10. Juli 2018

Hospizliche und palliative Versorgung in Pflegeheimen

Sterben braucht Zeit

Das Hospiz- und Palliativgesetz hat erste Verbesserungen in der Beratung für Menschen in Pflegeheimen gebracht. Doch dieser erste Schritt hilft nur, wenn in einem zweiten auch Mittel für die bessere Begleitung und Versorgung Sterbender bereitgestellt werden. Das ist Thema eines neuen "Diakonischen Zwischenrufs" der Diakonie RWL, der gerade veröffentlicht wurde. Pflegeexperte Rudolf Michel-Fabian erklärt, worum es dabei geht. 

Portrait

Rudolf Michel-Fabian hat den "Diakonischen Zwischenruf" zur Begleitung Sterbender in Pflegeheimen verfasst. 

Herr Michel-Fabian, wo ist das Problem bei der hospizlichen und palliativen Versorgung in Heimen?

Das Hauptproblem ist: Es fehlt an Zeit. Menschen, die sterben, brauchen eine besondere Betreuung und viel Zeit. Sie brauchen Menschen, die sie beraten, berühren, zuhören und einfach da sind.  Aber die Pflegenden haben oft nicht die Zeit, sich ausreichend auf die besonderen Bedürfnisse und Sorgen von Sterbenden einzulassen. Wenn man sich die Dienstpläne anschaut und auf den Wohnbereichen umsieht, wird klar: Da sind nicht viele. Sie sind deshalb ständig unter Stress. Dabei war für die meisten Pflegenden eine Hauptmotivation bei der Berufswahl, dass sie Menschen beistehen wollen, auch in Krisensituationen und beim Sterben. 

Was ist mit den Angehörigen?

Die Angehörigen haben die Erwartung, zumindest die Hoffnung, dass die Mutter, der Vater die Zuwendung bekommt, die sie selbst im Alltag nicht leisten können. Und die Angehörigen beanspruchen natürlich auch Zeit, sie wollen von den Pflegekräften einbezogen werden in den Sterbeprozess, in einer für sie angemessenen Weise. 

Aber warum jetzt der "Zwischenruf"? Auch vor 30 Jahren sind Menschen im Altenheim gestorben.

Die Situation in den Altenheimen hat sich komplett verändert – aber in einem langsamen, schleichenden Prozess. Heute gehen die meisten Menschen erst dann in eine stationäre Einrichtung, wenn der Pflegebedarf hoch ist und ihre Lebenserwartung sehr kurz. Immer mehr Menschen lehnen eine lebenserhaltende Apparatemedizin für sich ab. Sie sterben dann dort, wo sie in ihrer letzten Lebensphase wohnen – im Altenheim. Es gibt Einrichtungen, da stirbt niemand im Krankenhaus. Der Anteil von Menschen in Altenheimen, die kurz vor und in der in der Sterbephase sind, ist so drastisch angestiegen. 

Nun ist doch erst in der letzten Legislaturperiode ein Gesetz verabschiedet worden, das nach Auffassung des Bundesgesundheitsministeriums "die Versorgung von Menschen in der letzten Lebensphase" deutlich verbessert. 

Diese Auffassung ist ein Missverständnis. Beim Hospiz- und Palliativgesetz ging es in erster Linie um das Thema Patientenverfügung. Ohne Beratung sind die meisten Menschen komplett damit überfordert, wenn sie Form und Grenzen der Behandlung am Lebensende entscheiden sollen. Und eine Jahre alte Patientenverfügung bildet oft nicht mehr den aktuellen Willen ab. Der muss neu entwickelt werden. Dafür brauchen die Betroffenen und Angehörige gute Beratung. Und die sollte durch das Gesetz verbessert werden. 

Und wie sieht das konkret aus?

Es gibt eine Finanzierung neuer Strukturen für die Beratung – und zwar im Umfang von einer Fachkraft auf 400 Menschen im Heim. In einer Einrichtung mit 100 Bewohnern handelt es sich also um eine zusätzliche "Viertel-Kraft", die herausfinden muss, wann eine Beratung erforderlich ist, wann Fallgespräche zu initiieren sind, wann Angehörige einbezogen werden und wann die Ärzte. Das muss sie für alle 100 Bewohnerinnen und Bewohner leisten. 

Immerhin eine Verbesserung, oder?

Die Beratung wird verbessert, wenn auch mit dem Schlüssel von eins zu vierhundert nur als Tropfen auf den heißen Stein, der das, was eh zur Pflege dazugehört, ein Stück mehr qualifizieren kann. Denn natürlich wird die Beratung auch im Pflegealltag geleistet. Aber da fehlt oft die erforderliche Zeit dafür. Die verbesserte Beratung könnte eine bessere Versorgung ermöglichen, denn ich kann Menschen nur dann auch im Sterben gut begleiten, wenn ich vorher mit ihnen darüber geredet habe, was sie wollen. Aus der fachlichen Sicht ist das genau der erste Schritt im Prozess. Was noch fehlt, sind die Mittel für die Umsetzung einer guten Begleitung, die ja aus der Beratung folgen soll. 

Welche Lösung bietet der Zwischenruf?

Für unseren Vorschlag haben wir Erfahrungen aus einem diakonischen Modellprojekt in Wuppertal ausgewertet. Danach wäre für eine gute hospizlich-palliative Versorgung in einem Altenheim mit 80 bis 100 Bewohnern eine zusätzliche Vollzeitkraft notwendig, für Beratung, Koordinierung, Steuerung der Zusammenarbeit mit ambulanten Hospizdiensten, Fallbesprechungen usw. 

Und: Alle Mitarbeitenden in der Pflege brauchen eine Basisqualifizierung in Palliativer Praxis, denn alle werden von Bewohnerinnen und Bewohnern angesprochen und müssen die Konzepte zur palliativen Versorgung verstehen und mittragen können. Dafür sollte auf allen Wohnbereichen auch mindestens eine Pflegekraft über eine spezielle Ausbildung als Palliativfachkraft verfügen. 

Was kostet das?

Wenn es einen konsequenten zweiten Schritt für die wirkliche Verbesserung bei der Begleitung Sterbender geben soll und wir das Wuppertaler Modell zugrunde legen, reden wir bei einer bundesweiten Umsetzung über gut zwei Milliarden zusätzliche Kosten in der stationären Pflege. 

Ist das realistisch?

Die intensive Begleitung Sterbender in Heimen darf nicht unrealistisch sein. Dazu gehört Zeit für gute Beratung und existenzielle Fragen. Dazu gehört, dass die Pflegenden die Zeit haben, jemandem mal die Hand zu halten oder jemandem zuzuhören oder auch einfach mal da zu sein. Wir dürfen uns nicht daran gewöhnen, dass Pflegende nur dann produktiv sind, wenn sie ständig etwas machen und ständig unter Strom stehen. Zuwendung und Kommunikation müssen wieder ein selbstverständlicher Teil von Pflege werden. 

Eine gute Sterbebegleitung braucht Zeit und Geduld.

Was kann der "Zwischenruf" bewirken?

Das Hauptziel dieser Broschüre ist, die politische Diskussion zur Versorgung Sterbender in Pflegeeinrichtungen wachzuhalten. Die Politik versucht gerade, mit aktionistischen Verbesserungen in der Behandlungspflege zu punkten. Das ist auch wichtig, aber wir wollen daran erinnern, dass es da noch ein anderes Thema gibt, das mindestens genauso bedeutsam ist. Dafür müssen wir das Thema Sterben im Heim aus der Tabuzone holen. Die Politikerinnen und Politiker müssen wissen, dass das Versprechen einer besseren Versorgung aus dem Koalitionsvertrag nicht mit einigen zusätzlichen Fachkräften für die Behandlungspflege erledigt ist. 

Wie wollen Sie dem Zwischenruf Gehör verschaffen?

Der Zwischenruf kann allen in der Politik, die sich dafür eine halbe Stunde Zeit nehmen wollen, einen fundierten Einblick in ein sehr komplexes Thema geben. Wir verteilen den Zwischenruf in Abstimmung mit dem Bundesverband an Akteure in der Bundespolitik. Und wir verteilen die Broschüre an die Landespolitik, denn der Bundesrat hat in der letzten Legislaturperiode im Prinzip genau das gefordert, was auch wir fordern. Meine Hoffnung ist, dass der Bundesrat das Thema nochmal aufgreift und Dampf macht, damit wirklich etwas geschieht. Und wir verteilen den Zwischenruf an alle interessierten Mitglieder, die ja vor Ort häufig im Gespräch mit Politikerinnen und Politikern sind. Und ich bin optimistisch, dass auch andere Akteure das Thema aufgreifen und sich noch mal mit eigenen Stellungnahmen und Publikationen zu Wort melden. 

Und erwarten Sie etwas von den Medien?

Meine Hoffnung ist, dass Journalisten, wenn sie das nächste Mal Zustände in Heimen skandalisieren wollen, vielleicht einen Blick in unsere Broschüre werfen und sich bewusst machen, dass die Pflegenden alles tun, was in der knappen Zeit irgendwie möglich ist. Und dass die Träger sich schon lange für eine Verbesserung der Versorgung einsetzen. 

Das Gespräch führte Christian Carls.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Rudolf Michel-Fabian

Stationäre Pflege

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