pflegekassen und denen der Krankenkassen aufgelöst werden?

Ich habe ja genau dazu Vorschläge gemacht, wie die Verhandlungen vereinfacht, die Kassen ein praktikables Nachweisrecht bekommen und die Kostensteigerungen für die Pflegebedürftigen abgefedert werden können. Solange das Gesetz aber so ausgestaltet ist wie es ist, wird sich die Situation in der ambulanten Pflege noch weiter verschärfen. Wäre ich davon nicht überzeugt, hätte ich diese Vorschläge ja nicht gemacht. Ich werde also alles daran setzen, den Gesetzgeber auf die akute Handlungsnotwendigkeit bei jeder sich ergebenen Möglichkeit hinzuweisen und nicht ruhen, bis sich an dieser Front etwas tut. Viele Verbände haben mir bereits ihre Unterstützung zu diesen Vorschlägen zugesichert. Das ist sehr hilfreich, um Veränderungsprozesse anzuschieben.

Wagen wir einen Blick auf das Jahr 2030. Nehmen wir an, die guten Ideen von Andreas Westerfellhaus haben sich durchgesetzt: Wie sieht gute häusliche Pflege im Jahr 2030 aus?

Ich denke da vor allem an die Menschen mit Pflegebedarf. Für sie muss es im Jahr 2030 selbstverständlich sein, sich selbstbestimmt ein Pflegesetting nach ihren Wünschen zusammenstellen zu können. Dazu gehören nicht nur Pflegedienste sondern auch Betreuungsdienste, Nachbarschaftsdienste, soziale, kommunale Netzwerke, eine barrierefreie Infrastruktur und eine Pflegeversicherung, die ihren Namen verdient und all dies ermöglicht. Mein Wunsch wäre, dass diese Menschen im Idealfall zwischen verschiedenen Anbietern wählen können und sich für den mit der besten Qualität entscheiden. Und dabei ausreichend finanziell von der Pflegeversicherung unterstützt werden.

Das Gespräch führte Reinhard van Spankeren. Teaserfoto: Alterio Felines/Pixabay

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Zur Person: Andreas Westerfellhaus hat mit seiner Ausbildung als Krankenpfleger den Pflegeberuf von Grund auf erlernt. Später studierte er Pädagogik für Gesundheitsberufe und übernahm 1993 die Schulleitung der Krankenschule der Westfälischen Kliniken in Gütersloh. Berufsbegleitend studierte Westerfellhaus Betriebswirtschaft. Von 2000 bis 2008 war er Geschäftsführer der Zentralen Akademie für Berufe im Gesundheitswesen, 2001 bis 2008 Vize-Präsident und 2009 bis 2017 Präsident des Deutschen Pflegerats. Wesentlicher Auftrag des Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung ist es, das Selbstbestimmungsrecht der zu pflegenden Menschen zu wahren.