23. Februar 2021

Impfungen in der Altenpflege

"Die Rückkehr zum Alltag wird dauern"

Fast durchgeimpft: Anfang März soll die Impfkampagne in Alten- und Pflegeheimen in NRW abgeschlossen werden. "Das war ein riesige Herausforderung", sagt Andreas Zeeh, Leiter des Zentrums Pflege in der neuen #Ärmelhoch-Folge der Impfreihe. Eine Rückkehr zum gewohnten Alltag ist aber noch nicht in Sicht.

  • Andreas Zeeh, Leiter des Diakonie RWL-Zentrums für Pflege
  • Stefanie Laubsch, Stellvertretende Pflegedienstleitung der Beeker Hausgemeinschaften, lässt sich impfen (Foto Diakonie RWL)
  • Alexander Strunk, Heimleiter Christliche Seniorenheime Lützeln, lässt sich impfen (Foto. Diakonie RWL)
  • Christina Ulrich, Pflegefachkraft im Haus Vogelsang der Rheinischen Gesellschaft für Diakonie, lässt sich impfen (Foto: Diakonie RWL)

In wenigen Wochen haben die mobilen Impfteams alle Alten- und Pflegeheime in NRW zweimal besucht. Wie anstrengend waren die vergangenen Monate für die Einrichtungen?

In der ersten Märzwoche werden die Zweitimpfungen in NRW in der stationären Altenpflege abgeschlossen sein. Die Impfkampagne hat in unseren Mitgliedseinrichtungen wirklich gut geklappt. Vor allem, weil die Mitarbeitenden über ihre Grenzen gegangen sind. Wir sind sehr erleichtert und dankbar. Aber es war eine riesiger Herausforderung für alle.

Als am 27. Dezember mit den Impfungen begonnen wurde, war das sehr spontan. Es gab quasi null Vorbereitungszeit. Die Einrichtungen haben an Weihnachten die Angehörigen kontaktiert, um die Einwilligungen rechtzeitig zu bekommen. Sie mussten erklären, warum die Impfungen wichtig sind. Parallel haben sie das Personal organisiert und die Anamnese-Bögen ausgefüllt. Und das nach den anstrengenden Monaten, die da schon hinter uns lagen. Mit regelmäßig angepassten Corona-Verordnungen, Besuchsregelungen, Test- und Hygienekonzepten. Es ist wirklich eine anstrengende Zeit. Zum Glück haben uns die Bundeswehr, die Hilfsorganisationen und auch Freiwillige im Bereich der Testungen unterstützt. Ohne sie hätte das alles nicht geklappt.

Das heißt, das Thema Impfen ist jetzt abgeschlossen?

Leider nein. Wir haben in den Seniorenheimen eine natürliche Fluktuation von rund 70 Prozent im Jahr. Das heißt, es ziehen immer wieder neue Bewohnerinnen und Bewohner ein, die in der Regel noch nicht geimpft sind. Hier müssen wir landesweit einheitliche Lösungen finden, wie wir sie Nachimpfen. In manchen Kommunen bekommen die frisch eingezogenen Bewohner recht unkompliziert einen Termin in den Impfzentren. In anderen ist das sehr schwierig.

Wie kommen die Mitarbeitenden mit der Belastung zurecht?

Viele unserer Einrichtungsleitungen sorgen sich, was passiert, wenn es wieder ruhiger wird. Sie befürchten, dass sich erst dann die Auswirkungen der hohen Belastung bemerkbar machen. Sie haben Angst, dass ihre Mitarbeitenden an Burn-out erkranken oder wegen anderer Erschöpfungssymptome langfristig ausfallen.

Und dann gibt es auch noch das Post-Covid-Syndrom (Long-Covid). Auch darüber machen wir uns zunehmend Gedanken. Nicht alle, die eine Erkrankung mit dem Corona-Virus überstanden haben, sind auch wieder gesund. Es gibt einige, die körperlich einfach nicht mehr so belastbar sind und dadurch nicht mehr voll arbeitsfähig sind. Was das für die Einrichtungen bedeutet, die schon jetzt unter dem Pflegenotstand leiden, wird sich zeigen.

Zeitweise gab es große Besorgnis darüber, dass sich nicht genug Pflegekräfte aus den Alten- und Pflegeheimen impfen lassen wollten. Was hören Sie aus den diakonischen Einrichtungen?

Das hat sich ganz und gar nicht bestätigt. Wir haben eine hohe Impfbereitschaft. Über 90 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner haben sich impfen lassen. Bei den Pflegekräften waren es im Schnitt 70 Prozent. Das kann sich sehen lassen. Den Menschen ist bewusst, welche Verantwortung sie tragen. Besonders für die Gesundheit der Seniorinnen und Senioren.

Kehrt jetzt langsam Normalität in den Heimen ein?

Dafür ist es leider noch zu früh. Nach den schlimmen Corona-Ausbrüchen sind wir froh, dass die Menschen in den Alten- und Pflegeheimen durch die Impfungen besser geschützt sind. Wir müssen aber weiterhin Masken tragen, regelmäßig Testungen durchführen und strenge Hygienevorschriften einhalten und vorsichtig sein. Es wird dauern, bis wir zu einem normalen Alltag zurückkehren.

Auch mit einer Impfung können die Menschen an dem Virus erkranken. Ob dann Infizierte das Virus dennoch weitergeben können, ist noch nicht zweifelfrei klar. Es kommt jetzt auch darauf an, dass sich weite Teile der Bevölkerung impfen lassen, damit wir in Deutschland eine Herdenimmunität erreichen.

Was wünschen Sie sich von der Politik?

Wir haben jetzt ein Jahr Pandemie hinter uns. Viele Themen, die wir klären müssen, liegen auf der Hand. Zum Beispiel, wie wir die Altenheime schrittweise stärker öffnen können oder die Frage, ob auch geimpfte Besucher regelmäßig getestet werden müssen. Unser Eindruck ist, dass bislang sehr kurz gedacht wurde. Viele Verordnungen waren recht praxisfern und ließen sich in unseren Einrichtungen teilweise nur sehr schwer umsetzen. Das könnten wir besser regeln, wenn wir als Altenhilfe-Experten stärker miteinbezogen würden.

Das Gespräch führte Ann-Kristin Herbst.

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Seit Beginn der Corona-Schutzimpfungen in den Pflegeheimen in Nordrhein-Westfalen ist laut Landesregierung die Zahl der infizierten Bewohnerinnen und Bewohner stark rückläufig. Im Januar fiel die Kurve der registrierten aktiven Corona-Fälle von 4.786 auf 1.488, wie aus einer Erhebung der Landesregierung hervorgeht. Derzeit sind laut Statistik weniger als 1.000 Senioren in den Heimen infiziert. Ein Höchststand war demnach am 23. Dezember 2020 mit 5.265 Corona-Fällen in den landesweit stationären Alteneinrichtungen erreicht. (epd)