5. April 2019

Digitalisierung im Alter

Ethische Leitlinien und praktische Übung

Digitalisierung – das Zauberwort ist in aller Munde. Der Megatrend Digitalisierung fordert Arbeit und Leben heraus. Es gibt Digitalisierungseuphoriker und Digitalisierungsskeptiker. Und es gibt die Macher der Digitalisierung. Zum Beispiel in der diakonischen Altenhilfe.

Computer und Tablet

Ohne Tablet und Computer geht auch in der Pflege nichts mehr.
(Foto: William Iven auf Pixabay)

Im Diakonielexikon von 2016 kommt der Begriff "Digitalisierung" nicht vor. Und das, obwohl die Digitalisierung doch schon seit einigen Jahren in Pflege und Gesundheitswirtschaft, im Sozialwesen und am Krankenbett mit großen Schritten voranschreitet. Die Produkte werden micro und nano, die Geschwindigkeit wird mega, das Datenvolumen wird terra und das Home wird smart.

Dabei kann Digitalisierung praktisch vieles bedeuten. Zum Beispiel Verzicht auf Papier in Buchhaltung und Personalverwaltung. Zum Beispiel Automatisierung und Robotisierung von bisher lebendiger Arbeit. Zum Beispiel Produktion riesiger, unüberschaubarer Datenmengen. Zum Beispiel auch neue Kommunikation, neuer Austausch in Bild, Schrift und Ton auf Plattformen und in mehr oder weniger sozialen Netzwerken.

Portrait

Melissa Henne: Digitalisierung braucht Ethik! (Foto: von Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel)

Digital vor ambulant vor stationär?

Was heißt das alles für das Martin-Luther-Haus oder das Katharina von Bora-Haus, also für die vollstationären Altenpflegeeinrichtungen auf dem Gebiet der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe? Wie krempelt die Digitalisierung Leben und Sterben, Arbeiten und Feiern, Helfen und Pflegen in der diakonischen Altenhilfe um?

"Der Ruf nach der Ethik ist nicht mehr ganz so laut zu hören", konstatiert Melissa Henne, die für Bethel im Rheinland arbeitet und ein Buch zum Thema geschrieben hat. "Technik, die begeistert" heißt das Fachbuch – doch der Titel ist mit einem Fragezeichen versehen. "Digital vor ambulant vor stationär" könne nicht die allein seligmachende Lösung für alles sein, betont die Expertin auf der Tagung "Digitalisierung im Alter" des Evangelischen Fachverbandes für Altenhilfe RWL in Gelsenkirchen.

Neue Technik und klassische ethische Fragen

Es seien im Grunde die klassischen ethischen Fragen, die in neuen Dimensionen an die Herausforderung Digitalisierung zu stellen sind, so Melissa Henne. Also die Frage nach dem Menschenbild, nach der Autonomie, nach dem Zwischenmenschlichen, nach Gerechtigkeit und Verantwortung; eher neu und verschärft käme hier aber die Frage nach der Zwischenwelt von Mensch und Technik hinzu. Henne präsentierte eine Art Gewinn- und Verlustrechnung der Digitalisierung in der Altenpflege.

"Die Pflegeplanung kann komplett durch künstliche Intelligenz übernommen werden", glaubt sie. Auf der anderen Seite sei der Pflegefachkraft nicht geholfen, "wenn der Roboter Pepper Freizeitangebote macht". Die Träger sollten ethische Leitlinien entwickeln,  forderte die Fachfrau. Zugleich sei es für jeden Einzelnen hilfreich und erkenntnisfördernd, einfach mal die neuen digitalen Produkte in die Hand zu nehmen und die Techniken auszuprobieren.

Gruppenfoto

Die Expertenrunde auf dem Fachtag "Digitalisierung im Alter"

Soziales und pflegerisches Quartier

Digitalisierung meint, dass technische Innovationen sich geradezu überschlagen. Die Technik wird zum allgegenwärtigen Begleiter des Menschen, sogar zum Teil des menschlichen Körpers, wenn man sich etwa einen Chip einpflanzen lässt. Künstliche Intelligenz und das Miteinander und Ineinander von Mensch und Maschine hält der Stuttgarter Technikphilosoph und Digitalexperte Hauke Behrendt aber nicht für das Entscheidende. Er schreibt: "Das Netzwerk, die umfassende Vernetzung verschiedener Welten, ist das wohl entscheidende Merkmal der Digitalisierung, wie wir sie heute erleben."

Die Diakonie arbeitet, wenn auch in anderer Weise und mit anderen Akzenten, immer schon als Netzwerk, nämlich als Netzwerk der Hilfe. Im Zeitalter der Digitalisierung kann sie innovativ und beispielhaft neue Netzwerke aufbauen. Das "Wiesbadener Modell" kann als so ein neues Netzwerk angesehen werden. Peter Kiel von der "EVIM" in Wiesbaden stellte das Quartier neuen Typs auf der Fachtagung in Gelsenkirchen vor.

Im Namen dieses evangelischen Trägers von Altenhilfe und  Behindertenhilfe verstecken sich reichlich traditionell die Buchstaben I und M für Innere Mission. Sie stehen heute für ein Innovatives Miteinander, hier das sonst oft diakonisch tabuisierte Miteinander von diakonisch getragener stationärer Altenhilfe und privater häuslicher Krankenpflege. Zum Wohl der Menschen im Stadtteil arbeiten hier soziales Quartier und pflegerisches Quartier eng zusammen. Digitale Prozesse treiben und befördern diese zukunftweisende Quartiersidee.

Gruppenbild

Das Smartphone ist immer dabei, auch auf der Fachtagung in Gelsenkirchen.

Helfen ist Assistenz

Der Gesundheitsökonom Ingolf Rascher pendelt in Sachen Digitalisierung zwischen Amsterdam und Bochum als digitaler Experte und Berater. Er hält fest: "Die Versorgung der Patienten wird sich durch die Digitalisierung in der Summe qualitativ verbessern." Auch für die Mitarbeitenden sieht er gute Perspektiven. "Der vermehrte Technikeinsatz kann zu einer Entlastung der Pflegekräfte führen."

Ob Hausnotruf oder Telemedizin oder digital gesteuerte Medikamentengabe: Wer behaupten will, die diakonische Altenhilfe sei digitales Brach- oder Entwicklungsland, der irrt. Vieles wird ausprobiert und alles wird ausgewertet. Ethisch und praktisch und – davon gehe ich aus – immer mit den Bewohnern. Das hohe Gut der Wahlfreiheit darf nicht digital ausgehebelt werden. Hilfe darf nicht in Überwachung und Kontrolle ausarten.

"Helfen" sagt man seit einiger Zeit nicht mehr so gerne in der Diakonie. Es heißt jetzt "Assistenz". Die neuen digitalen Diener leisten (technische) Assistenz. Sie dürfen nicht zu Herrschern werden, schon gar nicht zu Herrschern über Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind.  Die Digitalisierung kann im besten Fall ein neues, erweitertes Bild und eine neue, umfassendere Praxis der Assistenz für eine menschenwürdige Pflege befördern.

Es sind zwei zentrale Herausforderungen, die die Diakonie zurzeit zu bewältigen hat: die Herausforderung Digitalisierung und die Herausforderung Fachkräftemangel. Die Digitalisierung wird den Fachkräftemangel nicht beheben. Aber sie bietet Chancen für einen neuen Bewohner-Profi-Bürger-Technik-Mix.

Die Präsentationen und Materialien der Fachtagung stellt bei Bedarf Martina Althoff zur Verfügung: m.althoff@diakonie-rwl.de

Buchhinweis: Melissa Henne: Technik, die begeistert? Ethische Reflexion technischer Unterstützung in der Diakonie ausgehend vom Capabilities Approach nach Martha Nussbaum, Nomos-Verlag, Baden-Baden 2019.

Text und Fotos: Reinhard van Spankeren

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