12. Mai 2017

Internationaler Tag der Pflege

Streitgespräch mit NRW-Pflegeministerin Steffens

Rund um den Internationalen Tag der Pflege am 12. Mai gibt es viele lokale Veranstaltungen. Unter dem Motto "Wir für Sie - Wir gestalten die Pflege der Zukunft" wirbt die Freie Wohlfahrtspflege in NRW dafür, dass gute Pflege gute Bedingungen braucht. Auf einer Veranstaltung der Diakonischen Konferenz in Duisburg stellte sich NRW-Ministerin Barbara Steffens der Kritik an der Pflegepolitik. 

Barbara Steffens mit Mikrofon

Barbara Steffens: "Die Menschen wollen in ihrem Viertel alt werden"

Im Streitgespräch, das der Vorstand des Evangelischen Christophoruswerkes, Ulrich Christofczik, mit Barbara Steffens führte, ging es zunächst um die Zukunft der Pflege. Welche Rolle werden stationäre Angebote in der Zukunft spielen? Wieviel Pflege wird zuhause im Quartier geleistet werden können? Und: Ist die Pflege durch Angehörige immer die bessere Alternative zur stationären Pflege? Noch kontroverser aber wurde die Diskussion über die praktische Umsetzung der Pflegepolitik in NRW. Christofczik hielt der Ministerin vor, mit der Durchführungsverordnung zum Altenpflegegesetz (APG DVO) ein "Bürokratiemonster" geschaffen zu haben, das in der Praxis nicht funktioniere. 

Die Zukunft der Pflege? Ulrich Christofczik im Streitgespräch mit Barbara Steffens

Ulrich Christofczik mit Mikrofon

Ulrich Christofczik: "Konkrete Politik sieht anders aus"

Steffens warb noch einmal für ihre Überzeugung, dass die meisten Menschen "da alt werden möchten, wo sie ihr Leben lang gelebt haben - im vertrauten Viertel, im Quartier". Dies sei durch viele Umfragen belegt. Ungefragt blieb, wieviel Menschen dabei an die meist kurze allerletzte Phase des Altwerdens dachten, in der häufiger erhöhte Pflegebedürftigkeit eintritt.

Ulrich Christofczik verwies darauf, wie vage der Quartiergedanke sei. "Ihre Vorstellung vom Quartier ist mir einfach zu blumig, konkrete Politik sieht anders aus",  warf er der Ministerin vor. Die romantische Vorstellung von Pflege im Quartier übergehe, dass "die eigentlichen pflegerischen Katastrophen im häuslichen Bereich stattfinden" - durch überforderte Angehörige und fehlende Unterstützungsangebote. Auch im Altenheim könnten Bewohnerinnen und Bewohner ein selbstbestimmtes Leben führen. 

Lachend im Gespräch

Nicht nur Streit: Pastor Stephan Kiepe-Fahrenholz, Geschäftsführer der Diakonischen Konferenz Duisburg

Ähnliche Ziele, aber wer tut was?

Nicht alle Positionen blieben kontrovers. Steffens versicherte, sie sei keine Gegnerin der stationären Pflege. Im Gegenteil, Altenheime könnten ein zentraler Baustein in der Quartiersentwicklung werden, wenn sie ihre Infrastruktur fürs Gemeinwesen öffneten. Hier gebe es allerdings noch viele rechtliche Hürden. Der Rückgang an Plätzen in der stationären Pflege sei eine Folge der erhöhten Einzelzimmerquote, die von allen befürwortet werde.

Christofczik betonte,  die Entwicklung des Quartiers sei ein urdiakonisches Anliegen. Doch die Leistungsfähigkeit von Quartieren dürfe nicht überstrapaziert werden. Steffens fragte zurück, was die Diakonie tue, um den Sozialraum mit Leben zu füllen. Ein Beispiel aus Duisburg findet sich hier in einem Beitrag zur diakonischen Stadtteilarbeit im Duisburger Viertel Neuenkamp.

Frau stehend mit Mikrofon

Zuviel Kontrolle: Michaela Welles erläutert das Empfinden von Pflegerinnen und Pflegern

"Warum begegnet man uns mit so viel Misstrauen?"

Michaela Welles, Leiterin einer stationären Einrichtung des Christophoruswerks, konfrontierte die Ministerin mit dem Ärger, den die Vielzahl der Kontrollen in der Pflege verursache. "Warum begegnet man uns mit so viel Misstrauen?", fragte Welles. Ein Übermaß an Kontrolle raube Motivation und Zeit. Die Ministerin zeigte zwar Verständnis für den Ärger, betonte aber, eine Vereinfachung der Kontrollen sei nicht leicht umzusetzen. 

Gegenüber stehend

Nach der Podiumsdiskussion: Katharina Daniels diskutiert mit Barbara Steffens

"Noch zu viel Theorie und zu wenig Praxis"

Katharina Daniels, eine ältere interessierte Teilnehmerin aus Duisburg, war zur Veranstaltung gekommen, um mehr darüber zu erfahren, "welche Art von Pflege ich selbst vielleicht einmal erleben werde". Die Idee vom Quartier gefalle ihr, betonte sie. "Am Ende ist das aber noch viel Theorie, ich sehe wenig, was in die Praxis umgesetzt ist", so Daniels. Aus ihrer Sicht wird zu wenig investiert, "nicht nur an Geld, auch an Kraft, an politischer Ausdauer - an allem". 

Kampagne der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtsplege 

"Wir für Sie - Wir gestalten die Pflege der Zukunft" lautet das diesjährige Motto der LAG der Freien Wohlfahrtspflege zum Internationalen Tag der Pflege. Dazu gibt es eigene Internetseiten mit Hintergrundinformationen und Forderungen an die Politik, unter anderem zur Sicherung und Weiterentwicklung der Altenpflegeausbildung in NRW. Dort findet sich auch eine Übersicht über weitere lokale Aktionen zum Internationalen Tag der Pflege.

Text und Fotos: Christian Carls

Ihr/e Ansprechpartner/in
Christian Carls
Onlineredaktion und Internetkoordination
FSJ/BFD
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